
Waldbaden: Plantschen im Forst – oder mehr?
Das sanfte Rascheln der Blätter, der feine Windhauch in den Baumkronen, das warme Licht durchschimmernder Sonnenstrahlen, kühle Luft und würziger Duft, untermalt von fröhlichem Vogelgezwitscher – allesamt Attribute, mit denen der Wald seine Besucher empfängt und schon nach wenigen Augenblicken vollkommen in seinen Bann zieht.
Rasch stellt sich in dieser ganz ursprünglichen Umgebung ein Gefühl des Wohlbefindens ein. Der Stress fällt ab, Körper und Geist schalten auf Entspannung.
„Durchschnaufen“ ist angesagt, denn jeder Atemzug in der Natur wirkt auf das innere Gleichgewicht positiv. Und das ist genau der Punkt, an dem man im Shinrin yoku angelangt ist – der japanischen Praxis des Waldbadens.
Naturheilmethode aus Japan
Was im Land der aufgehenden Sonne schon seit vielen Jahren ausgeübt wird und aufgrund wissenschaftlicher Forschungsergebnisse seit den 1980er-Jahren sogar zur staatlichen Gesundheitsvorsorge gehört, ist hierzulande noch nicht überall angekommen. Spaziergänge im Wald seien wahrlich keine Besonderheit, so die weit verbreitete Meinung.
Schwammerlsucher sind keine Waldbader
In Japan wird das Waldbaden hingegen längst auf Krankenschein verschrieben. Steckt hinter dieser fernöstlichen Naturheilmethode also doch mehr, als „nur“ ein Esoterik- oder Wellnesstrend für erholungsbedürftige Urlauber?
„Waldbaden wirkt positiv auf Immun- und vegetatives Nervensystem ein. Das ist wissenschaftlich erwiesen.“
Dunja Ascari, Atem- und Entspannungstrainerin
Was es mit dem Waldbaden auf sich hat, lässt sich mit Dunja Ascari in St. Johann erkunden. Sie ist mit dem Wald schon seit jeher auf Tuchfühlung, unbewusst seit ihren Kindertagen, erzählt sie. Die diplomierte Atem- und Entspannungstrainerin ist auch ausgebildete Heilmasseurin. Sie weiß um die gesundheitsfördernde Wirkung des Waldes und bietet die japanische Naturheilmethode für Menschen an, die für die Zeit im Wald eine geschulte Impulsgeberin suchen.
Was passiert beim Waldbaden? Plantschen im Wasserbottich oder Wassertreten nach der Kneippmethode?
Dunja Ascari: Weder noch. Den Bikini kann man daheim lassen, den braucht man im Wald nicht. Es geht dabei nicht ums Baden im herkömmlichen Sinn, sondern um das bewusste Eintauchen in die Wald-Atmosphäre. Die feuchte, kühle und mit Terpenen angereicherte Luft auf der Haut und in den Atemwegen ist auch eine Art von Baden und stärkt unsere Immunkräfte.
Naturverbundene Menschen sind ja oft im Wald anzutreffen, zum Spazierengehen, zum Schwammerlsuchen oder auch für einen flotten Waldlauf. Fällt das alles unter den Begriff Waldbaden?
Dunja Ascari: Mindestens zwei Stunden Aufenthalt im Wald sind Voraussetzung. Sportliche Aktivität ist hier gar kein Thema. Man ist gemächlich unterwegs und erlebt den Wald mit allen Sinnen. Er wird bewusst betrachtet, gerochen, ertastet, gehört und sogar erschmeckt. Ein Beispiel: Auf einem Baumstumpf sitzend nimmt man die verschiedenen Grün-Schattierungen im Wald wahr. Das Moos, die Blätter, das Gras, die Beeren, die Nadelbäume. Man baut ein Mandala aus Zapfen und Zweigen oder schließt einfach die Augen.
Ist das auf Dauer nicht langweilig?
Dunja Ascari: Es gibt tatsächlich Menschen, die mit zwei Stunden Nichtstun anfänglich überfordert sind. Sie haben Angst vor der Ruhe. Ich durfte schon Gäste begleiten, die danach ihr komplettes Tagesprogramm gestrichen haben, weil sie zum ersten Mal seit Langem vollkommen entspannt und richtig müde waren. Es hat sich bei ihnen das Gefühl eingestellt, dass das körpereigene „System“ hinunterfahren und zur Ruhe kommen darf.
„Es gibt Menschen, die mit zwei Stunden Nichtstun überfordert sind. Sie haben Angst vor der Ruhe.“
Dunja Ascari, Atem- und Entspannungstrainerin
Was passiert neben dem Stressabbau außerdem im Körper?
Dunja Ascari: Der Blutdruck reguliert sich, Diabetiker haben sogar bessere Werte. Durch gezielte Atemübungen werden die pflanzlichen Duftstoffe des Waldes, besser bekannt als Terpene, aus der Luft über Lunge und Haut aufgenommen. Das stärkt das Immunsystem. All das ist bereits wissenschaftlich nachgewiesen.
Für wen ist Waldbaden geeignet?
Dunja Ascari: Jeder kann es machen, auch Rollstuhlfahrer können Zeit im Wald verbringen. Es wirkt unterstützend nach einer Reha, nach einer starken Grippe oder bei Burnout gefährdeten Menschen. Aber natürlich ist es niemals ein Ersatz für medizinische und therapeutische Maßnahmen.
Hast du einen Wunsch?
Dass die Botschaft des Waldbadens hierzulande besser ankommt. Dass jeder, der es einmal ausprobiert hat, weitermacht. Man sollte nicht in den Wald gehen, um davonzulaufen, sondern um sich fallenzulassen.