17.04.2021
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Fachkräftefrage lässt Hotellerie und Gastronomie im Bezirk bangen

„Werde ich genügend Personal finden?“ – Diese Frage stellt sich so mancher heimische Betrieb im Bezirk, wenn es um den Saisonstart geht. Diese ist bis dato noch immer nicht fix – was die Sache nur schlimmer macht.
 
Bezirk | Gegenüber einem „normalen Jahr“ sind im Bezirk Kitzbühel aktuell fast 70 Prozent weniger Menschen in der Tourismusbranche beschäftigt. Gleichzeitig sind zahlreiche Mitarbeiter auf Kurzarbeit. Viele Fachkräfte aus Gastronomie und Hotellerie sind im Bezirk bereits seit Ende Oktober arbeitslos.

Seit Oktober arbeitslos: Einheimische berichtet
Eine betroffene Einheimische, die normalerweise in einem Kitzbüheler Hotel angestellt ist, berichtet dem Anzeiger von ihrer aktuellen Situation. Mit dem zweiten Lockdown im Herbst musste sie „stempeln gehen“ und blickt seither bang auf die Inzidenzzahlen, wie sie schildert: „Der Unsicherheitsfaktor ist sehr belastend. Man schaut die Nachrichten und fragt sich, wie man sich darauf einstellen kann.“ Andere Stellen sind zur Zeit eher weniger verfügbar, und wenn, dann höchstens in Teilzeit. Einen Wechsel der Branche kann sie sich nicht so wirklich vorstellen, aber: „Wenn im Herbst nach dem Aufsperren nochmals ein Lockdown kommt, würde ich das in Erwägung ziehen.“ Ihr Arbeitgeber hielt während der Zeit Kontakt mit ihr, wie sie schildert. „Ich freue mich schon darauf, wenn ich endlich  wieder arbeiten darf und der normale Alltag beginnt“, sagt die Tourismusfachkraft abschließend.
Blickt man auf die Arbeitgeberseite, die Hoteliers und Gastronomen, ist vielerorts die Befürchtung groß, dass ein Teil der Angestellten für die Branche verloren geht. Eine bundesweite Schätzung geht sogar von bis zu 20 Prozent der Fachkräfte aus, die dem Tourismus den Rücken kehren werden.

„Überwiegender Teil will im Tourismus bleiben“
Diese Befürchtung kann AMS-Leiter Manfred Dag für den Bezirk Kitzbühel zumindest entschärfen: „Es gibt natürlich einige, die eine Umschulung machen möchten, aber da geht die Initiative von der Einzelperson aus. Der überwiegende Großteil möchte im Tourismus bleiben.“
Eine Einschätzung, die auch von Christine Lindner, Chefin beim Penzinghof und außerdem  Mitglied im WK-Bezirksstellenausschuss, geteilt wird:  „Ich glaube nicht, dass ein Fünftel gehen will. Die Treue zum Tourismus ist im Bezirk sehr hoch.“ Lindner verweist gleichzeitig auf eine aktuelle, breit angelegte Schulungsoffensive der WK und weiterer Partner für Mitarbeiter der Branche. „Da freuen wir uns über eine sehr gute Nachfrage.“ Trotz all dieser Initiativen: Was sowohl den Unternehmern als auch den Mitarbeitern zu schaffen macht, ist die geringe Planbarkeit.

Hotelier Willi Steindl aus Kirchberg spricht diesbezüglich sogar von einem regelrechten „Wettbewerbsnachteil“ für Tirol: „Wir wissen nicht, wann wir aufsperren dürfen und können somit keine Planungssicherheit für die Mitarbeiter herstellen. Viele plagen durch die langen Lockdowns schon Geldsorgen und sie schauen sich daher anderweitig um – das ist nur logisch.“ Es gebe europaweit einige Destinationen, die touristisch wieder hochgefahren wurden, etwa in der Schweiz, in Italien oder Mallorca. Diese würden die international versierten Fachkräfte abziehen. Selbst beim Stammpersonal wisse er teilweise nicht, ob die Leute wiederkommen wollen und können. Um einen nachhaltigen Saisonstart zu gewährleisten, brauche es außerdem eine gewisse Vorlaufzeit.
Im Rahmen einer Expertenrunde des „Club Tirol“ erläuterte Elisabeth Hauser-Benz vom Stanglwirt zur allgemeinen Lage: „Die Abwanderung ist enorm. Der Fachkräfte- und Arbeitskräftemangel war in den vergangenen Jahren schon extrem. Da braucht es ein Destinationsmanagement. Die Betriebe allein können das nicht schaffen.“ Wolfgang Hagsteiner, der Seniorchef beim „Furtherwirt“in Kirchdorf, baut auf ein starkes Stammpersonal. „Wir sind stolz darauf, dass wir ein gutes Potenzial haben. Allerdings fehlen uns noch Hilfskräfte.“ Gerade diese seien für einen Betrieb essenziell. Immerhin zeigt sich Hagsteiner optimistisch, dass er die personellen Engpässe – sobald ein konkretes Öffnungsdatum steht – noch ausgleichen wird.

„Leute melden sich erst gar nicht“
Eine sehr schwierige Situation sieht Annemarie Foidl von der Angerer Alm in St. Johann auf die Gastronomie zukommen: „Es ist eine Katastrophe, die Leute melden sich erst gar nicht.“ Auch Foidl sieht den großen Hemmschuh in der fehlenden Perspektive für das Aufsperren. „Es sind sehr viele, die abwandern und wechseln“, unterstreicht die Chefin der Angerer Alm. Die derzeit unsichere Lage betrifft einerseits die heimischen Mitarbeiter, aber andererseits auch jene, die aus dem Ausland stammen und nicht wissen, ob sie unbehelligt hin- und herreisen dürfen.  Zudem merkt sie auch durchaus kritisch an: „Es ist frustrierend, wenn man mitkriegt, dass manche sagen: ‚Um das Geld gehe ich nicht arbeiten. Das Arbeitslosengeld reicht mir.‘ Sie bedenken nicht, dass ihnen dann am Ende des Arbeitslebens die Versicherungszeiten fehlen bzw. die Pension dementsprechend niedrig ist.“

Annemarie Foidl kann sich vorstellen, dass sich die Gastronomie für die heimischen Kräfte interessanter machen könnte, wenn sie sich flexibler gibt: „Zum Beispiel, dass man nur ein, zwei Tage in der Woche in der Gastro arbeitet, dafür dann mit voller Energie. Uns fehlen Leute, ich möchte sie ermutigen, wieder in die Gastronomie einzusteigen. Wir sind eine Branche, die sehr viel dazu gelernt hat.“ Darüber hinaus weist Annemarie Foidl darauf hin, wie erfüllend die Tätigkeit sein kann: „Ich merke auch, was wir als Gastronomie der Gesellschaft geben können. Wir haben in Tirol eine Gastlichkeit, die über das Essen und Trinken hinausgeht.“
Wie groß genau der Personalbedarf bzw. die Lücke sein wird, werde man wohl erst merken, wenn es wirklich losgeht: „Wir Wirte müssen auch planen. Also meldet euch: Vollzeit, Teilzeit, tageweise, stundenweise. Schaut es euch an, kommt zurück“, so Foidl abschließend. Elisabeth Galehr

Bild: Wann dürfen Mitarbeiter in Hotellerie und Gastronomie wieder die Schürze umbinden? Symbolfoto: Pexels/Filkins

 
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