27.12.2020
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Würzige Weihnachten

David wachte auf und griff obligatorisch nach seinem Handy. WETTERPROGNOSE: 6 Grad und Regen am Heiligen Abend. NEWSFLASH INLAND: 218 COVID-Todesfälle. EINE NEUE NACHRICHT: „Zu Weihnachten kommt ein Überraschungsgast. Nehmt gute Laune und reichlich Hunger mit! Alles Liebe, Mama.“

Nachdem David aufgestanden war, checkte David seine Mails am Laptop. Weitere Videolinks von seiner Schwester Anna über die Weltverschwörung, die er sich noch immer nicht anschauen wollte, wanderten in den virtuellen Papierkorb. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand hing er seinen Gedanken nach. Besinnliche Adventatmosphäre fehlte in der Pandemie-Weihnachtszeit gänzlich.

„Den Hunger kann ich mitbringen, die gute Laune eher weniger,” schrieb er seiner Mutter zurück, die ihn postwendend anrief.

„Es ist etwas großartiges passiert!“ Sie habe zum ersten Mal im Leben gewonnen. Mittels Zufallsgenerator sei sie von einem Sternekoch ausgewählt worden. Am 24. Dezember würde er zu ihr nach Hause kommen, um exklusiv für die ganze Familie eine herrliche Mahlzeit zu zaubern. Sie bräuchte sich nicht einmal um die Zutaten zu kümmern.

... wer ist der Sternekoch?
Auf Davids Fragen, wer dieser Koch sei oder ob das den Corona Vorschriften entsprechen würde, ging sie nicht weiter ein und die Spekulationen, es könnte sich um einen Trickbetrug handeln, beendete sie energisch: „Du bist so negativ, das ist nicht mehr auszuhalten! In einer Woche werden wir ja sehen ob ein Küchenchef oder die Panzerknacker vor der Tür stehen!“

Die Tage bis zum Heiligen Abend vergingen schnell und eintönig. Vielen Familien war ein gemeinsames Fest verwehrt, einige Omas und Opas blieben abgeschottet, Ungerechtigkeiten nahmen beständig zu. Die Menschen standen in den Teststraßen statt am Glühweinstand, es gab kaum Arbeit, keine Touristen, dafür umso mehr Versandpakete, Einsamkeit und eine fortschreitende Spaltung der Gesellschaft durch populistische Erzählmuster.

„Ich habe die richtigen Zutaten“
Kurz nachdem David an dem milden Weihnachtsnachmittag bei seiner Familie eintraf, klingelte es. „Ah, das muss der Sternekoch sein!“ rief die Mutter und stürmte zur Tür. Alle Augen richteten sich auf den Neuankömmling der voll bepackt mit Lebensmittelkörben hinter der Mutter das Wohnzimmer betrat. „Grüß Gott!“ sagte der Fremde. „Ich habe die richtigen Zutaten dabei, um euch ein frohes Weihnachtsfest zu bescheren!“
Schnurstracks verschwand er in der Küche und schloss mit der Bitte hinter ihm ab, man möge ihn so lange nicht stören, bis er mit einer Glocke läute.

Was kocht der Sternekoch da nur?
Während man die Töpfe klappern und die Messer wetzen hörte, plauderten David und Anna über die jüngsten Ereignisse rund um die Pandemie.

Die demente Großtante, der Vater und die Mutter streckten die Nase in die Höhe und versuchten über die herrlichen Düfte zu bestimmen welche vorzüglichen Speisen serviert werden würden. Die Mutmaßungen gingen weit auseinander. „Ich würde mich über ein saftiges Steak freuen” „Meeresfrüchte wären toll!” Die Eltern glaubten, es rieche nach Ente. „Hauptsache es biegt sich die Tischplatte, ich habe nämlich richtig viel Hunger mitgebracht” sagte David.

Covid-Idioten und Verschwörer
„Hast du dir die Videos eigentlich angeschaut?“ fragte ihn seine Schwester mit hochgezogenen Augenbrauen. „Nein leider, dazu hatte ich keine Zeit.” „So, so, ich dachte du bist in Kurzarbeit?“ „Naja, um ehrlich zu sein…” er wollte sich auf die Zunge beißen, doch dann brach es aus ihm heraus: “Mich interessiert dieser verschwörungstheoretische Quatsch nicht!“ Anna wurde wütend. „Wegen ‚Schlafschafen‘ wie dir werden wir noch in einer Diktatur enden!“ “Jaja genau und wegen euch ‚Covid-Iidioten‘ sind wir spätestens im Sommer beim 5. Lockdown!”

„Corona, ich kann es nicht mehr hören!“
Der Vater ermahnte die Beiden erbost zur Ruhe, dann setzte er sich mit dem Kitzbüheler Anzeiger ans Fenster, die Mutter verdrehte genervt die Augen. “Verflixtes Corona, ich kann es nicht mehr hören!” Die Geschwister starrten in ihre Handys und verstummten.

... dann wurde es still
So kam es, dass jeder mit sich selbst beschäftigt war, es herrschte Stille bis sie plötzlich durch das Klingeln einer Glocke durchbrochen wurde. Erwartungsvoll blickte die ganze Familie auf die verschlossene Tür. Als sich nichts rührte ging die Mutter in die Küche. Vom Sternekoch fehlte jede Spur, es war so blitzblank aufgeräumt, als wäre nie jemand da gewesen. Einzig auf dem Herd stand ein dampfender Suppentopf. Enttäuschung machte sich breit, nur die demente Großtante war selig erfüllt von einer weit entfernten Erinnerung, aus einer Zeit, in der Magie noch möglich schien. David entdeckte einen roten Umschlag auf der Anrichte. Er zog den Brief heraus und las ihn laut vor:
Liebe Familie, Die Suppe ist noch nicht ganz fertig.
Es liegt an euch sie zu würzen. Achtlosigkeit, Kommunikationsverweigerung, verbale Angriffe und Feindbilder werden sie versalzen. Doch wenn ihr wollt, dass aus eurem gemeinsamen Mahl etwas wird, was ein Gespräch allein oft nicht erreichen kann, dann würzt sie mit viel Liebe, Verständnis, Frieden und Hoffnung. In diesem Sinne wünsche ich euch frohe und besinnliche Weihnachten. Euer Sternekoch

Auf einmal war alles, was vorhin noch im Dunkeln lag, von einem sanften Leuchten umgeben. Draußen fing es langsam an zu schneien und der Dampf der Suppe verbreitete schließlich einem Zauber gleich, Versöhnung im ganzen Haus. Foto: pngwing.com

Über die Autorin Dagmar Sulzenbacher
Kitzbühel, Kirchdorf | Dagmar Sulzenbacher ist in Kitzbühel geboren und aufgewachsen. Als Autorin sorgt sie mit ihren Kurzgeschichten von „Miss Fällig“ für Furore. Ihr Hörbuch,  „Miss Fällig erzählt“, gelesen vom Schauspieler Clemens Ansorg, rangierte auf Platz 1 der Thalia Hörbuch-Charts. Sie lebt und arbeitet als Künstlerin in Kirchdorf. „Würzige Weihnachten“ verfasste Dagmar Sulzenbacher exklusiv für den Kitzbüheler Anzeiger.

 
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