
Winfried Hofinger am ersten Schultag.
Als der Krieg den Alltag prägte
Winfried Hofinger schrieb 1985 teils noch anonym, verdrängte Ereignisse und Erlebnisse aus dem Zweiten Weltkrieg in seinem Heimatort nieder.
Im Frühjahr 1985 – 40 Jahre nach dem Ende des Weltkriegs – veröffentlichte die „Tiroler Bauernzeitung“ einen langen Beitrag von Johann Holzknecht, der einleitend klarstellte: Ein heute Mittvierziger beschreibt seine Wahrnehmungen und Eindrücke in der frühen Kindheit von Familie, Dorf und ländlicher Gesellschaft. Alle Personennamen wurden weggelassen, die Ortsnamen verändert und der Name des Autors „erfunden“. Wer sich auskennt, wird erraten, wo es gewesen ist.
Archivbeamter wurde E-Werk-Leiter
Der breite Talkessel von St. Achaz und die reichlichen Schneefälle dazu erinnerten die Generäle irgendwie an Russland. Bei den damals üblichen Schneehöhen schauten die Zäune im Winter kaum heraus - und wenn schon, sie waren auf alle Fälle kein ernstzunehmendes Hindernis, um mit neuentwickelten Panzern über die Ebene zu brausen.
So wurde manches Kriegsgerät hier auf seine Tauglichkeit für Sibirien getestet. Hierher zogen sich, während die gewöhnlichen Soldaten noch überall verheizt wurden, 29 deutsche Generäle zurück. Wenn man weiß, wie wenig Generäle das deutsche Heer hatte, dann kann man sich ausmalen, wie groß die allgemeine Fluchtbewegung bei den höheren Herren war.
Der militärischen Bedeutung des Ortes verdankte es mein Vater, dass er die längste Zeit nicht zum deutschen Militär eingezogen wurde, und das kam so: Unser Großvater hatte im Jahr 1901/02 ein Elektrizitätswerk gebaut. Das Werk wurde nach und nach ausgebaut, bis es zur Zeit, als es uns die Landesgesellschaft abknöpfte, aus einem Stausee, einem Flusskraftwerk und einem Quellkraftwerk bestand.
In jenen kriegerischen Jahren, da in den Ebenen von St. Achaz deutsches Kriegsgerät getestet wurde, da es im Ort eine Panzer- und eine Jägerkaserne gab, da war elektrischer Strom zu jeder Tages- und Nachtzeit wichtiger, als dass mein Vater im Osten einen Schießprügel getragen hätte.
Mein Vater war im Sommer 1938 für nicht würdig empfunden worden, weiterhin als Archivar dem Staat zu dienen.
Da gerade zu dieser Zeit sein Vater verstarb, ein als Bürgermeister wie als Abgeordneter im Landtag anerkannter Herr, war die Stelle des Leiters des E-Werks verwaist.
Wir waren nach dem Krieg, als die meisten unserer Mitschüler größere oder kleinere Nazis zum Vater hatten, oder zumindest ängstliche Mitläufer, immer sehr stolz auf unseren Vater, der sogar in einem Buch über den Widerstand als örtlicher Anführer genannt wurde.
Doch war uns auch klar, dass es ihm nicht so viel gekostet hat wie anderen, weil er das E-Werk zu Hause wusste. Dieses zu leiten, war er würdig.
Mit besonderer Freude wurde dieser Betrieb, über dessen mangelnde großdeutsche Gesinnung man natürlich in der Kreisstadt Bescheid wusste, schikaniert. Da verfiel man in der Kreisleitung auf die Idee, dem E-Werk einen jungen Parteigenossen aus der Kreisstadt zuzuteilen.
An seinem ersten Arbeitstag wurde mit einer Verbissenheit gearbeitet, dass er am Abend um seine Entlassung bat. Er erhielt sie mit der Auflage, seinen Vorgesetzten zu melden, dass im E-Werk eine vorbildliche nationalsozialistische Gesinnung herrsche, und dass man dort alles tue, seinen Beitrag zum Endsieg zu leisten.
