30.11.2017
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„Freuen uns auf weitere 25 Jahre!“

Mädchen wurden mit Milch übergossen und eine Künstlerin wurde als Satanistin verhöhnt – die Musik Kultur St. Johann sorgt seit 25 Jahren für Furore und hat sich ihren Platz als Nahversorger für Kunst und Kultur mit höchstem Anspruch hart erarbeitet.

St. Johann | Kein bisschen Wehmut, aber schon ein wenig Stolz kommt bei Hans Oberlechner, Geschäftsführer der Musik Kultur St. Johann, auf, wenn er durch den Ordner mit alten Plakaten blättert. Am 24. April 1992 lud der Kulturverein mit der „Big Band Connection Landeck“ zum allerersten Konzert ins Café Rainer nach St. Johann  ein. „Dabei war das gar nicht wirklich unsere Richtung, wir wollten nur Wind machen“, erzählt Oberlechner. Die Idee einen Kulturverein zu gründen kam Oberlechner zusammen mit anderen Musikbegeisterten in einer schummrigen Bar. „In St. Johann gab es damals kaum ein Angebot. Das Jugendzentrum wurde ausgehungert. Wir wollten ungefähr sieben Konzerte mit zeitgenössischer und experimenteller Musik auf höchstem Niveau pro Jahr organisieren“, erinnert sich Oberlechner.

„Sie haben uns den Vogel gezeigt“

Als politisch unabhängige Organisation veranstaltete die zunächst kleine Gruppe von Kulturbegeisterten Konzerte in verschiedensten Lokalitäten und konzentrierte sich vor allem auf  alternative Musik. „Die Musikrichtungen scheiden auch die Geister. Bei unserem ersten Free Jazz Konzert von ‚Blauer Hirsch‘ haben mir drei Frauen den Vogel gezeigt“, lacht Oberlechner.

Für Aufregung sorgte auch das Konzert der US-amerikanischen Performance Künstlerin und Sängerin  Diamanda Galas im Jahr 1997, welches zugleich das teuerste Konzert war, das die Musik Kultur jemals organisierte. Es machte das Gerücht die Runde, dass die Sängerin schwarze Messen feiern würde. Der St. Johanner Pfarrgemeinderat intervenierte bis hin zum Erzbischof. „Das war alles Blödsinn. Ich habe den kompletten Pfarrgemeinderat dann zum Konzert eingeladen – gekommen ist aber leider keiner“, schmunzelt Oberlechner.  

Performances sorgten für Aufregung

Für Begeisterung oder eben für Entsetzen – je nach Sichtweise, sorgten auch die jährlichen Performances des Kulturvereins am Hauptplatz. „Im Rahmen des Festes der Sinne hatte Regisseur Arno Rabl einmal eine Performance inszeniert, wo Mädchen in einer Badewanne mit Milch übergossen wurden“, erzählt Oberlechner. Der Skandal war perfekt. Die Musik Kultur St. Johann schaffte es auf den Titel der Bauernzeitung inkl. vernichtenden Bericht. „Die Milch wurde nachher einem Schweinebauern geschenkt – also alles halb so schlimm. Durch Kunst eröffnen sich neue Denkweisen, Kunst muss oft neue Wege gehen und aufrütteln“, so Oberlechner.

Dem Verein war es von Anbeginn wichtig, gesellschaftspolitische Themen aufzugreifen. Aktionen, wie einen 24-Stunden-Radiosender, der kurzerhand am Astberg installiert wurde, um auf die prekäre Situation freier Medien aufmerksam zu machen, schlug ebenfalls hohe Wellen.

Die Musik Kultur St. Johann geht es heute ein wenig ruhiger an, aber nicht minder engagiert. „Beim Kinder- und Jugendfilmfestival Kikiplexx behandeln wir z.B. jedes Jahr gesellschaftspolitische Themen“, erklärt Karin Girkinger, die seit 2010 an der Seite von Oberlechner für den Verein arbeitet.

In der Alten Gerberei eine Heimat gefunden

Schnell mauserte sich der Verein seit seinen Anfängen in den 90er Jahren zum kulturellen Nahversorger in der Region. Nach jahrelanger mühsamer Spielstättensuche ergab sich mit der Alten Gerberei die Möglichkeit, ein fixes Zuhause für den Kulturbetrieb zu schaffen.  Innerhalb von drei Monaten brachte der Verein die benötigten Mittel von einer Million Euro auf, um das Haus zu erwerben. „Ohne die Alte Gerberei würde es uns in dieser Form nicht geben“, ist sich Oberlechner sicher, der auch sein Privatvermögen in den Ausbau der ehemaligen Lederfabrik steckte.

Kulturelle Nahversorger in vielen Bereichen

Mittlerweile bietet die Alte Gerberei eine Bühne für 150 Veranstaltungen jährlich. Neben wöchentlichem Kinoprogramm, regelmäßigen Kulturveranstaltungen für Kinder und zahlreichen Konzerten werden auch Festivals organisiert, wie das international bekannte „Artacts“ oder das Kinder-und Jugendfilmfestival „Kikiplexx“.

Und die Kulturszene wächst weiter, dank dem Engagement der Musik Kultur St. Johann. In Zusammenarbeit mit anderen Vereinen und Organisationen werden in der Alten Gerberei immer wieder  Theater oder Lesungen angeboten. Dem Gymnasium dient das Haus mittlerweile als Proberaum für die Theatergruppe. Auch die Theater Schule Young Acting ist dabei, nach St. Johann in die Gerberei zu übersiedeln. „Wir können nicht alle Sparten selbst bedienen, deshalb ist uns das Netzwerken mit anderen Organisationen sehr wichtig“, erklärt Girkinger.

Mitglieder arbeiten ehrenamtlich

Aus dem kleinen engagierten Haufen Kulturbegeisterter Anfang der 90er Jahre, ist ein Team von 80 Vereinsmitgliedern geworden, die ihre Freizeit der Kulturarbeit verschreiben – denn Mitgliedsbeitrag gibt es keinen. „Wir haben nur aktive Mitglieder, die begeistert mitanpacken“, veranschaulicht Girkinger. Das Engagement geht sogar so weit, dass ein Mitglied sein Geburtstagsfest mit dem Verein teilt. „Der Jubilar erfüllt sich mit der Einladung von Musikern einen langgehegten Wunsch. Ein limitiertes Kartenkontingent hat er uns überlassen, musikbegeisterte Besucher können somit am 9. Dezember bei Voranmeldung auch mit dabei sein“, freut sich Oberlechner.

„Wertschätzung und Respekt für die Kultur“

Was wünscht man sich beim Kulturverein für die Zukunft: „Respekt und gesteigerte Wertschätzung für die Kulturarbeit. Ohne Kultur beginnt die Barbarei. Wir sind auf einem guten Weg, aber alles kann natürlich noch besser werden“, so Girkinger und Oberlechner und die beiden sind überzeugt: „Uns wird es in 25 Jahren auch noch geben _ wir freuen uns darauf!“

Dass sich Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen auszahlen haben sie ja bereits in den letzten 25 Jahren in beeindruckender Weise unter Beweis gestellt. Gratulation!
Johanna Monitzer

 
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