
Vorderhacher im Kriegsjahr 1916. In der Mitte Thersia Keuschnigg mit dem zweijährigen Sohn Simon, daneben die Tochter Theresia und das Ziehkind Toni Maletz. Links und rechts die Geschwister der Bäuerin von Lengreith; Josef und Toni Huber, Christina Hotter geb. Huber und ganz rechts Magdalena Huber, daneben vermutlich Elisabeth Zotter. Sie alle halfen in der Landwirtschaft Vorderhacher mit.
Ein Frauenschicksal am Haberberg
Das Leben von „Thresei“ war mit dem Haberberg verbunden. Sie kam 1889 in Lengreith zur Welt und heiratete 1908 den Erben von Vorderhacher, Simon Keuschnigg. Von ihren fünf Kindern starben zwei als Kleinkinder und eine Tochter mit zehn Jahren. Nur Theresia, geboren 1910, und der vier Jahre jüngere Simon erreichten das Erwachsenenalter.
Auf den Bauernhöfen lief vor dem Ersten Weltkrieg alles wie seit Jahrhunderten ab. Als die alte Ordnung zusammenbrach, hatte das Auswirkungen auch auf die kleine Welt einer Bauernfamilie. Theresia Keuschnigg musste unerwartet und lange den Betrieb führen. ihre Erfolgsgeschichte ist dokumentiert. 1)
Sie sprang zuerst für ihren Mann ein, der im Sommer 1914 einberufen wurde und 1916 schwer krank heimkam. Als er starb, war der Hoferbe acht Jahre alt. In den Notjahren der Zwischenkriegszeit schien der Hof nach einer unglücklichen Heirat der Bäuerin verloren. Aber sie erkämpfte ihn zurück. Der Sohn war von Anfang 1938 bis zum Herbst 1945 Soldat. Die Mutter führte wieder mit Umsicht und ganz auf sich allein gestellt den Hof.
Roggen, Gerste, Hafer, Flachs und Erdäpfel
Die Wirtschaftsgrundlage auf Vorderhacher bestand aus fünf Hektar Egartwiesen, die zweimal gemäht wurden, drei Hektar einmähdige Wiesen, zwei Hektar für Getreide (Roggen, Gerste und Hafer), ca. drei Ar Flachs (8 bis 10 Flachsschöber) und einem Erdäpfelacker. Zum Hof gehörten 25 Hektar Wald, der intensiv beweidet wurde. Das gewonnene Holz wurde in Verkaufsholz, Schindel-, Zaun -und Brennholz unterschieden.

Hochzeitsbild von Theresia geb. Huber und Simon Keuschnigg (1909).
An Vieh wurden neun Kühe, ebenso viel Jungvieh und wie bei allen Höfen ein paar Schafe und Ziegen sowie Hennen und Bienen gehalten. Bei der Übernahme im Jahr 1908 war auch ein Pferd eingestellt worden, mit dem aber der Bauer nicht umgehen konnte. Deswegen wurde es abgegeben und ein oder zwei Ochsen waren weiter die Zugtiere. In den Zwanzigerjahren erwarb die Bäuerin wieder ein Pferd.
Bei der bäuerlichen Familie arbeiteten und wohnten damals auf einem Hof dieser Größe ein Knecht und ein Jungknecht, eine Magd und aushilfsweise eine Kindsdirn. Das Gesinde lebte auf dem Hof mit und war gering entlohnt.
Große Belastung der Bäuerinnen
Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden viele Männer von der hochsommerlichen Erntearbeit „zu den Waffen gerufen“ und Frauen mussten auch die schwere Arbeit in Feld und Stall leisten. Ihre Geschwister von Lengreith halfen auf Vorderhacher aus. Simon Keuschnigg kam 1916 krank zurück und verstarb 1922 an einem Krebsleiden. Der einzige Sohn wurde als Hoferbe eingetragen. Er war noch Volksschüler. Das Gericht setzte einen Vormund ein.
Durch den Zusammenbruch des Währungssystems nach dem Weltkrieg gingen viele Ersparnisse verloren. Mit den Geldscheinen, die früher für den Kauf einer Alm gereicht hätten, konnte man noch einen Ochsen erwerben.
