19.04.2022
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Neue sportliche Heimat gefunden

Einen Tiroler Meistertitel, den Vize-Staatsmeistertitel sowie weitere Podestplätze holten junge Orientierungsläufer aus der Ukraine, nachdem sie nur wenige Tage zuvor in St. Johann eingetroffen sind - als Kriegsflüchtlinge.

St. Johann, Kitzbühel | Der Anlass könnte nicht tragischer sein: Der grausame Krieg, der in ihrer Heimat tobt, hat die jungen Ukrainer mit ihren Müttern vertrieben und nach St. Johann gebracht. Mit seiner Mutter ist der 15-jährige Vadym vor rund vier Wochen aus Kiew geflüchtet. Mit im Auto saßen auch noch Cousin Mykhailo, dessen Schwester und deren Mutter. Gelandet sind die fünf in Wien, wo Vadims älterer Bruder Andrii, 21 Jahre alt, bereits seit zwei Jahren Business studiert.  

Andrii blieb für sein Studium in Wien; die beiden Frauen wurden mit den drei Kindern hingegen nach St. Johann weitervermittelt. Hier konnten sie zu fünft eine Wohnung beziehen.

Online-Unterricht aus einem Bunker in Kiew
Mykhailo und dessen Schwester besuchen in St. Johann das Gymnasium; Vadym, der anfänglich auch am Gymnasium war, erhält aktuell Online-Unterricht aus der Ukraine - er ist verbunden mit seiner alten Schule, die seit Wochen den Unterricht aus dem Bunker einer Kiewer U-Bahn-Station fortsetzt - trotz aller Angriffe und Kämpfe.

Mit der Zeit zieht für die beiden Flüchtlingsfamilien in St. Johann der Alltag ein. Es ist für sie eine schwierige, eine traurige, eine bange Zeit in der Fremde, in der die Gedanken unaufhörlich an die Väter im Krieg, an die in der Heimat verbliebenen Angehörigen und Freunde kreisen. Darüber zu reden, fällt ihnen schwer.

EM- und WM-Teilnehmer bei Jugend und Junioren
Mit dem Sport bietet sich jetzt aber eine willkommene Ablenkung an. Denn Vadym, Mykhailo und auch Student Andrii haben sich als begeisterte und in der Ukraine auch höchst erfolgreiche Orientierungsläufer entpuppt. Alle drei haben im Ski-Orientierungslauf bereits Meistertitel errungen und können auf Teilnahmen bei Europameisterschaften und Weltmeisterschaften (Jugend, Junioren) verweisen. Bei den Kitzbüheler Orientierungsläufern haben sie ein neue sportliche Heimat und Trainingsmöglichkeit gefunden. Melanie Hutter vom Freiwilligenzentrum St. Johann ist es zu verdanken, dass der Kontakt zu den Naturfreunden spontan hergestellt werden konnte.

Vadym auf Anhieb Tiroler Meister
Noch am selben Tag des Anrufes nahmen Vadym und Mykhailo am Training teil, nur zwei Tage später starteten sie samt Andrii bereits bei den Tiroler Sprint-Meisterschaften. Mit großem Erfolg, wie Trainer und Naturfreunde-Obmann Georg Hechl beeindruckt berichtet: „Vadym siegte auf Anhieb in der Kategorie der 15- bis 18-Jährigen und holte den Tiroler Meistertitel. Mykhailo wurde Dritter und Andrii erreichte in der H-Elite mit nur 15 Sekunden Rückstand Platz drei.“

Die Teilnahme an den Österreichischen Meisterschaften im Mittel eine Woche später endete erneut mit einem großartigen Erfolg: Vadym wurde Vize-Staatsmeister in der H 16E, der Bruder und der Cousin mussten in Schuhen mit schlechtem Profil gegen Kälte, Nässe und einige Zentimeter Neuschnee ankämpfen, konnten sich aber trotzdem über gute Platzierungen freuen.

Weil die jungen Sportler ihr Equipment in der Ukraine zurücklassen mussten, werden sie jetzt neu ausgestattet. Die Naturfreunde sorgen für die Einkleidung, Sport Vogl hat schon drei Kompasse spendiert und der österreichische Verband stellt die Laufschuhe bereit. „Die sportlichen Leistungen stehen für uns aber nicht im Mittelpunkt“, betont Georg Hechl. „Wir möchten den Dreien vor allem eine Möglichkeit bieten, wenigstens ab und an auf andere Gedanken zu kommen.“

Eine Option, die sehr gerne  angenommen wird. Denn vor wenigen Tagen ist - zu Hechls  Überraschung - sogar Mikhailos Mutter zum Training erschienen. Auch sie ist, wie sich später herausgestellt hat, eine passionierte Orientierungsläuferin. Alexandra Fusser

Bild: Andrii, Mykhailo und Vadym Poienko (v. l.) mit dessen Mutter bei den Staatsmeisterschaften im Wienerwald. Foto: Naturfreunde

 
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