22.01.2023
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Zellmann: „Selbstverständlich hat unser Winterurlaub eine Zukunft“

Die Nachwehen der Coronakrise, verändertes Gästeverhalten, Nachhaltigkeit und Digitalisierung bewegen den heimischen Tourismus und ihre Akteure. Hat das Modell Winterurlaub überhaupt noch Zukunft? Aber sicher  doch, sagt Tourismusforscher Peter Zellmann im Interview mit dem Kitzbüheler Anzeiger.

KitzbühelRegionen wie Kitzbühel hingen bislang immer sehr stark am Wintergeschäft. Nicht erst die jetzigen schneearmen Wochen zeigen auf, dass dieses Konzept durch die globale Erwärmung ins Wanken gerät. Kann Tirol auf den Skitourismus verzichten? Wenn ja, was sind die Alternativen?
Winterurlaub, in dem ja Skifahren Hauptaktivität ist, hat selbstverständlich Zukunft. Schneearme Winter hat es immer schon gegeben. Die Medienaufmerksamkeit dafür gab es früher allerdings noch nicht.
Beschneiung macht es möglich, Skifahren auch in schneearmen Wintern zu garantieren. Es ist natürlich keine Frage – Regionen unter 1.600 Metern werden immer wieder in schneearme Problemlagen kommen und sich überlegen müssen, wie sie das ausgleichen können. Aber: Die Zukunft des Skilaufs als touristisches Angebot ist für die nächsten 15 Jahre gesichert. Komplett darauf zu verzichten, würde Österreich volkswirtschaftlich schaden.

Was sind darüber hinaus die Herausforderungen?
Die selbstverständliche Familienaktivität des Skifahrens ist weniger geworden: Der Anteil der „Nie-Skifahrer“ hat sich von 40 Prozent in den 90er Jahren auf 63 Prozent aktuell erhöht. Wenn jetzt immerhin noch 37 Prozent sagen, ich gehe Skifahren, ist das immer noch sehr viel. Das entspricht in etwa dem Anteil der Radfahrer, Schwimmer, etc. im Sommer. Nur Wandern hat ein größeres Potenzial. Skigebiete müssen sich also um den Nachwuchs kümmern. Wenn Schulskikurse nicht mehr stattfinden etc. wird der Wintertourismus langfristig von dieser Entwicklung betroffen sein, denn die Selbstverständlichkeit des Nachwuchses ist nicht mehr gegeben.

Nachhaltigkeit ist ein großes Thema im Tourismus. Wer muss dafür sorgen, dass sie umgesetzt wird? Verlangt der Gast das überhaupt?
Umsetzen müssen es die Menschen. Man muss übrigens zwischen Umwelt und Klima trennen. Die Klimafrage ist abstrakt und wird polarisierend abgehandelt. Was wir alle zu wenig beachten, ist die Umwelt. Sie ist die Basis des touristischen Handelns. Mit unserer Umwelt müssen wir sorgfältiger umgehen.

Nachhaltigkeit ist nicht hotelentscheidend
Das Ökologie-Bewusstsein wächst, aber Nachhaltigkeit ist nicht hotelentscheidend. Nur 20 Prozent der Urlauber suchen sich die Destination nach der Nachhaltigkeit aus. Die Umwelt ist ihnen aber nicht egal. Die regionalen Verantwortlichen müssen sich zusammensetzen und sich fragen, wie sie Umweltbewusstsein definieren. Wie wir mit dem naturbezogenen Österreich als Gastgeber umgehen, soll bewusst diskutiert werden, aber nicht im Sinne von: „Am besten bleiben alle zu Hause“.  Dieses Tourismusbashing muss aufhören.