Drei Jahre nach dem Tod des Gatten heiratete Thresei, 32 Jahre alt, 1925 den vom nahen Stegenhäusl stammenden Zimmerer Josef Zotter (1899 – 1980), der auf Vorderhacher Knecht geworden war. Die bald auftretenden Unstimmigkeiten zwischen dem ungleichen Paar führten dazu, dass sogar der Hof an Simon Wörgötter von Einöd in Weng verpachtet wurde. Der Hoferbe wurde mit 14 Jahren Kühbub, verantwortlich für acht Kühe und drei Galtlinge, im Winter war er Fütterer. Dann wurde er Knecht beim Huberer in Litzlfelden.
Die Verpachtung seines Hofes wurde gerichtlich aufgehoben, aber der Pächter und seine Frau mussten als Wirtschafter entschädigt werden. Die vorgeschriebene Zahlung entsprach dem Wert von sechs Kühen.
„Trennung von Tisch und Bett“
Ab März 1929 konnte die Familie den Hof wieder selbst führen. Im Dezember 1932 kam es nach zwei Gerichtsverhandlungen zur „Trennung von Tisch und Bett“ zwischen Theresia und Josef Zotter. Die Bäuerin hat das wegen ihrer religiösen Grundhaltung und wegen des befürchteten Ansehensverlustes nie verwunden. Zotter konnte sich von der Abfertigung den kleinen Hof Hinteraiglsau kaufen. 2)

Die Firstpfette des Mittelflurhauses Vorderhacher war mit 1838 datiert. Nach 1920 wurde der Wohnteil gemauert. In den Sechzigerjahren wurde der Stall, später das Wohnhaus mit einem Quertrakt neu gebaut.
Bei der Auflösung des Pachtvertrages und wegen der Zahlungen an den Ex-Gatten ging der Viehbestand fast auf. Der Erbe wurde mit 18 Jahren für volljährig erklärt und übernahm die Führung des Hofes. Die Schwester erhielt bei der Heirat fünf Kühe zugesprochen. In den wirtschaftlich sehr schwierigen Dreißigerjahren wurden fünf Höfe am Haberberg versteigert, Vorderhacher überstand, obwohl innerhalb von wenigen Jahren einschneidende Abschlagszahlungen zu leisten waren. Die Mutter stand dem jungen Bauern tatkräftig zur Seite.
Simon Keuschnigg rückte im Jänner 1938 zum Österreichischen Bundesheer ein, nach dem „Anschluss“ wurde er zur Deutschen Wehrmacht überstellt und war als Gebirgsjäger beim Polenfeldzug, in Frankreich und am Balken im Einsatz, dann bis zum letzten Kriegstag Soldat im Norden. Nach kurzer Gefangenschaft in Norwegen kam er im Herbst 1945 mit fünf Kirchdorfern in die Heimat zurück.
„Fremdarbeiter“ und Flüchtlinge
In seiner Abwesenheit war die Mutter, die allein auf dem Hof lebte, wieder für den Betrieb verantwortlich. Die Arbeit wurde mit Hilfe von Gefangenen aus eroberten Gebieten bewältigt. Der erste „Fremdarbeiter“ war ein Franzose, der mehrere Jahre verblieb, dann kamen junge Polen und ein Mädchen aus der Ukraine. Sie waren in Litzlfelden in einem Lager kaserniert und mussten jeden Abend dorthin zurück und stiegen am nächsten Tag wieder zum Arbeitsplatz auf. Nur bei Erntespitzen durften sie am Hof übernachten. Allerdings musste ihr Quartier über Nacht abgesperrt werden.
Im Frühjahr 1945 landete eine Familie aus Wiener Neustadt auf dem Hof. Der Vater hatte sich eine Einberufung in die Hochgebirgsschule St. Johann zu verschaffen vermocht und flüchtete mit der Frau und dem fünfjährigen Sohn nach Tirol. Auf Vorderhacher arbeiteten sie für Kost und Unterkunft mit. Im Herbst kehrten sie in die Heimat zurück. Die Verbindung blieb aufrecht. Noch im hohen Alter erinnerte sich Franz Kinner an seinen Einsatz auf dem Heufuder und seine Angst vor dem schwarzen Stier.

Hochzeitsbild von Anna geb. Lackner und Simon Keuschnigg (1946).
Über ein öffentliches Hilfsprogramm kam nach dem Krieg der unterernährte Volksschüler Gerhard Mühlbacher aus Jenbach auf den Hof. Auch mit seiner Familie blieb die Verbindung aufrecht, seine Mutter wurde 1951 die Taufpatin von Theresia Keuschnigg.
