02.05.2021
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„Dahoam“ ist ein Wirtschaftsraum

„Regionalität“ ist ein schönes Schlagwort, das alle gerne bemühen und gerade in Zeiten der Pandemie eine Renaissance erlebt. Ist sie nur ein bequemes Etikett, oder tatsächlich ein Prozess, der gerade stattfindet? Der Kitzbüheler Anzeiger bat Wirtschaftskammer-Bezirksobmann Peter Seiwald zum Interview.

Bezirk  | Wurden regionale Kreisläufe durch die Pandemie bedeutsamer?
Ja, ich glaube schon. Die Pandemie hat hier den Weg hin zu regionaler Ware und die Wertschätzung lokaler Handelsunternehmen und Dienstleister in unserem Bezirk sicher gestärkt. Wichtig wird nun sein, dass dieser Trend beibehalten wird und nicht in Vergessenheit gerät sobald wieder alles „normal“ läuft.

Ist das Bewusstsein der Konsumenten für regionale Produkte gestiegen?
Man spürt derzeit in jedem Fall einen positiven Moment für regionale Produkte. Es funktionieren auch bereits in der Landwirtschaft einige Konzepte hin in Richtung Ab-Hof-Verkauf oder kleinerer gemeinsamer Selbstbedienungsläden was Lebensmittel anbelangt. Auch wenn man solche Konzepte nicht 1 zu 1 auf andere Branchen umlegen kann, sollte man aus den Erfahrungen heraus versuchen das auszubauen. Leider wurden in den letzten Jahren manche Produktionsstätten abgezogen, aber ich glaube, dass man spezialisierte Ware trotz der hohen Arbeitskosten und Auflagen auch wieder bei uns produzieren könnte. Hier wäre die Einführung einer CO2 Einfuhrsteuer in die EU nicht nur für unsere Region wichtig. Damit nicht im Ausland billig produziert wird und wir hier an den Auflagen ersticken und immer weiter Standorte auslagern müssen.

Wie entwickelt sich der Wertschöpfungsverlust durch den internationalen Onlinehandel? Ist hier durch Corona eine zu- oder eine abnehmende Tendenz bemerkbar?
Hier gibt es leider keine Zahlen den Bezirk betreffend, daher kann ich nur über die Infos bundesweit sprechen. Während im ersten Lockdown letzten Jahres noch ein starker Trend zum Online Shopping spürbar war, ist dieser im heurigen Jahr nicht mehr so extrem ausgeprägt gewesen. Leider kämpfen aber allgemein derzeit Händler und Dienstleister mit Kaufzurückhaltung. Wenn man nicht ausgehen kann, benötigt man kein Kleid und auch keinen wöchentlichen Friseurtermin.

Etwas Abhilfe konnte das Streichen der Zoll-Freibetragsgrenze von 21 Euro für den internationalen Handel bewirken, da sich das Aufteilen auf viele Pakete von außerhalb der EU jetzt nicht mehr auszahlt und hier die Preise allgemein gestiegen sind. Durch die fehlenden Passagier-Flugverbindungen sind auch die Transportkapazitäten für Güter gesunken, was auch zu längeren Lieferzeiten und Preiserhöhungen für Waren aus Asien geführt hat.
Welche Instrumente kann man dem lokalen Handel mitgeben, um gegen die Online-Konkurrenz aufzutreten?

Man muss gefunden werden im Netz. Leider gehen sehr viele mögliche Kunden auf Google, suchen nach dem gewünschten Produkt und bekommen dann ein Angebot meist eines deutschen Anbieters vorgeschlagen. Hier muss man auf der einen Seite das Bewusstsein schaffen, dass man zuerst lokal sucht und dann erst die Angebote der internationalen Anbieter nützt und auf der anderen Seite diesen Suchvorgang erleichtern. Ich könnte mir vorstellen, dass es sinnvoll wäre, einen # einzuführen. Diesen könnten alle lokalen Anbieter in ihre Suchmaschinenoptimierung aufnehmen, damit man z.B. mit #kaufinkitz ergänzend leichter die regionalen Angebote findet.

Stichwort Kaufmannschaften und Standortmarketing: Ist im Bezirk diesbezüglich ein Schub bemerkbar?
Diese Entwicklung ist bemerkenswert. Vor 10 Jahren gab es zwar Kaufmannschaften, viele davon waren aber eher im Dornröschenschlaf. Jetzt haben wir in fast jeder Region professionelle Strukturen, die sich hin zu einem Orts- oder Regionsmarketing bewegen. St. Johann hat hier sicher mit dem Ortsmarketing eine Vorreiterrolle übernommen. Dieser Trend ist natürlich von Seiten der Wirtschaftskammer zu begrüßen, wichtig wird aber sein, dass diese Einrichtungen untereinander auch weiterhin zusammen und nicht gegeneinander arbeiten.
So sehe ich die Einführung eigener Ortsgutscheine oder Währungen für einzelne Orte eher negativ, hier darf nicht wieder zu viel Kirchturmdenken einziehen, da man sonst den gewünschten Effekt nicht mehr erzielt.

„An österreichische Gäste richten“
Was kann Regionalität im Tourismus bedeuten? Die Struktur im Bezirk ist ja hauptsächlich auf Gäste aus dem Ausland ausgelegt?
Dass Tourismus in unserer Region nur funktioniert, wenn die Grenzen offen sind, hat das letzte Jahr gezeigt. Hier finde ich es traurig, dass bei manchen immer noch die Meinung vorherrscht ich brauche die Touristen nicht, da ich eh nicht in der Gastro- oder Hotelbranche arbeite. Es muss ein gemeinsames Miteinander sein. Viele Infrastruktureinrichtungen könnten ohne Tourismus nicht betrieben werden. Mit minus 80 Prozent Umsatz im letzten Winter bei den Bergbahnen im Bezirk sehen wir wo das Geld zum Betrieb herkommt.

Unsere Region sollte sich vor allem diesen Sommer auch vermehrt an österreichischen Gästen ausrichten. Viele haben in den letzten Monaten auch wieder die Heimat entdeckt. Nein, es muss nicht immer der Liegestuhl am überfüllten Strand sein, es kann auch ein Bergsee oder eine gemütliche Alm mit einem Getränk aus heimischer Erzeugung sein, das attraktiv ist.
Das  Interview führte Elisabeth Galehr.

Bild: Die Pandemie brachte eine Rückbesinnung auf Regionalität mit sich. „Wichtig wird sein, dass dieser Trend beibehalten wird“, so Peter Seiwald. Foto: Vonier

 
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