Wie tickt der Gast im Jahr 2030? Welche Benefits erwartet er sich von seinem Urlaub?
Wer ist denn DER Gast? Alleine diese Diktion: Der Deutsche will, der Chinese will, der Wiener will. Die Individualisierung des Urlaubsgeschehens macht eine Einteilung unsinnig. Für viele Touristiker ist Nachhaltigkeit das neue Schlagwort. Wenn ich mich im Marketing nachhaltig darstelle, bin ich das, was die Menschen wollen. Aber wie schon gesagt, ist es für viele ein positiver Aspekt, aber keine Destinationsentscheidung. Nachhaltigkeit ist kein Konzept. Gute Küche, saubere Luft, freundliches Personal, gute Pisten etc. erwarte ich mir als Gast. Was ich als Region als Alleinstellungsmerkmal habe, ist destinationsentscheidend. Dieser Prozess muss moderiert werden, das kann man nicht in einer Jahreshauptversammlung einfach so beschließen.

Ist das traditionelle, inhabergeführte Hotel, das gewisse Preise verlangen muss, noch zukunftsfähig oder geht der Trend Richtung Appartments?
Das traditionelle Hotel hat es in diesen Zeiten viel schwerer als früher. Es ist aber für das Image eines Ortes nicht ersetzbar. Inhabergeführte Hotels sind die emotionalen Leitbetriebe einer Region. Der Tourismus wird von den guten Drei-Stern, Drei-Stern-plus und Vier-Stern-Betrieben getragen. Wachstum gibt es bei Ferienwohnungen. Das Zimmer-mit-Frühstück-Modell der Achtzigerjahre wird durch sie ersetzt. Das ist der wirkliche Wachstumsmarkt.

„Familienhotellerie muss entlastet werden“
Die Rahmenbedingungen sind an diese Entwicklung anzupassen. Wenn ich vor Ort eine Familienhotellerie haben will, muss sie entlastet werden. Die Bedingungen müssen zukunftstauglich gestaltet werden – von der Steuer bis zum Arbeitsmarkt. Noch ist der Wegfall in der Hotellerie gottseidank nicht zu bemerken, aber Anzeichen gibt es viele. Daher muss mehr Aufmerksamkeit in das Möglichmachen von Betriebsübergaben etc. gesteckt werden. Das gehört rational wie emotional gefördert.

Welche digitalen Trends sind für den alpinen Tourismus relevant?
Welche nicht? Allerdings kann Digitalisierung die personenbezogene Dienstleistung nicht ersetzen. Vielmehr muss Digitalisierung Zeit freimachen, die die Mitarbeiter dann für den Gast haben. Somit ist sie ein Werkzeug für Gastgeber wie Gast. Ich warne davor, dass man sagt, man könne aufgrund von technischen Innovationen Mitarbeiter einsparen.  

Wie lässt sich die Mitarbeiterfrage dann lösen?
Die Arbeitsbedingungen sind das Entscheidende. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zum Beispiel. In einem Ganzjahresbetrieb muss ich einer Familie die Möglichkeit geben, die Kinder zu betreuen.

Flexible Arbeitszeit für Mitarbeiter
Der wichtigste Aspekt ist die Lebensqualität für die Mitarbeiter. Hier gibt es schon viele gute Beispiele. Der zweite Aspekt sind flexible Arbeitszeitmodelle, die Vollzeitäquivalente auf mehrere Menschen aufteilen, z.B. 40 Stunden auf zwei Mitarbeiter.  
Allerdings darf dadurch für den Betrieb kein steuerlicher Nachteil entstehen. Auch das gehört geregelt.
Viele junge Menschen wollen Flexibilität. Wenn man sich die als Betrieb zur Regel machen kann, ist das ein Schritt in die Zukunft. Nur Saisonnier-Kontingente allein sind es nicht.
Das Interview führte Elisabeth Galehr

Bild: Skifahren ist immer noch die Hauptaktivität vieler Gäste im  Winterurlaub. Dennoch ist die Branche gut beraten, die Nachwuchsförderung im Blick zu behalten, denn der Anteil der Nie-Skifahrer hat sich in den letzten Jahren erhöht.

 
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