11.01.2022
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Der erste Christbaum auf der Salve

Am Heiligen Abend 1861 wurde im Unterkunftshaus der Hohen  Salve ein Christbaum aufgestellt. Wahrscheinlich war es der erste auf einem Alpengipfel und auch der erste im Bezirk Kitzbühel.  

Die Hohe Salve war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als leicht zu ersteigender Aussichtsberg  mit einem Rundblick auf siebzig Dreitausender entdeckt worden.
Zwei Jahre nach dem Besuch von  Erzherzogin Maria Luise von Parma, der zweiten Gattin des Kaisers Napoleon I, (1823),   wurden auf der Hohen Salve Willkommenbücher aufgelegt, die die Touristen für literarische Ergüsse  und Zeichnungen nutzten.  Zu Weihnachten 1861 trugen sich im Unterkunftshaus  ungewöhnliche Gäste in das „Salvenbuch“ ein: ein Universitätsprofessor und ein k. k. Gärtner aus Innsbruck, beide mit wissenschaftlichem Interesse, und zwei ortskundige Männer aus Brixen im Thale.
Über die Erlebnisse gibt es zwei interessante  Berichte. In der im „Salvenbuch“, dem im Dekanatsarchiv Brixen im Thale nachlesbaren  aktuellen Niederschrift geht es um die Fakten: Unter dem 25. Dezember 1861 ist vom mühsamen Aufstieg aus Brixen bei bis zu drei Fuß (etwa ein Meter) Schnee, einem aperen Gipfelbereich, dem Abend in der warmen Stube, vor allem aber von der Rundsicht bei Sonnenuntergang und wieder am frühen Morgen  die Rede.

Nach Sonnenuntergang hatten wir einen aus dem obersten Wäldchen mitgenommenen Fichtenwipfel mit zahlreichen Kerzen, Südfrüchten u. dgl. als Christbaum geschmückt, und verbrachten dann die Zeit bis Mitternacht bei Sang und Klang und  einer dampfenden Punschbowle in der warm geheizten Stube.
Um Mitternacht zündeten wir vor der Kirche ein Feuer an; die Glocken wurden geläutet und Pöllersalven gelöst, die weit ins Tal hinab donnerten.- Einen ganz eigentümlichen reizenden Anblick gewährten in der Mitternachtsstunde die zahlreichen Kienfackeln, welche von den aus den umliegenden Gehöften zur Mette nach Hopfgarten, Brixen etc. wandernden Bauern getragen wurden. Die weiten dunklen Täler funkelten von unzähligen sich langsam vorwärts bewegenden Lichtern und  gleichzeitig erklangen aus allen Dörfern das Glockengeläute und der durch die Nacht hallende Donner der abgebrannten Pöllerschüsse.

Eine ungewöhnliche Wandergruppe
Wer unternahm diese ungewöhnliche winterliche Bergfahrt auf die Hohe Salve? Die Brixner Matthias Astl und Johann Kern waren für den sicheren Auf- und Abstieg, den Material- und Verpflegungstransport, die Mahlzeiten und  die Wärme in der Stube verantwortlich. Astl arbeitete über viele Jahre als „Salvenheyß“ (Salvenhüter) für Kapelle und Unterkunftshaus.
Joseph Zimmeter, Spross  einer aus Schwaz stammenden Beamtenfamilie, Universitätsgärtner am Botanischen Garten in Innsbruck, schloss sich dem erst kurz an der Universität Innsbruck lehrenden Professor an. 1)

Leiter der Gruppe war Dr. med. Anton Kerner, seit 1860 Professor für Naturgeschichte an der Universität Innsbruck. Er hat  die ersten Anlagen für Alpenpflanzen im Gebirge um Innsbruck geschaffen. Der später geadelte Ritter von Marilaun gilt als Schöpfer der alpinen Pflanzengeographie und Begründer der Pflanzengesellschaftslehre. Sein Hauptwerk „Pflanzenleben“ veröffentlichte er als Universitätsprofessor in Wien. Er starb 67-jährig im Jahr 1898 in Wien.
Der liberal eingestellte Professor erlebte auf dem bekannten Aussichtsberg in der Bergeinsamkeit zwei Tage in der Natur. Im „Salvenbuch“ hält er das auf eineinhalb Seiten fest.