Unsere Familie galt in St. Achaz, einem Dorf mit einer recht starken liberalen und kirchenfeindlichen Tradition, als der Hort des Klerikalismus. Sie hat der Kirche vier Priester geschenkt, und es war damals keineswegs ausgemacht, dass diese Tradition abbrechen sollte
.
Als dann in den Jahren der stürmischen Aufwärtsentwicklung des Stromverbrauchs nach dem Krieg fast täglich das Netz zusammenbrach, da schrieb eine Faschingszeitung, das E-Werk liefere den Strom an den Vatikan. Anders konnte man sich die häufigen Abschaltungen nicht erklären.
Priesterpersönlichkeiten
Im Dechanthof waren damals drei, vier Kooperatoren als Helfer des Dekans tätig.Gegen Ende des Krieges gab es auch da weniger Personal, weil die jungen Priester eingezogen wurden. Aber nach dem Krieg waren es wieder ihrer fünf, die sich um die Seelen der Bevölkerung sorgten.
In diesem Teil Tirols ist mit fast jeder Pfarre eine große Landwirtschaft verbunden. Nicht nur vom Pfarrer von Dreikirchen, der wie viele seiner Mitbrüder ein nachgeborener Bauernsohn war, erzählt man sich heute noch, dass ihn die Menschen schon auch, die Rinder und Pferde aber ebenso beschäftigten, ja, dass ihnen sein wahres Interesse gehörte.
Jedes Mal, wenn wir auf ausgedehnten Spaziergängen über die Ebenen von St. Achaz oder im Markt selbst diesem Original begegneten, musste mein großer Bruder, der die größten Zähne von uns allen hatte, sein Gebiss entblößen, worauf der Pfarrer von Dreikirchen bewundernd ausrief: „Fast so schön wie bei einem Ross!“
Die Verbindung von Landwirtschaft und Seelsorge in einer Zeit, da die meisten Menschen im ländlichen Raum ohnedies Bauern oder landwirtschaftliche Dienstleute waren, hatte auch ihr Gutes: Erwies sich der Pfarrer als einer, der vom Viehzeug etwas verstand, dann traute man ihm zu, dass auch das, was er vom unsichtbaren Gott erzählte, sich etwa so verhalte, wie er es sagte.
Der bekannteste Priesterbauer dieser Gegend war damals der Benefiziat eines Kirchengutes ein paar Kilometer außerhalb von St. Achaz.
Er genoss als Obstfachmann und Bienenzüchter einen ebenso guten Ruf wie als Seelsorger. In seiner gemütlichen Stube trafen sich in Zeiten, da man nicht jedermann trauen konnte, die Priester der Umgebung am Sonntagnachmittag; zu einer Zeit also, da dem Familienlosen die Familie am meisten abgeht. Mein Vater, anerkannter Anführer des „Widerstandes im Ort, war in diesen Priesterrunden ein gern gesehener Gast. Auch die Kinder (und natürlich auch seine Frau) nahm er oft dorthin mit.
Im Winter 1940/41, als meine Mutter wieder einmal schwanger ging, sagte der Benefiziat, er werde das Kind, das demnächst geboren würde, in Butter aufwiegen, worauf es dann ihm gehöre.
Baby in Butter „aufgewogen“
Meine Schwester brachte zur allgemeinen Freude über vier Kilo auf die Waage. Immer, wenn wir später in das Benefizium kamen, setzte sich der alte Herr meine Schwester auf den Schoß und sagte schmunzelnd: „Lisei, du gehörst mir!“ Das Lisei war stolz darauf und verwirrt zugleich.
Was bedeutete es, neben den Eltern einem zwar sympathischen, aber halt doch fremden Herrn
zu gehören?
Unter den Kirchgängern im Benefizium waren auch „Fremdarbeiter“ aus einem katholischen slawischen Volk. Unter ihnen war ein junges Paar, das heiraten wollte. Staatliche Papiere gab es für sie nicht. Damit sie, wenn sie in ihre Heimat zurückkehren würden, irgendeinen Beweis für ihre Hochzeit haben, baten sie den Benefiziaten, er solle ihnen einen Fotografen besorgen.
