17.08.2020
News  
 

„Wir müssen mit dem Virus leben“

Rund 70 Corona-Erkrankte wurden im Bezirkskrankenhaus St. Johann bislang behandelt – ein Viertel davon musste auf die Intensivstation. Der Ärztliche Leiter Prim. Dr. Norbert Kaiser sagt, dass wir mit dem Corona Virus leben müssen und appelliert, wenn es um Abstand und Masken geht, an den Hausverstand.

Mancherorts kommt es wieder zu Menschenansammlungen, als hätte es Corona nie gegeben. Macht Ihnen das Sorgen?
Die Einhaltung der Verhaltensrichtlinien, welche über die letzten Monaten hinweg ständig kommuniziert wurden, sind sehr wichtig. Man sollte seinen Hausverstand walten lassen: Wenn ich unter Menschen bin, die von überall herkommen, kann ich nie ausschließen, dass jemand infiziert ist.
Daher sollte man bei Menschenansammlungen auf die einfachen Regeln, wie Abstand halten, Mundschutz tragen sowie Händehygiene nach wie vor besonders achten.

Was ist ihrer Meinung nach wichtiger: Abstand oder Maske?
Beides ist wichtig. Was können wir von den Asiaten lernen? Die Asiaten tragen seit Jahrzehnten Masken, wenn sie krank sind oder den Verdacht dazu haben.
Die Maske dient bei unbemerkten Infektionen zum Schutz des Anderen. Der Mund-Nasenschutz dient als Barriere beim Aushusten des Virus, damit es nicht weit verstreut wird. Der Maskenträger schützt aktiv den Anderen.
Durch einen entsprechenden Abstand zu anderen kann man hingegen leicht sich selbst vor einer Infektion schützen.

Im Supermarkt muss man eine Maske tragen, im Drogeriemarkt nicht. Manche Vorgaben der Bundesregierung sind für den Laien nicht nachvollziehbar - wie geht es Ihnen damit?
Mir geht es ähnlich. Einige Verordnungen sind auf den ersten Blick schwer nachvollziehbar. Sie sind zwar aufgrund von Studien wissenschaftlich begründbar, für den Laien aber kaum verständlich. Die Berechnungen der Virusübertragung beruhen auf statistischen Daten eines Gesamtkollektivs, welche nur bedingt auf Einzelpersonen übertragbar sind.
Wenn man Pech hat, kann eine Virusübertragung beim ersten Kontakt erfolgen, wenn man angehustet wird. Deshalb sollte man es für die Bevölkerung einfacher machen. Möglichst wenig Richtlinien, dafür aber verständliche.

Wird genug getestet?
Es wird viel getestet. Tests sind aber aufwendig und teuer (derzeit kostest ein einziger Test ca. 85 Euro). Sie spiegeln nur eine Momentaufnahme am Tag des Tests wider. Deshalb ist es wichtig, dass die richtigen Personen getestet werden: Patienten mit klinischen Symptomen und  Risikogruppen.
Flächenhafte Tests von Personengruppen mit geringer Infektions-Wahrscheinlichkeit machen wenig Sinn. Diese Vorgangsweise dient nur zur Beruhigung der Bevölkerung. Infizieren kann man sich nur, wo es Infizierte gibt.
Man muss gezielt und sinnvoll testen. In erster Linie müssen die Risikogruppen (z.B. auch Mitarbeiter in Schlachthöfen) im Auge behalten werden.  

Bereiten Sie sich im BKH St. Johann auf eine prognostizierte zweite Corona-Welle im Herbst/Winter vor?
Dieser Prozess wird tirolweit abgestimmt. Ein großer Stab aus Politik und dem Gesundheitsbereich trifft sich regelmäßig. Mit Unterstützung von Experten werden aufgrund aktueller Daten, Prognosen und Kapazitätsberechnungen erstellt, wie es weitergeht.
Nach dem Lockdown ist es gelungen, langsam zum Normalbetrieb im BKH St. Johann zurückzukehren – wohl wissend, dass sich die Situation schnell ändern kann. Wir haben derzeit deutlich reduzierte Corona-Vorhalte-Verpflichtungen, was die Betten angeht - sind aber bereit, das kurzfristig wieder zu ändern. Wir haben in den letzten Monaten viele Erfahrungen gesammelt.
Fakt ist, bis wir einen Impfstoff haben, wird Corona uns begleiten, wie tausend andere Krankheiten auch. Wichtig ist, dass wir  nicht in  Corona-Angst verfallen und auf die anderen Krankheiten vergessen. Gesundheitliche Kollateral-Schäden müssen vermieden werden.

Wann schätzen Sie, werden wir die Corona-Pandemie durch Medikamente oder eine Impfung im Griff haben?
Da kann ich nur auf die Informationen aus Fachkreisen und wissenschaftlicher Literatur zurückgreifen. Demnach haben schon einige Firmen Tests gestartet.
Wir können nur hoffen, dass wir im nächsten Jahr einen Impfstoff haben und vielleicht auch Medikamente, welche wir gezielt zur Behandlung einsetzen können.  Dann stellt sich aber auch die Frage: ist die Immun-
antwort ausreichend? wen impft man zuerst? Hat man genug Impfstoff?

Was raten Sie den sogenannten Corona-Risikogruppen?
Risikogruppen sind in erster Linie Personen über 65 Jahre mit Begleiterkrankungen, wie Herz- und Lungenerkrankungen, Nierenschwäche, Bluthochdruck, Diabetes und sonstiger Immunschwäche sowie Raucher. Diese sollten besonders die Abstandsregeln einhalten. Da muss man vehement das Verständnis des Umfeldes einfordern.
Schwere Verläufe sieht man jedoch im Einzelfall nicht nur bei den klassischen Risikogruppen, auch bei vermeintlich gesunden Personen kann das Immunsystem überreagieren und eine schwerste generalisierte Entzündung im ganzen Körper hervorrufen. Wir haben auch vereinzelt bei jüngeren Personen sehr schwere Verläufe gesehen. Johanna Monitzer

Foto: „Wenn man Pech hat, kann eine Virusübertragung beim ersten Kontakt erfolgen, wenn man angehustet wird“, erklärt Prim. Dr. Norbert Kaiser. Foto: Claudia Egger

 
Kontakt
Tel.: +43 (0) 5356 6976
Fax: +43 (0) 5356 6976 22
E-Mail: info@kitzanzeiger.at
Virtuelle Tour
Rundblick - Virtual Reality
Werbung
 
Zurück Aktuelle Gemeinde Archiv Suchen