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Kitzbüheler Anzeiger
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24.05.2023
News  
 

Die Knochenschraube, die rückstandslos einheilt und hält

Sie sind zwischen 15 und 45 mm lang und verrichten wortwörtlich einen Knochenjob: Knochenschrauben aus menschlichem Gewebematerial werden am Bezirkskrankenhaus St. Johann in Tirol zur Fixierung und Heilung von Fuß- sowie Handverletzungen oder Fehlstellungen eingesetzt. Der menschliche Körper baut das Transplantat in die eigene Struktur ein, so dass dieses rückstandslos mit ihr verwächst. Nach zwei Jahren Anwendung zieht Alexander Brunner, Vorstand der Abteilung für Orthopädie und Traumatologie, eine positive Bilanz. 

Wenn Knochen nach einer Verletzung oder im Zuge einer Operation zusammengefügt werden müssen, werden üblicherweise Metallimplantate verwendet. Dies bringt meist einen Folgeeingriff mit sich, um den Fremdkörper wieder zu entfernen. Um Patientinnen und Patienten das damit verbundene erneute Operationsrisiko, Schmerzen, Zeitaufwand und Krankenstände zu ersparen, setzt man im Bezirkskrankenhaus St. Johann in Tirol bereits seit mehreren Jahren auf resorbierbare Schrauben, die vom Körper aufgenommen werden. 

Knochen ist besser als Zucker
Zu Beginn wurde noch eine Zuckerschraube verwendet, die aufgrund ihrer geringen Belastungsstabilität auf wenige Anwendungsfelder beschränkt war. Seit rund zwei Jahren setzt der verantwortliche Primar, Alexander Brunner, auf eine Innovation aus Oberösterreich: eine Knochenschraube, die vom Körper in das eigene Knochenmaterial eingebaut wird und nach rund einem Jahr am Röntgenbild nicht mehr zu erkennen ist.

Mit dem Einsatz der Knochenschraube hat der Mediziner schrittweise begonnen. Zuallererst hat man Fehlstellungen der Großzehe, den sogenannten Hallux Valgus, damit korrigiert – ein Eingriff, der bereits mit der Zuckerschraube möglich war. Danach wurde das Anwendungsfeld nach und nach auf Gelenke und Regionen, die einer stärkeren körperlichen Belastung ausgesetzt sind, ausgeweitet. Seitdem hat Brunner mit seinem Team rund 100 Behandlungen mit dem aus menschlichem Spendermaterial hergestellten Transplantat durchgeführt: Operationen am Sprunggelenk, Sehnenrisse, Großzehengrundgelenks- und Mittelfußversteifungen, ja sogar eine Pseudarthrose an einer Hüfte wurde bereits mit drei Knochenschrauben erfolgreich fixiert. Den überwiegenden Anteil, nämlich 80 Prozent, stellen Fußverletzungen, allen voran die Korrektur des Hallux Valgus dar. Das Revolutionäre an der Knochenschraube mit dem Namen „Shark Screw“, so der Primar, sei ihre Stabilität und ihr großes Anwendungsspektrum. 

Weitere Vorteile der Knochenschraube
„Wenn ich dem Patienten eine Metallentfernung ersparen kann, empfehle ich die Knochenschraube“, führt Alexander Brunner aus. Doch auch in Fällen, bei denen ein Metallimplantat im Körper verbleiben könnte, rate er zur neuen Methode. Der Mediziner begründet dies damit, dass ein mögliches störendes Fremdkörpergefühl bei der Knochenschraube gänzlich entfalle, da diese vom Organismus angenommen werde. Da ein mit der Knochenschraube behandelter Patient darüber hinaus nach dem Eingriff keine Nachteile in der Heilungsphase habe, sei die Knochenschraube vielfach die beste Lösung. 

Das Allheilmittel bei Knochenverletzungen also? „Nicht ganz“, räumt der Arzt ein, „bei Operationen mit Stellschrauben, bei denen eine Implantatentfernung bewusst gewünscht ist, sowie bei Eingriffen an größeren Gelenken, wie beispielsweise der Hüfte, bleibt man derzeit meist noch beim Metall. Auch unregelmäßige Brüche, bei denen Knochenenden zusammengedrückt werden müssen, um zu heilen, werden mit Titan- oder Edelstahlverbindungen fixiert.“ 

Innovatives Medizinprodukt aus Österreich
Einige Patienten würden sich nach der Herkunft der Knochenschrauben erkundigen, erzählt der Orthopäde aus seinem Praxisalltag. Diese werden von Surgebright, einem oberösterreichischen Unternehmen, aus menschlichem Spendermaterial hergestellt. Dessen Gründer, der Orthopäde Klaus Pastl, ist gleichzeitig auch der Erfinder der Knochenschraube „Shark Screw“, die er in Kooperation mit der Technischen Universität Graz entwickelt hat. Der sterile Herstellungsprozess wird überwacht und ist einer strengen Qualitätskontrolle unterworfen.

Künftige Herausforderungen an die Orthopädie
„Neben den Vorteilen für die Behandelten haben Operationsmethoden wie diese auch einen erheblichen Nutzen für die Allgemeinheit“, führt Primar Alexander Brunner, der neben seiner Arbeit am Krankenhaus auch wissenschaftlich publiziert, aus. „Der gesellschaftliche Wandel bringt die Medizin in eine Zwickmühle: Aufgrund der sich ändernden Altersstruktur benötigen immer mehr Menschen immer komplexer werdende Behandlungen, wohingegen die personellen und finanziellen Mittel rückläufig sind. Daher geht es in den nächsten zwanzig Jahren in der Forschung entscheidend darum, effiziente Methoden zu finden, um die bestmögliche Qualität der Behandlung möglichst vielen angedeihen zu lassen. Da Operationsslots ohnehin Mangelware sind, bringt eine medizinische Innovation, die Zweiteingriffe obsolet macht, den Vorteil, dass Ressourcen frei werden, die wiederum Patienten zugutekommen. KA/Fotos: surgebright

 

 
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