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Kitzbüheler Anzeiger
Fahrplancheck Hauptbahnhof Kitzbühel

"Lost" im Fahrplan

Als jemand, der staatlich beglaubigt Auto fahren darf (d.h. einen gültigen Führerschein besitzt) und dessen Termine beruflich wie privat teilweise minutengenau getaktet sind, fällt es mir schwer, auf den privaten Vier-Rad-Antrieb unter dem Hintern zu verzichten. Das ist bei Weitem keine grundsätzliche Lebenseinstellung, es ist vermutlich eine Frage der Bequemlichkeit, aber auch eine Zeitfrage. Gottseidank gibt es ein öffentliches Verkehrsnetz, es ist eine wichtige Grundversorgung und ich bin ihm prinzipiell nicht abgeneigt.
Aber je stressiger der Alltag ist, desto weniger kommt mir in den Sinn, dass man gewisse Wege auch mit den Öffis zurücklegen kann – und der Umwelt zuliebe auch wirklich sollte.

Schließlich sind wir nicht in der Großstadt, wo eher das Auto der Exot ist und öffentliche Verkehrsmittel eine wirklich gute Möglichkeit sind, von A nach B zu kommen. Klar, der Zug ist super. Eine zentrale Lebensader, die quer durch die Region führt. Zug fahren ist für mich oft genug eine echte Alternative. Aber wie sieht es darüber hinaus aus? Eine längere Busfahrt male ich mir wie eine Safari in unentdecktes Gebiet aus – oder wie ein Trip auf dem „Traumschiff“. Das Abenteuer lockt. Auch die Kids sind sofort dabei: „Kinder, wir fahren Bus!“

Jules Vernes Held Phileas Fogg hat es einst vorgemacht: Mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommt man in 80 Tagen um die ganze Welt! Ich bin zuversichtlich, dass eine Tour zu den äußersten Winkeln des Bezirkes Kitzbühel nicht so lange dauern wird. Aber erst mal den Fahrplan checken. Erschwerend kommt hinzu, dass ich mir für das Projekt Öffis einen Zeitraum mit starkem Schneefall ausgesucht habe. Da muss man jetzt durch. Mit dem Auto wär’s auch nicht lustiger, mal ganz ehrlich jetzt.

Zum Start geht es von Itter mit Zwischenetappe in Going nach Kitzbühel
Willkürlich und ohne große Vorrecherche nehme ich mir zunächst eine Fahrt von Itter mit Zwischenstopp in Going nach Kitzbühel vor. Zu meiner Freude gibt es da eine direkte Linie, ohne Umsteigen. Das wäre bei diesen Verhältnissen auch nicht sehr angenehm. Über die VVT-App hole ich mir ein Ticket – keine Ahnung, ob ich da die günstigste Variante erwischt habe, ich hoffe es mal.

Wir packen uns wintersicher ein und starten los – auf den letzten Drücker, wie üblich. Der Kleine will außerdem unbedingt seinen heißgeliebten Riesenteddy mitnehmen. Warum eigentlich nicht, der Bär kommt also geschwind in einen großen Rucksack, den ich mir auf den Rücken schnalle.
Wir kämpfen uns leicht bis mittelschwer gehetzt zur Haltestelle („Den Bus sollten wir schon kriegen, sonst müssen wir eine Stunde warten!“), ab da geht alles glatt. Wir gondeln gemütlich durch die Winterlandschaft. Das Schaukeln und der Bär vollführen ihren Zauber – der Kleine schläft nach wenigen Minuten ein.

Die Palette reicht von „es geht alles glatt“ bis zu „der Weg ist nicht immer das Ziel“
Die vertrauten Wegpunkte gleiten vorbei, bei den Bergbahn-Talstationen dirigiert unser Busfahrer gekonnt die verirrten Schäflein zur jeweils passenden Haltestelle und ich beobachte Urlauber, die mit Skiern, Stöcken, Helmen, Handschuhen und durchgefrorener Familie zusteigen und wahrscheinlich hoffen, dass sie bald wieder im Hotel sind.

