
„Nur mit angezogener Handbremse“
Das vergangene Wochenende hatte es lawinentechnisch in sich – in ganz Tirol wurden die Bergretter zu insgesamt 40 Lawineneinsätzen alarmiert. Im Bezirk Kitzbühel waren in zwei Fällen Wintersportler betroffen. Die Gefahr ist jedoch noch nicht gebannt. „Das ist ein typischer Lawinenwinter – sehr gefährlich“, erklärt Thomas Rabl, Bergführer aus Erpfendorf und Präsident des Tiroler Bergsportführerverbandes.
Am Wochenende löste ein 32-jähriger deutscher Snowboarder in Kitzbühel abseits der Piste eine Lawine aus und wurde rund 85 Meter mitgerissen. Er konnte sich aus der teilweisen Verschüttung selbst befreien und blieb unverletzt.
Aufwendige Suche ohne Erfolg
Bereits am Vortag hatte ein 45-jähriger Österreicher einen Lawinenunfall gemeldet. Eine aufwendige Suche blieb zunächst erfolglos, ehe der Mann schließlich von Bergrettung und Alpinpolizei unverletzt im Gelände aufgefunden wurde.
Wenn auch nicht sehr schneereich, ist der heurige Winter heimtückisch. Entgegen der weit verbreiteten Meinung sei nicht ein schneereicher, sondern vor allem ein schneearmer Winter besonders kritisch, stellt Thomas Rabl klar. Die Statistik zeige, dass in schneereichen Wintern vergleichsweise wenig passiere, während es in schneearmen Wintern häufiger zu Unfällen kommt.
Heuer herrschen genau diese Bedingungen. Wenig Schnee in Kombination mit anhaltender Kälte führt zu großen Temperaturunterschieden innerhalb der Schneedecke. Dadurch entstehen kantige, lockere Kristalle – eine instabile Schwachschicht. Wird diese von Neuschnee und Wind überlagert, bildet sich eine störanfällige Schneedecke. Gleichzeitig zieht es viele Wintersportler ins Gelände. Da exponierte Rücken oft abgeblasen sind, weichen viele in Mulden und Rinnen aus, wo sich mehr Schnee sammelt – und genau dort liegen die gefährlicheren Bereiche.
Frisch überschneit, Aufbau schlecht
Ein zentrales Thema ist heuer das sogenannte Altschneeproblem: eine lang anhaltende Schwachschicht, die den gesamten Winter über bestehen bleiben kann. „Auch wenn es frisch überschneit und alles schön aussieht, bleibt der Aufbau darunter schlecht. Man muss den ganzen Winter über defensiv unterwegs sein – gewissermaßen mit angezogener Handbremse“, betont Rabl.
Während die Situation in den Kitzbüheler Alpen meist etwas günstiger ist, ist sie in Westtirol, etwa im Ötztal oder am Arlberg, oft deutlich kritischer, da das Problem dort großflächiger auftritt. Vorsichtige Routenwahl, flaches Gelände und defensives Verhalten sind daher besonders wichtig.
Meiste Unfälle bei Warnstufe Drei
Bei Gefahrenstufe 4 kommt es bereits zu zahlreichen spontanen Lawinenabgängen. Die meisten Unfälle passieren jedoch bei Stufe 3 („erhebliche Lawinengefahr“), da sich dann noch viele im Gelände bewegen. Stufe 5 hingegen stellt eine seltene Katastrophensituation dar, wie etwa 1999 oder 2019.
Rabl betont, dass die Gefahrenstufen zwar klar definiert sind, die Situation vor Ort jedoch abweichen kann. Eine gute Vorbereitung, aktuelle Informationen – etwa der Lawinenlagebericht des Landes – sowie Erfahrung seien daher unerlässlich. „Neben dem Wissen sollte man immer auch auf den gesunden Hausverstand und das eigene Bauchgefühl hören – und im Zweifel lieber einmal mehr umkehren“, rät der Experte.