Der einzige im Ort war ein wilder Parteigänger. Der Benefiziat überredete daher meine Mutter, von einem vergitterten Fenster aus die Trauung zu fotografieren. Ich war mit dabei, verstand aber das alles nicht.
Im großen Dechanthof fühlten wir Kinder uns richtig heimisch. Unsere Eltern schickten uns, wenn sie uns daheim gar nicht brauchen konnten, zu dritt oder viert dorthin. Ich erinnere mich an einen Gründonnerstag, da wir zu viert um den Tisch des Kooperators mit ihm Fangen spielten. Daheim war Osterputz.
Der Dekan von St. Achaz in dieser schwierigen Zeit war eine besonders bemerkenswerte Persönlichkeit. Ein Herr, und zugleich liebenswert und fröhlich. Allein sein Geruch nach Virginiazigarren wird mir im mer in Erinnerung bleiben. Er hat uns den guten Gott nicht nur gepredigt, er hat ihn uns vorgelebt.
Der Besitzer des größten Gasthauses von St. Achaz grölte einmal im Rausch vor seinen Gästen, indem er einen Bund Stricke auf den Tisch warf: „Mit diesen Stricken hängen wir nach dem Endsieg den Dekan, den Dr. H. (also meinen Vater) und den Anführer der illegalen Sozis auf dem Dorfplatz auf.“ Der Endsieg kam nicht. Dafür wurde mein Vater Bürgermeister von St. Achaz.
Er zwang den total gebrochenen Wirt, die Tafel „Hier verkehrt der Nationalsozialist“ auch weiterhin neben der Eingangstür zu belassen.
Ein paar Jahre später holte mich der Dekan, der sonst nie einen Ministranten mitnahm, aus dem Unterricht zu einem Versehgang. Wir gingen ans Totenbett des bewussten Wirtes, der versöhnt mit seinem Gott und der Kirche in der Person des Dekans verstarb.Dieser Priester lebte vor, was es heißt, den Irrtum zu hassen und den Irrenden, den Sünder, zu lieben.
Wie fast allen Priestern war es ihm klar, dass sich die absonderliche Lehre des Nazismus nicht mit seinem Christenglauben verbinden ließ. Das bedeutete aber nicht, dass er den Irrenden nicht mit der gleichen großen Liebe umfangen hätte.
Er ließ ihnen Zeit, er verlangte von niemand, dass er sofort nach dem Umbruch so tat, als sei nichts geschehen und alles vergessen. Solche Leute waren ihm eher unheimlich.

Der Speichersee „Unteranger“ in Gasteig hat eine zehn Meter hohe Staumauer und fasst 25.000 Kubikmeter Wasser.
Unerwartete Querverbindungen
Nun wäre es falsch zu meinen, die Leute im Dorf hätten nur in Streit und Zwietracht gelebt, geschieden in Freunde und Feinde des Regimes. Es gab absonderliche Querverbindungen.
In manchen Familien war der eine Bruder dafür, der andere dagegen.
Ich selbst pflegte in dieser Zeit eine tiefe Freundschaft zu einem Mädchen, dessen Vater der Ortsgruppenleiter der Partei war. Wir „heirateten“ sogar, mit Zustimmung beider Eltern. Romeo und Julia im Jahr 1944. Eine Cousine, als Kapuziner verkleidet, leitete diese höchst eigenartige Zeremonie, die allerdings nicht im Haus der Braut, sondern in unserem stattfand.
Mit dem Schuleintritt hörte diese Freundschaft schlagartig auf. Der älteste Sohn des Parteioberen war der beste Freund meines ältesten Bruders.
Luftangriff ohne Vorwarnung
Im letzten Kriegsjahr gingen alle Familien, sobald Bombenalarm gegeben wurde, in einen der vielen Luftschutzkeller. Unsere Familie ging in den Keller eines großen Gasthauses – ausgenommen ich.