Schilderung in Amthors „Alpenfreund“
 In der Zeitschrift „Der Alpenfreund, Blätter für Verbreitung von Alpenkunde unter Jung und Alt in populären und unterhaltsamen Schilderungen aus dem Gesamtgebiet der Alpen mit praktischen Winken zur genussvollen Bereisung“ von Eduard Amthor in Gera  schrieb  der aus Niederösterreich stammende Botaniker über seine Eindrücke bei Sonnenuntergang und bei Sonnenaufgang, geordnet nach den Haupthimmelsrichtungen, vor allem aber fachkundig nieder.
Als der Tag zu grauen begann, eilte ich wieder ins Freie, um dort den Stand der aufgestellten Instrumente abzulesen. Der Wind hatte über Nacht eine kleine Schneewehe an der Tür angelehnt, bald war ich bei unserem improvisierten, aus Bergstöcken aufgebauten meteorologischen Observatorium.

Jetzt trifft auch die Spitze der  Salve der erste Sonnenstrahl, und wie verklärt  steht jetzt die Kapelle vor uns im Schimmer des Morgens. Gell klingt von ihrem Turme die Glocke, welche von einem der beiden Brixner zur Begrüßung des Tages geläutet wird, in das Tal hinab. Unten ist aber noch die tiefste Nacht und ernste nächtliche Stille. Ungewisses Zwielicht liegt noch über den Gehängen und Tälern.
Plötzlich überzieht sich die ganze nebelhafte Fläche mit einem goldenen Schimmer; wir wenden uns geblendet von dem grellen Glanze zurück  und doch schauen wir im nächsten Augenblicke wieder unwiderstehlich angezogen auf das wunderbare Bild.
Der Bericht erschien im Jahr 1877 unter dem Titel „Ein Weihnachtsabend auf der Hohen Salve“. Die „Tiroler Heimatblätter“ druckten ihn 1928 ab. Hier wird nur bei einer Anmerkung auf die erste Christbaumversteigerung eingegangen.

Univ. Prof. Dr. Sebastian Posch griff das Thema 50 Jahre später noch einmal auf und lieferte die Geschichte vom ersten Christbaum im Brixental. Er hat ergänzt, dass der erste historische Nachweis eines Christbaums in Innsbruck  von 1841 datiert. In Kitzbühel soll 1865 der erste Christbaum gestanden sein. In St. Johann i. T. wurde 1875 erstmals eine Christbaumversteigerung  zugunsten der Feuerwehr durchgeführt, was Mag. Helmuth F. Schodl nachgewiesen hat.
1) Ein Bruder Zimmeters  wurde 1879 als „Edler von Treuherz“ in den Adelsstand erhoben. Dessen Enkel Otto, ein führender Bergsteiger zur Zeit der Erschließung des Südkaisers, übersiedelte um 1920 als Rechtsanwalt nach Kitzbühel, wo seine Familie noch ansässig ist.

Bild: Die Postkarte von 1899 zeigt das Unterkunftshaus und  die Kapelle am Gipfel der Hohen Salve. Foto: Stadtarchiv Kitzbühel

Literatur: Univ. Prof. Dr. Sebastian Posch, Der erste Christbaum im Gebiet von Brixen im Thale, in Tiroler Heimatblätter, 59. Jg. (1984). Nr. 4
Univ. Prof. Dr. Anton Kerner- Marilaun, Ein winterlicher Sonnenunter- und aufgang auf der Hohen Salve, in Amthors „Der Alpenfreund“ (1877), nachgedruckt in Tiroler Heimatblätter,6. Jg. (1928), Nr. 12
Josef Steiner, Der Markt Hopfgarten und die Hohe Salve (1897)

 
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