Wir haben in der Kitzbüheler Innenstadt eine Erledigung zu machen, den nächsten Rückbus schaffen wir nicht. Aber dafür den Zug (auch auf den letzten Drücker, wie üblich). Als wir wieder ankommen, ist es spät, dunkel, kalt und es schneit sehr stark. Unsere Motivation, zu Fuß wieder nach Hause zu gehen, ist ungefähr so hoch wie die Außentemperatur. Ab da wird klar: Die letzte Meile ist ein Luder. Kompliziert sind nicht die großen Wege, sondern die kleineren. Dennoch verbuche ich diese Fahrt als Erfolg: Es ging zügig dahin, wir waren pünktlich an den Zielorten – trotz der Straßenverhältnisse. Der Teddy hat eine Spazierfahrt bekommen und der Kleine ein entspanntes Schläfchen.

Anderntags. Wochenende. Ich bin in Kössen und überlege mir, mit dem Bus nach Waidring zu fahren. Das Wetter ist feucht-kalt. Ich checke online den Fahrplan und verliere gleich mal die Lust. Mir wird als Nächstes eine Verbindung angezeigt, die zuerst nach St. Johann führt, wo ich dann in den Bus nach Waidring steigen kann. Insgesamt werde ich laut Routenplaner knapp zwei Stunden unterwegs sein. Naja.

Dennoch begebe ich mich durch Schneematsch auf den Weg zur Haltestelle und überprüfe gleichzeitig am Handy nochmals den Fahrplan. Ein Fehler. Als ich hochblicke, sehe ich den Bus an mir vorbeifahren. Der nächste kommt in einer Stunde.
Es lässt sich jetzt spekulieren, ob unglückliche Umstände im Spiel waren oder die berühmte „Freud‘sche Fehlleistung“ – mein Unterbewusstsein hätte sich demnach gegen so eine langwierige Fahrt gewehrt und den Bus absichtlich verpasst. Kurzum, ich lasse es diesmal bleiben. Auch eine Erfahrung – der Weg ist nicht immer das Ziel.

Schneller geht es da schon von Hochfilzen in die Kelchsau – mit dem Zug nach Hopfgarten, dann beinahe nahtlos weiter in den Bus, der ohne Umschweife durch die charmante Landschaft düst. Wir sind zugegebenermaßen erst in Hopfgarten eingestiegen, aber wir haben den Zug einfahren sehen. Für die Passagiere wäre es möglich gewesen, die Haltestelle zu erreichen. Wir kommen beim Fuchswirt an, machen ein Beweisfoto und begeben uns auf die Rückreise.

Fazit: Ohne großes Vorwissen über das Öffi-Netz habe ich meine Testfahrten in Angriff genommen. Manches geht problemlos, andere Fahrten wiederum verlangen Vorausplanung, um das optimale Ergebnis zu bekommen. Der innere Schweinehund schreckt am meisten vor der letzten Meile zurück. Aber Routinefahrten – zum Beispiel in die Arbeit oder zur Ausbildungsstelle – sind durchaus eine Alternative (wo die Verbindung passt).
Mit diesen Überlegungen stehe ich, wie sich herausstellt, nicht alleine da. Eine Nachfrage beim Land Tirol ergibt, dass generell die Zahl der Öffi-Nutzer im Steigen begriffen ist. Aber was braucht es denn konkret als Anreiz, damit noch mehr Leute auf das öffentliche Netz setzen?

Zusammenspiel aus Qualität, Angebot und Preis als Anreiz für den Umstieg
„Tirolweit wird mittlerweile fast jeder sechste Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt – das entspricht einem Anstieg von rund zehn auf 15 Prozent seit 2011.“
Menschen entscheiden sich für den Umstieg vor allem durch ein überzeugendes Zusammenspiel aus Angebot, Qualität und Preis, so die Erkenntnis aus der Mobilitätserhebung Tirol 2022.
Entscheidende Faktoren sind demnach ein attraktives Angebot mit guten Taktungen und schnellen Verbindungen – besonders in Tirol auch für die letzte Meile.
Entsprechend wirkte sich der Ausbau des Angebots im Verkehrsverbund Tirol (VVT) positiv auf die Nutzung aus. „Besonders im Tiroler Unterland – und damit auch in der Region Kitzbühel – ist zwischen 2021 und 2025 ein starkes Wachstum zu verzeichnen. Gemeinden wie Westendorf (von 382 Jahreskartenbesitzern auf 537 – ein Plus von 41 %), Hopfgarten (von 626 auf 868 – ein Plus von 39 %) und St. Johann (von 790 auf 1.066 – ein Plus von 35 %) zeigen, wie stark ein verbessertes Angebot angenommen wird“, heißt es dazu vom Land. Ebenso wichtig sei ein leistbares und einfach zugängliches Tarifsystem sowie Qualität.

VVT Regional Bus Winterlandschaft

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