
Kaspar Laurenz mit seiner Mama Barbara Schmidt bei der Eröffnung von 36 Stimmungen des Wilden Kaiser.
Zwischen Kaiser, Kunst und Kindheit
Interview Bianca Riegel
Der Wilde Kaiser begleitet Kaspar Laurenz seit seiner Kindheit. Vom Familienhof Schernfeichten aus schien der Berg damals zum Greifen nah. Aktuell ist er eines seiner wichtigsten künstlerischen Motive. Auch Kreativität und Naturverbundenheit wurden ihm früh mitgegeben. Nach seiner ersten Ausstellung kehrt Kaspar Laurenz ins Studio G10 zurück. Gezeigt werden seine „36 Stimmungen des Wilden Kaisers“.
Kaspar, was bedeutet es dir, deine Arbeiten gerade in Kitzbühel zu zeigen?
Ich stelle am liebsten in der Heimat aus. Hier bekomme ich am meisten zurück. Die Menschen kennen die Landschaft und haben selbst eine Beziehung dazu. Gleichzeitig finde ich hier vieles, was mich künstlerisch beschäftigt und inspiriert.
Der Wilde Kaiser begleitet dich schon seit deiner Kindheit. Wie hast du ihn damals wahrgenommen?
Hinter den Feldern bei unserem Hof ist der Kaiser unglaublich präsent. Als Kind ist ohnehin alles größer, aber ich hatte wirklich das Gefühl, ich könnte ihn beinahe greifen. Während der Arbeit an der Serie hat sich mein Blick verändert. Ich habe plötzlich stärker die Luft und den Raum zwischen mir und dem Berg wahrgenommen. Jetzt, wo die Serie abgeschlossen ist, merke ich, dass ich ihn wieder mehr so sehe wie damals als Kind.
Warum sind daraus ausgerechnet 36 Stimmungen geworden?
Die Zahl geht auf einen meiner Lieblingskünstler zurück, Katsushika Hokusai und seine 36 Ansichten des Mount Fuji. Darunter befindet sich auch einer meiner Lieblingsdrucke. Die Zahl stand für mich von Anfang an fest. Dadurch wusste ich auch, wann die Serie abgeschlossen ist. Auch Monet hat viel in Serien gearbeitet. Seine Heuschober sind für mich ein schönes Pendant dazu. Immer dasselbe Motiv, aber völlig unterschiedliche Lichtverhältnisse und Stimmungen.
Bei deinen Kaiserbildern verwendest du immer wieder ähnliche Ausschnitte. Was interessiert dich daran?
Die Felsen selbst sind gar nicht das Entscheidende. Natürlich sollen sie stimmen, aber ich möchte den Kaiser nicht einfach möglichst exakt abbilden. Mich interessiert, was Farbe, Licht und Atmosphäre mit demselben Ausschnitt machen. Dadurch wirkt der Berg jedes Mal anders.
Deine Kindheit scheint eine große Rolle in deiner Kunst zu spielen. Man nimmt alle Prägungen mit.
Meine Kindheit hat mich sehr geprägt und Kunst war immer da. Wenn ich als kleiner Junge zum Geburtstag einen Wunsch frei hatte, durfte ich mir zusätzlich Malmaterial oder Künstlerbedarf wünschen. Das zählte dann nicht als eigentliches Geburtstagsgeschenk. Da war meine Mama immer sehr großzügig. (Beim Erzählen beginnen Kaspars Augen zu leuchten.) Später bin ich auch nach Prüfungen oft direkt zum Künstlerbedarf gefahren, habe mir Farben gekauft und angefangen zu malen. Darauf habe ich immer großen Wert gelegt.
Deine Mutter ist mit ihren Porzellanarbeiten und vor allem mit ihren Tassen vielen ein Begriff. Ist sie auch Kritikerin?
Sie hat auf jeden Fall eine starke Meinung und einen strengen Blick auf Kunst. Sie hat mich von klein auf unterstützt und mir den Zugang zur Kreativität ermöglicht.
Auch deine Großeltern haben mit dem Alpenblumengarten am Kitzbüheler Horn etwas geschaffen, das bis heute eng mit Kitzbühel verbunden ist. Welche Erinnerungen hast du daran?
Ich habe dort immer mitgeholfen. Das Ausmähen im Herbst habe ich geliebt, das Jäten überhaupt nicht. Mein Opa war ebenfalls sehr kreativ. Er hat wunderschöne Blumensträuße gebunden, was für einen Mann seiner Generation eher ungewöhnlich war. Meine Großeltern haben die Sträuße dann am Bauernmarkt verkauft. Bis heute haben wir einen wunderschönen Garten vor dem Haus. Dieser Bezug zu Pflanzen und Natur war und ist immer Teil meines Lebens.
