
Christian Dummer (r.) und Christian Buchmayr.
Aus Leer mach Mehr: Leerstand neu beleben
In Tirol stehen zahlreiche Häuser, Wohnungen und Wirtschaftsgebäude leer – in Städten ebenso wie in kleinen Dörfern. Nicht selten bleiben diese Gebäude über Jahre hinweg ungenutzt, weil ihren Eigentümern eine fundierte Entscheidungsgrundlage für die zukünftige Nutzung fehlt. Gleichzeitig bergen viele dieser Gebäude enormes Potenzial: Sie prägen Ortsbilder, erzählen Geschichten und sind eng mit den Erinnerungen und der Identität ihrer Gemeinden verbunden.
Leerstände kreativ zu erfüllen ist mehr als nur eine bauliche Aufgabe.
Es ist ein Beitrag zum Lebensraum.
Leerstände wieder mit Leben zu füllen ist deshalb weit mehr als eine bauliche Aufgabe. Es ist ein Beitrag zu einer nachhaltigen Raumentwicklung, zur Stärkung lebendiger Ortskerne und zum verantwortungsvollen Umgang mit bestehenden Ressourcen.
Jede erfolgreiche Neunutzung reduziert den Druck auf unbebaute Flächen, wirkt Bodenversiegelung und Zersiedelung entgegen, spart Bau- und Erschließungskosten und schont wertvolle Energie und Rohstoffe.
Genau hier setzt die Initiative „Frischer Wind für alte Bauten“ an. Sie wurde vom Regionalmanagement Kitzbüheler Alpen gemeinsam mit der Dorferneuerung Tirol ins Leben gerufen und unterstützt Eigentümer dabei, bestehende Gebäude und Leerstände neu zu denken und zukunftsfähige Perspektiven für ihre Immobilien zu entwickeln. Finanziert wird das Projekt durch Mittel der Europäischen Union, des Bundes und des Landes Tirol.
In der Region Kitzbüheler Alpen wird die Initiative von den Architekten Christian Dummer und Christian Buchmayr begleitet. Als Anlaufstelle für Projektentwicklung, Aktivierung und Umnutzung beraten sie Eigentümer bei den ersten Überlegungen ebenso wie bei konkreten Schritten zur Umsetzung. Ihre Aufgabe besteht darin, Orientierung zu schaffen, Möglichkeiten aufzuzeigen und durch die oft komplexen Anforderungen eines Bau- oder Umnutzungsprojekts zu begleiten.
Denn Leerstände entstehen so manches Mal nicht aus mangelndem Interesse, sondern aus Unsicherheit. Es kommen unterschiedliche Faktoren zusammen: ein Generationenwechsel innerhalb der Familie, offene Fragen zur zukünftigen Nutzung, rechtliche Rahmenbedingungen oder denkmalpflegerische Anforderungen. Hinzu kommt die emotionale Bindung vieler Menschen an Gebäude, die über Jahrzehnte hinweg Teil des Ortslebens waren. Einen solchen Leerstand anzupacken und weiterzuentwickeln, fällt daher oft schwer.
„Wir sollten uns von dem Klischee befreien, dass Leerstand unbequem ist“, sagt Christian Dummer. Tatsächlich stehen Eigentümer häufig vor einer Vielzahl an Vorschriften, Fördermöglichkeiten und Entwicklungsperspektiven. Gerade an diesem Punkt entstehen oft Vorbehalte: Das Projekt erscheint zu kompliziert, zu aufwendig oder zu teuer. Die Erfahrung der beiden Architekten zeigt jedoch, dass viele dieser Hürden mit einer guten Begleitung und fundierten Vorbereitung überwunden werden können.
Wie wichtig eine solche Unterstützung sein kann, zeigt ein bereits umgesetztes Projekt in Hopfgarten, das noch vor dem offiziellen Start der Initiative entstand und heute beispielhaft für deren Ansatz steht.
Die Rahmenbedingungen waren komplex, nach intensiver Planung gelang es jedoch, eine zusammenhängende Wohnung über drei Geschosse für eine junge Familie zu schaffen.
Es muss nicht immer der Bau auf der grünen Wiese sein. Reaktivieren bestehender Gebäude bietet auch Chancen für die Ortskerne.
