
Kraftplatz mit grandioser Fernsicht: Am Kröndlhorn thront anstelle eines Gipfelkreuzes ein winziges und sagenumwobenes Gotteshaus auf 2.440 Metern Seehöhe.
Kraftorte in den Kitzbüheler Alpen entdecken
Bewusste Entschleunigung, das Leben im Moment, die Pause vom Alltag. Das alles ist möglich bei einem Spaziergang durch den Wald, einer Auszeit am Berg, bei Yoga in freier Natur oder im Sprühnebel eines Wasserfalls. Und dann gibt es noch Orte, denen Menschen eine ganz besondere Ausstrahlung zuschreiben. Kraftorte werden diese Plätze genannt, weil hier die Gedanken langsamer werden, Belastendes in den Hintergrund tritt und die körpereigenen Kräfte neu zum Leben erwachen. Es sind Naturschauplätze, religiöse Stätten oder besondere Landschaften, die zu Energie, Inspiration oder innerer Ausgeglichenheit verhelfen. Ihnen wird eine positive Wirkung auf Körper, Geist oder Seele zugeschrieben.
Kraftorte laden dazu ein, innezuhalten und die Umgebung bewusst wahrzunehmen. In den Kitzbüheler Alpen reichen dieses speziellen Plätze von eiszeitlichen Moorlandschaften über tosende Wasserfälle und stille Bergseen bis zu markanten Gipfeln. Der im November 2023 verstorbene Kitzbüheler Geomant und Geokulturberater Harald Kunstowny hatte sich intensiv der Erforschung von magischen Orten und Kraftplätzen in seiner Heimat gewidmet. Allein im Bezirk Kitzbühel stellte er im Zuge seiner Nachforschungen 40 Kraftplätze fest.
Was einen Kraftort ausmacht, lässt sich naturwissenschaftlich nicht messen, erklärt hingegen der Kitzbüheler Geologe Andreas Pflügler auf Anfrage. Energetische Linien oder Strahlungen aus dem Untergrund würden in der Wissenschaft nicht existieren. Die wohltuende Wirkung von Kraftorten sei viel mehr über Sinneswahrnehmungen zu erklären, über das jeweils persönliche Gefühl, wie Pflügler erklärt. „Manche spüren es beim ersten Blick über ein weites Tal, andere beim Rauschen eines Gebirgsbaches. Vielleicht liegt das Geheimnis der Kraftorte aber gerade darin, dass jeder Mensch sie anders erlebt.“
„Gesteinsinsel Gaisberg lockt mit Kraftstein und Wallfahrtsort“
Magisch für viele Menschen ist jedenfalls das Kröndlhorn. Als steiniger Gipfel an der Grenzlinie zwischen Tirol und dem Pinzgau ragt es mit seinen 2.444 Metern aus den sanften Grasbergen der Kitzbüheler Alpen markant heraus. Anstelle des Gipfelkreuzes wurde hier schon 1903 eine winzige Kapelle errichtet. Das winzige und sagenumwobene Gotteshaus steht an einem perfekten Platz: Tiefe Stille, unendliche Ruhe und hunderte Kilometer Fernsicht mit Ausblick auf zig Dreitausender machen es zu einem wahren Kraftplatz. Das Kröndlhorn ist vom Windautal, von der Kelchsau und von Wald im Pinzgau erreichbar. Eine lange, aber lohnende Tour in der Stille einer unberührten Bergwelt.

Eiszeitlicher Felsblock von den Hohen Tauern auf den Gaisberg „gereist“. Im Hintergrund der Große Rettenstein (links) sowie die gleißenden Firnfelder des Alpenhauptkamms.
Auf eine Zeitreise in ferne Jahrmillionen der Erdgeschichte begibt man sich bei einer Wanderung auf und um den Gaisberg. Der Kirchberger Hausberg (1.770 Meter) ist im Zuge der Alpenauffaltung vor zig Millionen Jahren bei gigantischen Deckenverschiebungen von Süden nach Norden vom Wilden Kaiser abgerissen.
Seither liegt er als Inselberg isoliert inmitten doppelt so alter Gesteinen aus dem Erdaltertum. Im Bereich der Wiegalm verläuft die geologische Grenze zwischen Kalkgestein (Gaisberg) und Schiefergestein (Gampenkogel).