Ich hatte das Gefühl, dort sein zu müssen, wo meine Braut bzw. Frau war. So ging ich ganz allein in den Postkeller. Die Stunden in den Luftschutzkellern haben die Erwachsenen vermutlich in schlimmerer Erinnerung als wir Kinder. Die meisten Erwachsenen waren dort so aufgeregt, dass sie ins Reden kamen. Wir hörten dort Dinge, die zu Hause vor Kindern nie laut gesagt wurden. Und die Befreiung, wenn der Spuk vorbei war!
Der ärgste Luftangriff auf St. Achaz traf das Dorf ohne Vorwarnung. Da waren alle noch in den Wohnhäusern und nicht in den Kellern. Als dann im nahen Wald neunzig Bomben auf einmal fielen, sagte meine Schwester: „Jetzt kimmt der Teifi!“
Es gab auch originelle Akte von Rückversicherung. Der Bürgermeister von St. Achaz ließ sich um die Zeit der Schlacht um Stalingrad von meinem Vater bestätigen, dass er das Amt des Bürgermeisters nur zum Wohle der Gemeinde übernommen habe, dass er aber mit diesem Regime nichts zu tun haben wolle. Beide unterzeichneten das Schriftstück in doppelter Ausfertigung. Damit war mein Vater vor Verfolgungen aller Art vor dem Umbruch sicher.
Der Bürgermeister zog, als man ihn nach Glasenbach abholen wollte, ein schon vor Jahren vom neuen Bürgermeister unterfertigtes Schreiben heraus, in welchem ihm die aufrechte Gesinnung bestätigt wurde. Da dieser Mann von Beruf Müller war, hatten wir in der Nachkriegszeit über Mehlmangel nicht zu klagen.
Dem Aufruf, den eindringenden Barbaren kochendes Wasser hinunterzuschütten, kam zum Glück selbst jene Frau, die den Aufruf verfasst hatte und die danach heulend davon nichts mehr wissen wollte, nicht nach.Das Gespür, zwischen Mitläufern und Verbrechern zu unterscheiden, war bei den Einheimischen stärker entwickelt als bei den Besatzern.
Flüchtlinge aus Wien und dem Sudetenland
Bald strömten die Sudetendeutschen und die im Reich beschäftigten Österreicher ein, vermehrt um Wiener, die vor den Russen geflohen waren. An all diesen fiel uns auf, wie „g’sprissen“ sie sich ausdrückten und wie hilflos sie uns anschauten, wenn wir im deftigen Dialekt von St. Achaz und Umgebung sprachen. Die Flüchtlinge mussten nach ihren Erzählungen alle Großbauern und Fabrikdirektoren gewesen sein.
Im Herbst 1945 ging ich mit 60 anderen Kindern in die erste Volksschulklasse. Im Kindergarten hatten wir vor der Jause noch dem Führer mit ausgestreckten Armen gedankt; nun wurde wieder öffentlich gebetet. Von Politik hatten alle, die die letzten zwanzig Jahre bewusst miterlebt hatten, reichlich genug.
Das ging so weit, dass mir mein erster Volksschullehrer verbieten wollte, auf meinem Tuxerjanker einen aufgesteckten Tiroler Adler zu tragen. Ich wehrte mich mit meinen sechs Jahren mit Erfolg dagegen – und meine Eltern schmunzelten dazu.
1) Dr. Josef Hofinger (1901 bis 1990) leitete ab 1938 das E-Werk Hofinger. Er wurde am 8. Mai 1945 von der amerikanischen Besatzung als Bürgermeister eingesetzt und übergab am 3. Oktober an Rudolf Scheider, der bis 1962 Bürgermeister blieb.
2) Josef Kofler war von 1915 bis 1963 Pfarrer in Kirchdorf.
3) Jakob Hirzinger wirkte von 1919 bis 1953 als Benefiziat und Bauer in der Weitau.
4) Josef Ritter wurde 1939 Pfarrer und Dekan in St. Johann i. T. Er resignierte 1968.

In St. Johann wurden u.a. Panzeranhängerschlitten erprobt