Gerade solche Projekte zeigen, worum es bei der Leerstandsaktivierung geht. Es wäre oft einfacher, auf der grünen Wiese neu zu bauen. Doch die Herausforderung und zugleich die Chance liegen darin, bestehende Gebäude in den Ortskernen weiterzuentwickeln und dadurch lebendige Dorfzentren zu erhalten. Ziel ist es, Wohnraum zu schaffen, der es z.B. jungen Menschen und Familien ermöglicht, im Ortskern zu bleiben und dort ihre Zukunft aufzubauen. Für Christian Dummer ist die Beschäftigung mit bestehender Bausubstanz inzwischen zu einer echten Leidenschaft geworden. „Man arbeitet mit Geschichte und mit Gebäuden, die etwas erzählen“, beschreibt er seine Motivation. Dabei gehe es nicht darum, Altes um jeden Preis zu konservieren. Vielmehr müsse man den Bestand verstehen, seine Qualitäten erkennen und daraus zeitgemäße Lösungen entwickeln. Alte Bausubstanz sei nicht automatisch besser als neue, doch sie biete oftmals Potenziale, die auf den ersten Blick nicht sichtbar seien.
Die Initiative verfolgt deshalb bewusst keinen starren oder dogmatischen Ansatz. Im Mittelpunkt stehen nicht Ideologien oder vorgefertigte Lösungen, sondern die individuellen Bedürfnisse der Menschen und die Möglichkeiten, die ein Gebäude mitbringt. „Unsere Projekte bearbeiten die Themen der Zeit, wobei Bedürfnisse der Menschen klar im Vordergrund stehen“, lautet die Grundhaltung. Gute Projekte entstehen dort, wo sich die Anforderungen der Nutzer und die Qualitäten des Bestands gegenseitig ergänzen.
Das Bewusstsein für das Thema Leerstand steigt. Die Entwicklung beginnt nicht mit der fertigen Idee.
Dabei beginnt die Entwicklung nicht mit einer fertigen Idee, die einem Gebäude übergestülpt wird. Vielmehr entsteht sie aus der intensiven Auseinandersetzung mit dem Vorhandenen. Oft ergeben sich daraus überraschende Erkenntnisse und neue Perspektiven. Nicht jede gewünschte Nutzung ist in jedem Gebäude sinnvoll oder möglich. Gleichzeitig eröffnen viele Bestandsgebäude Möglichkeiten, an die ihre Eigentümer zunächst gar nicht gedacht haben. Genau an dieser Schnittstelle entstehen häufig jene Aha-Momente, die den weiteren Projektverlauf prägen.
Die Nachfrage nach Beratungen zeigt, dass das Bewusstsein für die Chancen bestehender Gebäude wächst. Was zunächst vereinzelt begann, hat sich zunehmend durch Empfehlungen und positive Erfahrungen weiterentwickelt. Die Bandbreite an schlummernden „Schätzen“ ist vielfältig: von Wohngebäuden über ehemalige Hofstellen bis hin zu historischen Objekten oder die Nachnutzung kirchlicher Gebäude.
Für die Zukunft wünschen sich die Initiatoren vor allem eines: mehr Bewusstsein für das, was bereits vorhanden ist. Boden ist eine begrenzte Ressource. Umso wichtiger wird es, den Blick auf bestehende Gebäude zu richten und deren Potenziale zu erkennen. Nicht allein finanzielle Anreize sind dabei entscheidend, sondern vor allem Information, Beratung und der offene Austausch über Möglichkeiten.
Die Aktivierung von Leerständen ist damit nicht nur eine Investition in einzelne Gebäude, sondern auch in die Zukunft der Dörfer und Städte. Sie trägt dazu bei, wertvolle Bausubstanz zu erhalten, Ortskerne zu stärken und die Geschichten, die mit diesen Häusern verbunden sind, für kommende Generationen weiterzuschreiben.
„Frischer Wind für alte Bauten“ – aber auch übergeordnet die Initiative „Leerstand.beleben“ des Landes Tirol – bieten kompakte Informationen rund um das Thema Leerstandsaktivierung und begleitet auf dem Weg von der ersten Idee bis zur Umsetzung. Auf der Homepage des Landes finden Interessierte aktuelle Veranstaltungen, Beratungsangebote, Fördermöglichkeiten sowie inspirierende Beispiele erfolgreich realisierter Projekte.