Nach dem Krieg begann eine gute, geordnete Zeit, in der man selbstbestimmt leben und wirtschaften konnte. Es herrschte zwar Mangel an Waren, die auch nur auf „Bezugscheinen“ abgegeben wurden, und auch auf Bauernhöfen musste „Erdäpfelbrot“ gebacken werden, das rasch verschimmelte.
Der Heimkehrer Simon Keuschnigg und Anna Lackner vom Schusterhof in Kirchdorf heirateten im Herbst 1946. „Bezugscheine“ für die bald notwendige Babywäsche verweigerte das Jugendamt der Bäuerin, aber einige Familien halfen aus.
Theresia Keuschnigg, die über dreißig Jahre den Bauernhof geführt und gesichert hatte, zog zu ihrer Tochter, die 1939 den Gastwirt und Bauern Balthasar Hauser vom „Neuwirt “ geheiratet hatte. Wenn die Kinder von Vorderhacher in der Volksschule Nachmittagsunterricht hatten, waren sie zu Mittag Gäste bei der Großmutter. Sie besuchte einmal im Monat die Familie und brachte „Zuckerln“ mit, was damals als Geschenk angesehen wurde. Theresia Keuschnigg starb im Jahr 1966.
Eine ungewöhliche Familie
Theresia Keuschnigg erlebte noch zwei Jahrzehnte des wirtschaftlichen Aufstiegs, aber nicht mehr die Chancen durch den Einsatz von Motormäher und Traktor, den Bau des Erschließungsweges und einer Telefonverbindung, wohl aber das Heranwachsen der Enkelgeneration auf Vorderhacher. Die weitere Entwicklung der Enkel der tüchtigen Bäuerin ist beachtenswert und dürfte selten oder gar einmalig sein.
Der Besuch einer Schule in St. Johann war angesichts des Schulweges – je ein Stunde Fußweg bis und von Kirchdorf - und der mangelhaften Busverbindung nach und von St. Johann lange nicht möglich. Erst die staatliche Förderung, die Kindern aus Arbeiterfamilien eine schulische Weiterbildung erleichtern sollte, ebnete für die Kinder des Vorderhacherbauern ungewöhnliche Chancen.
Eine Übersicht über die schulische und berufliche Entwicklung zeigt das auf: Der älteste Sohn Simon übernahm die Führung des Hofes, nützte die Ausbaumöglichkeiten für einen weiterhin lebensfähigen Bauernhof, Bruder Hans pachtete einen Hof in Jochberg, den er dann erwarb. Die ältere Tochter Anna absolvierte die Haushaltungsschule in St. Johann-Weitau und arbeitete dann als Köchin. Die jüngere Tochter Theresia besuchte die Krankenpflegeschule in Kufstein, bildete sich zuerst einschlägig weiter, schloss die Matura neben der Berufsarbeit ab und entschied sich dann aber für ein akademisches Studium und wurde Doktorin der Rechte.
Die vier jüngeren Söhne nutzten die nun umfassenderen Angebote. Georg wurde nach dem Besuch eines Oberstufengymnasiumsredakteur der Tiroler Bauernzeitung, dann Bauernbunddirektor und Abgeordneter zum National- und Bundesrat. Josef studierte Maschinenbau und arbeitete in führenden Firmen.
Christian ist seit langem Professor für Volkswirtschaft an der Eidgenössischen Hochschule in St. Gallen. Auch der jüngste Sohn Anton studierte die Rechte und ist als Rechtsanwalt in Kitzbühel tätig.
Für die umfangreichen Unterlagen herzlichen Dank an Georg Keuschnigg.

Familienfoto 1962 (von links) Theresia, Anna, Maria, Sepp, Mutter Anna, Christian, Vater Simon, Georg, Hans und Simon (Simal).
1) Simon Keuschnigg hat umfassende Lebenserinnerungen um 1985 gemeinsam mit seinem Sohn Georg festgehalten, der in Innsbruck tätig war. Inzwischen hat dieser die Geschichte des Urhofs, der über Jahrhunderte dem Kloster Frauenchiemsee gehörte, umfassend erforscht. Hacher wurde erstmals in einem Abgabeverzeichnis im Jahr 1340 genannt. Auch im Kitzbüheler Salbuch (1416) wird Hacher am Haberberg erwähnt. Das vom Bayernherzog Tassilo III. im Jahr 862 gestiftete Kloster besaß im Leukental 100 Höfe, deren leibeigene Bauern ihm zinspflichtig waren.
2) Bis zur Einführung der standesamtlichen Trauung im Jahr 1938 waren in Österreich Ehescheidungen nicht möglich.