Sprühnebel von Wasserfällen, im Bild der Eifersbacher Wasserfall, reduzieren Stress und helfen bei Allergien und Asthma.
Einem großen, dicht mit Flechten bewachsenen Felsblock, der auf dem eiszeitlichen Gletscherstrom von den Hohen Tauern auf den Gaisberg „angereist“ ist, schrieb Geomant Harald Kunstowny „eine Energieausstrahlung von sehr hoher Qualität“ zu. Der Findling ist oberhalb der Wiegalm zu finden.
Den stärksten Kraftplatz auf dem Gaisberg hat Kunstowny bei der Wallfahrtskapelle Harlassanger gefunden. Das 1732 erbaute Kirchlein oberhalb der Kobinger Hütte ist ein Marienheiligtum, für den Geomant war es ein urweiblicher Kulturort von höchster Intensität, der bereits zur Zeit der Kelten als heiliger Kultplatz genützt worden sein soll. Kunstowny stellte eine starke weibliche Drachenenergie fest, die in Verbindung mit einem kosmischen Einstrahlungspunkt zusammentrifft.

Yoga auf einem Gesteinfindling am Kraftpunkt Erber Kreuz im Kitzbüheler Bichlach. Für Bio-Bäuerin und Yoga-Lehrerin Johanna Haas ein ganz spezieller Kraftort.
Im Kitzbüheler Ortsteil Bichlach findet sich neben dem Erber Kreuz ein weiterer markanter Felsblock aus Granit. Es handelt sich dabei ebenfalls um einen Gesteinsfindling, der in der Eiszeit angespült wurde. Für Johanna Haas, Bio-Bäuerin am Hof Vordererb und Yoga-Lehrerin, liegt der Felsblock genau an einer intensiven Energielinie, die sich vom Wilden Kaiser über das Bichlachgebiet bis zur Kitzbüheler Katharinenkirche erstrecken soll, das habe Harald Kunstowny herausgefunden, erzählt sie.
„Dieser Stein wurde vermutlich schon zur Keltenzeit als Ritual-Ort verwendet. Er hat eine ausgeprägte weibliche Energie“, weiß die Yoga-Lehrerin, die gleich daneben ihre Yoga-Plattform aus selbstgezimmertem Holz aufgestellt hat. Dass ihr Hof Vordererb ohnehin an einem Kraftplatz mit außerordentlicher Qualität liegt, davon ist sie felsenfest überzeugt.
Nur wenige Meter Luftlinie von Vordererb entfernt, findet sich mit dem Rettenberg ein weiterer Kraftort. Mit seinen 876 Höhenmetern eigentlich nur ein Hügel, stellt er jedoch die höchste Erhebung des Bichlachs dar. Es ist ein sonniger Aussichtspunkt inmitten von weiten Wiesen und einem atemberaubenden 360-Grad-Panorama. Ein stiller Ort, der zum Entschleunigen sehr geschätzt wird.
Beeindruckender Kraftplatz mit grandiosem Blick auf die wilden Kletterwände
Szenenwechsel von der sanften Hügellandschaft des Bichlach zu den schroffen Felswänden des Wilden Kaisers: Dort thront auf einer kleinen Anhöhe oberhalb des Stripsenjoch-Hauses das imposante Tavonaro Kreuz. Es gilt als eines der am meisten fotografierten Motive im Wilden Kaiser.
Seinen Namen erhielt das Kreuz von Johann Tavonaro, dem ersten Hüttenwirt des 1902 eröffneten Stripsenjoch-Hauses, einer Alpenvereinshütte der Sektion Kufstein, auf 1.577 Metern Seehöhe.
Tavonaro, der zugleich auch Bergführer war, ließ das Kreuz anlässlich seiner 150. Tour auf das Totenkirchl errichten. Bis zum Jahr 1910 erklomm er den Gipfel 200 Mal. Zusammen mit Philipp Scheine war er außerdem Erstbesteiger des Predigtstuhl-Hauptgipfels im Jahr 1895.
Das Stripsenjoch ist von einer weiteren Besonderheit gekennzeichnet: Es ist der Übergang vom Kaiserbachtal in das Kaisertal und eine markante Schnittstelle von Wildem und Zahmem Kaiser.

Das Tavonarokreuz. Kraftplatz im Banne der berühmten Kletterwände von Predigtstuhl, Fleischbank und Totenkirchl.