
Der Lindwurmdrache vom Sintersbach
Gut eine Viertelstunde innerhalb des Kirchplatzes der Gemeinde Jochberg, denn von einem Dorf kann man bei der dort vorkommenden Häuser- und Gehöftezerstreuung wohl nicht reden, in der Richtung dem Pass Thurn zu, mündet der Sintersbach in die Kitzbüheler Ache, welche bis dahin selbst nur ein größerer Bach ist. Eine halbe Stunde dem Sintersbach entlang wandernd gelangt man zum Sintersbach Wasserfall, dem größten derartigen Gebilde im Kitzbüheler Bezirk. Er hat eine steil abfallende Höhe von ca. 200 Metern und im Frühjahr bei starker Schneeschmelze bietet er ein recht eindrucksvolles Naturschauspiel. Nebenan führt eine sehr steile Weganlage in die obere Talschlucht hinauf, die sich eine Stunde rückwärts bei 1600 m Seehöhe gabelt, in gerader Richtung im Ahorntal-Bachgelände seine Fortsetzung hat, während sich in südlicher Richtung der weite Talkessel der eigentlichen Sintersbachalm öffnet.
Die erstvorliegende Öffnung ist jedoch nur eine enge felsige Schlucht, die sich nach kurzem Verlauf in die Breite öffnet. Da schaut das mehr ebene Terrain wie ausgetrockneter Seeboden aus und man würde dort auch heute noch einen beträchtlichen Alpensee vorfinden, wenn die erwähnte Felsenenge noch geschlossen wäre.
Lindwurm sprengt Klamm
Die Sage lässt noch in nicht so entfernter geschichtlicher Zeit einen solchen See bestehen, in welchem ein gewaltiger Lindwurm herangewachsen sei. Diesem hätte aber zu seinen gewaltigen Körperdimensionen das immerhin noch zu beengte Seengebiet nicht mehr genügt, besonders im Winter, wo dessen Oberfläche fest vereist und tief verschneit war, und so ging der Drache daran, in langen Jahren eine Klamm auszubeißen, um sich so einen schwimmbaren Ausweg in die weitere Welt zu öffnen. Nach vieljähriger Tätigkeit wurde seine Minierarbeit endlich von Erfolg gekrönt und die letzten versperrenden Felsenreste barsten infolge des Wasserdrucks von selber und nun stürzten die Fluten des Sees mit ungeheurer Wucht und donnerndem Gesäuse auf die Gefilde der Jochberger Talniederung heraus.
Schlecht ging es aber dem Drachen mit dem Absturz über den Wasserfall, bei dem er eine lähmende Verletzung seines Rückgrats erlitt. Da seine Schwimmkunst nun versagte, warfen ihn die Fluten auf das Schradlbauernfeld, wo er wohl gewaltig um sich schlug, aber sich nicht mehr fortbewegen konnte. Die erschreckten Anwohner kamen herbei, um das nun halb wehrlose Ungetüm zu sehen, und fanden heraus, dass der Drache allmählich sehr hungrig wurde. Ganz zu nahen, um ihn mit Spießen zu töten, getraute sich niemand und so sann man auf eine List, um ihm den Garaus zu machen. Vorgeworfene und mit Stangen zugeschobene Aasstücke von verreckten Rindern fraß er mit unstillbarer Behändigkeit und so gewöhnten sie ihn nach allem zu schnappen, was ihm zugeschoben wurde. Da machten die klugen Leute nun ein paar Eisenklötze glühend und schoben selbe gleichfalls seinem heißhungrigen Rachen zu. Er verschluckte diese wie die Fleischstücke, wand sich aber bald unter furchtbarem Schmerzensgebrüll den letzten Todeszuckungen zu.
Auf dem Gratlhofer Jochberg, wo der Sintersbach in die Ache mündet, war noch lange Jahre das Beingerüst des Drachen zu sehen.
Vom Drachen zur Klause
Da, wo der Lindwurmdrache die Felsenklamm ausgenagt hatte, bauten die Holzknechte später eine Talsperre, eine sogenannte Klause, aus Holz gezimmert, hinein, um das bei den Schmelzöfen in Kitzbühel benötige Kohlholz auf der Ache herauszutriften.
Veröffentlichung der Sage im Jahre 1925
Hans Filzer veröffentlichte diese Sage in den Tiroler Heimatblättern, Jahrgang 1925 Heft 4/5 und im „Feierabend“, der Unterhaltungsbeilage des Tiroler Grenzboten, im August 1926. Der Heimatkundler fügte dort folgende Ergänzung an: Noch vor 200 Jahren befand sich auf der Kapser Au, oberhalb dem Müllerwuhr, ein Rechen und ein Auslassbassin, um das Prügelholz zu den nebenan liegenden Verkohlungsstätten herauszufischen. Längst sind die Schmelzwerke samt der Klause spurlos verschwunden. Die Wässer werden nunmehr und mehr den Elektrizitätswerken zugeführt. Also ein stetes Werden und Vergehen in der ganzen Natur und in allen Menschenwerken.
Von Hans Filzer
Zum Autor

Hans Filzer (1858 – 1930), Housenbauer in Kitzbühel, ein autodidaktischer „Bauernphilosoph “und ein Pionier der Heimatforschung, der das Heimatmuseum anregte, aber auch sozialdemokratischer Landtagsabgeordneter war.