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06.04.2019
News  
 

„Wie wenn man durchs Leder sticht“

Schreiben ist für Elisabeth R. Hager, wie wenn man mit einer dicken Nadel durchs Leder sticht – es bewegt sich lange nichts und plötzlich ist die Geschichte da. Die St. Johannerin erzählt im Interview, wie sich ihr Leben als Autorin anfühlt.

Wolltest du immer schon Autorin werden?

Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Die Menschen in meinem Umfeld haben schneller als ich selbst gemerkt, dass Schreiben und Geschichtenerzählen das ist, was ich wirklich gut kann. Ich kannte lange keine Schriftsteller persönlich und konnte mir das auch nicht vorstellen, deshalb war es für mich zunächst ein recht unerreichbarer Traum.
Trotzdem hab‘ ich mich dann entschlossen, dem Weg des Wortes vom Anfang bis zum Ende zu folgen: Ich habe in Deutsch maturiert und Germanistik sowie Komparatistik studiert. Noch vor meiner Doktorarbeit ist mir dann sozusagen mein erstes Buch „dazwischengekommen“.  

Viele träumen davon ein Buch zu veröffentlichen, wie schwer war es für dich, einen Verlag zu finden?
Ich schätze, da bin ich eine besondere Ausnahme. Mein erster Roman „Kometen“ wurde gleich angenommen. Damals habe ich mir gedacht: Das ist jetzt der Jackpot! Und habe mir gar keine Gedanken gemacht, was mein Schreiben wert ist.
Beim zweiten Buch „Fünf Tage im Mai“ war es dann tatsächlich so, dass ich mir den Verlag aussuchen konnte.

Kannst du vom Schreiben schon leben?
Ja! Aber was heißt vom Schreiben leben? Von den Buchverkäufen alleine könnte ich nicht leben. Ich bemühe mich um Stipendien und halte Lesungen, daneben mache ich Radiokunst. Man könnte sagen, ich lebe von der Kunst.

Wie und wo findest du deine Ideen für deine Geschichten?
Man muss sich meinen Kopf wie einen Fluglandeplatz vorstellen. Dort gibt es immer ein paar Geschichten, die auf Landung warten. Plötzlich bekommen diese Ideen dann Landeerlaubnis und ich verbinde sie mit Menschen sowie Orten zu einer Geschichte.
Ich schreibe meistens über Themen, die mich schon lange beschäftigen. Warum man sich schuldig fühlt, warum ein Tag alles ändern kann, habe ich zum Beispiel im Roman „Fünf Tage im Mai“ aufgegriffen. Da passiert jahrelang nichts und auf einmal ändert ein Tag das gesamte Leben – das finde ich sehr faszinierend.

Deine Heimatgemeinde St. Johann diente dir bisher als Schauplatz  - wie viel Autobiographisches verarbeitest du in deinen Romanen?
Weniger als man denkt! Die Leser glauben oft, dass es hier nur um mich geht. Ich arbeite in einer Grauzone. Natürlich steckt in den Figuren auch ein kleiner Teil von mir.  Es ist aber alles frei erfunden. Die Literatur darf alles. Ausmalen und Kürzen. Das ist das Schöne.

Wie darf man sich deinen Arbeitsalltag als Autorin vorstellen? Sitzt man da auch mal vor leeren Seiten und verzweifelt?
Ich schreibe täglich. Schreiben ist für mich, wie wenn man mit einer dicken Nadel durch ein Stück Leder stechen möchte. Es geht am Anfang ganz schwer,  zehrt an den Kräften, doch plötzlich kommt man durch. Nach langer Vorarbeit ist die Geschichte einfach da – wie eine geistige Lawine. Dann fühlt es sich aber nicht mehr wie Arbeit an, sondern es ist eher ein Wahnsinn, dem ich nachgehen „muss“.
Die Idee zum Roman von „Fünf Tage im Mai“ hatte ich lange im Kopf, ich wusste aber nicht, wie ich sie erzählen soll. Plötzlich war die Geschichte da. Die Nadel ging durchs Leder und drei Monate später war die erste Fassung des Romans fertig.

Arbeitest du bereits wieder an einem neuen Roman?
Bis die Leser ein Buch in den Händen halten ist es ja schon fast ein Jahr fertig. Ich war in der Zwischenzeit im Kosovo und hab für mein neues Buch  recherchiert. Geschrieben habe ich noch nicht viel. Ich weiß aber schon ungefähr, wo die Reise hingehen wird.
Der Roman wird vom Dazugehören und Fremdsein handeln. Der Hauptschauplatz wird wieder ein unbenanntes Tiroler Dorf sein. Ziel ist es, die Rohfassung bis Ende des Jahres fertig zu haben.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Ich wünsche mir viele, viele Leser. Ich möchte Menschen mit meiner Arbeit berühren,  will zum Denken anregen, neue Aspekte aufzeigen und manchmal auch eine liebevolle Gegenstimme sein. Ich möchte eine winzige Spur im kulturellen Gedächtnis hinterlassen.
Johanna Monitzer

Bild: Elisabeth R. Hager ist in St. Johann aufgewachsen und lebt derzeit in Berlin. Vor Kurzem legte sie mit „Fünf Tage im Mai“ ihren zweiten Roman vor. Foto: Burger

Zur Person
Elisabeth R. Hager
St. Johann | Elisabeth R. Hager (*1981 in St. Johann) lebt als Schriftstellerin, Klangkünstlerin und Radiomacherin in Berlin. Ihr Debütroman „Kometen“ erschien 2012 im Wiener Milena Verlag. Am 28. Februar erschien bei Klett-Cotta der Roman „5 Tage im Mai“. Buchtipp aus der Kitzbüheler Anzeiger Ausgabe Nr. 8 finden Sie HIER

 
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