Trotz dieser frühen Leidenschaft hast du dich für ein Medizinstudium entschieden. Würdest du heute wieder denselben Weg wählen?
Ja, ich würde wieder Medizin und nicht Kunst studieren. Kunst muss für mich aus einem selbst kommen. Den eigenen Zugang dazu muss man selbst entwickeln. Wenn mir jemand sagt, wie ich etwas machen soll, neige ich ohnehin eher dazu, das Gegenteil zu machen. Beim Medizinstudium bin ich fast am Ende. Es fehlen mir noch rund zwei Monate praktische Ausbildung im Krankenhaus und bei einem Hausarzt.

Der Wilde Kaiser von Kaspar Laurenz.
Was verbindet Medizin und Kunst für dich?
Kunst spiegelt das Leben wider. Die Erfahrungen, die man macht, und die eigene Sichtweise auf die Welt fließen hinein. Ich war viel in Krankenhäusern und habe auch sehr arme Gegenden erlebt. Das prägt einen. Auch meine Lieblingskünstler haben ihr Leben gelebt und ihre persönlichen Erfahrungen in ihre Arbeit eingebracht. Genau dieser Raum für Emotionen macht Kunst für mich aus.
Du beschreibst dich selbst als introvertiert. Ist Malerei auch eine Möglichkeit, Dinge auszudrücken, die du sonst für dich behältst?
Ja, bestimmt. Ich habe viel zu verarbeiten und brauche diesen emotionalen Raum. Vielleicht faszinieren mich deshalb auch die Farben der Expressionisten so sehr.
Gleichzeitig soll deine Kunst für jeden verständlich sein.
Das ist mir sehr wichtig. Ich möchte keine Kunst machen, bei der man zuerst einen langen Text lesen muss, um sie zu verstehen. Meine Arbeiten sind nicht politisch. Man soll davorstehen und etwas empfinden können, unabhängig davon, wie viel man über Kunst weiß.
Beim ArtLab der Galerie Benjamin Eck in München hast du den Publikumspreis gewonnen. Was bedeutet dir diese Auszeichnung?
Das hat mich sehr gefreut, vor allem weil das Publikum selbst entschieden hat. Dort waren einige akademisch ausgebildete Künstlerinnen und Künstler vertreten, deshalb war es für mich umso schöner, dass sich meine Arbeit durchsetzen konnte.
Du arbeitest oft Wochen oder Monate an einem Gemälde. Wann ist ein Bild für dich fertig?
Das ist nicht immer einfach zu sagen. Ich male derzeit nur in meinem Atelier in Innsbruck und überarbeite Werke oft mehrfach. Manchmal male ich weiter, manchmal bespanne ich eine Leinwand neu, manche Arbeiten zerstöre ich auch. Nicht jedes Bild muss Teil meines Gesamtwerks werden.
Hast du dich eigentlich schon immer als Künstler gesehen?
Ja. Für mich hängt Künstlersein nicht davon ab, ob man davon leben kann oder eine bestimmte Ausbildung gemacht hat. Ich möchte auf jeden Fall immer Künstler bleiben. Wie sich Medizin und Kunst später gewichten werden, weiß ich noch nicht.
Mit dem „Baum der 100 Apfelblüten“ führt dich eines deiner jüngsten Kunstprojekte wieder zurück zu deiner Kindheit und nach Kitzbühel. Was steckt dahinter?
Im Mai haben die ersten Pflanzungen in Tirol begonnen. In Kitzbühel steht der Baum im Stadtpark beim Pavillon, gegenüber von jenem Apfelbaum, der für das Riesenrad gefällt wurde. Es wird Jahre dauern, bis man wirklich sieht, was daraus entsteht, und genau das gefällt mir. Als Kinder haben wir in den Pausen viel bei den Apfelbäumen gespielt. Deshalb steckt für mich sehr viel Persönliches in diesem Projekt. Ich möchte den Baum später auch veredeln und weitere Sorten aufpfropfen. So verbinden sich meine Kunst, meine Leidenschaft für Pflanzen und meine Kindheit. Und irgendwie schließt sich damit wieder der Kreis zu meinen Wurzeln.
Die „36 Stimmungen des Wilden Kaisers“ sind noch im Studio G10, Untere Gänsbachgasse 10 in Kitzbühel, zu sehen. Geöffnet ist von Mittwoch bis Samstag jeweils von 17 bis 19 Uhr.