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20.04.2021
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Das war der Wald im Bezirk vor 200 Jahren

Was wissen wir über den Waldzustand und seine hydrologische Wirkung vor 200 Jahren? Diese Frage will eine Forschungsgruppe für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie im Bezirk und in Ellmau beantworten.

Bezirk, Ellmau | Andreas Maier, Kurt Scharr, Clemens Geitner, Bernhard Kohl und Gerhart Markart gingen gemeinsam der Frage nach, ob es möglich ist, anhand von historischen Quellen den Zustand der Wälder im 19. Jahrhundert zu rekonstruieren. Moderne Messungen waren damals ja noch nicht möglich. „Die Idee dazu, kam von Gerhard Markart, Bernhard Kohl und Clemens Geitner. Eine Verlängerung der Datenreihe würde die Prognosegenauigkeit für Hochwasser-Ereignisse und die Ermittlung möglicher Gefahrenstellen bei Starkregen erhöhen“, schildert der Kitzbüheler Andreas Maier. Außerdem könnte mit diesen Daten besser unterschieden werden, ob heutige Waldzustände eine Folge des Klimawandels oder das Ergebnis jahrhundertelanger (Über-) Nutzung durch den Menschen sind.

Sechs Monate geforscht
Rund sechs Monate lange, noch bis Ende April, forscht das Wissenschaftler-Team dazu im Bezirk Kitzbühel und in Ellmau. Mit dem Ergebnis sind die Wissenschaftler bislang sehr zufrieden. Für die Kitzbüheler Anzeiger Leser haben die Wissenschaftler ihre Erkenntnisse zusammengefasst.

Hochwässer – die Gefahr in den Alpen
In den Alpen spielen Hochwässer immer schon eine wichtige und oft bedrohende Rolle. Nicht umsonst spricht man von „Wildbächen“. Die Entstehung dieser Spitzenabflüsse ist allerdings ein komplexer Prozess, in den viele Faktoren hineinspielen. Zunächst natürlich das Niederschlagsereignis selbst. Ob es aber bei einem starken Niederschlag wirklich zu einem Spitzenabfluss kommt oder nicht, hängt von den Eigenschaften des Einzugsgebiets ab, von der geologischen Situation, aber auch von der Landbedeckung. Diese wird auch in den Alpen seit Jahrtausenden vom Menschen mitgestaltet und hat sich v.a. durch die Bevölkerungsentwicklung und den Bergbau während der Neuzeit immer wieder stark verändert.

Für das Abflussgeschehen sind Waldflächen von besonderer Bedeutung, denn sie vermögen die hydrologische Reaktion stark abzupuffern. Wie stark dies allerdings erfolgt, hängt vom Zustand der Wälder ab, der sich über die letzten Jahrhunderte stetig verändert hat. Wir können uns heute kaum mehr vorstellen, wie die Wälder vor ungefähr 200 Jahren aussahen. Denn neben der üblichen Holznutzung, die phasenweise durch den Bergbau sehr intensiv erfolgte, waren die Wälder zusätzlich durch eine Vielzahl an sogenannten Sekundärnutzungen geprägt.

Puffervermögen des Waldes eingeschränkt
Zu nennen sind v.a. die Waldweide, die Streunutzung und die Schneitelung. Diese Nutzungen führten zu einer starken Auflichtung der Bestände und zu einem geradezu ‚ausgeputzten‘ und teilweise verdichteten Waldboden. Es ist davon auszugehen, dass durch diese starken strukturellen Veränderungen das Puffervermögen der Wälder maßgeblich eingeschränkt worden ist.
Diese Tatsachen sind allerdings bei der Analyse historischer Hochwässer bisher kaum berücksichtigt worden. Das liegt u.a. daran, dass die historischen Quellen zum Zustand des Waldes in den letzten Jahrhunderten nie systematisch gesichtet, bewertet und ‚hydrologisch übersetzt‘ worden sind.

Genau hier setzt das Projekt an. Unter der Leitung des Instituts für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie und mit weiteren Projektpartnern in Tirol und Bayern erfolgte zunächst eine umfassende Recherche zur Situation des Waldes vor ca. 200 Jahren.

Kahlschläge Ackerbaulich genutzt
Die Ergebnisse waren durchaus ergiebig, sowohl was Karten mit differenzierten Waldeinheiten als auch die textlichen Erläuterungen dazu betrifft. Es bestätigte sich, dass der Nutzungsdruck auf den Wald damals sehr groß war – teilweise wurden die Parzellen nach Kahlschlägen sogar ein paar Jahre lang ackerbaulich genutzt, und dass die Nutzung mitunter von der Entfernung zum Siedlungsraum und den Besitzverhältnissen der Wälder abhing.

Landnutzung um 1850 rekonstruiert
Zum Teil sind die Beschreibungen der Waldeinheiten so differenziert, dass auf dieser Grundlage die Abflussverhältnisse plausibel abzuschätzen sind. Auch die Lageinformationen sind so genau, dass anhand dieser Daten räumlich explizite hydrologische Modellierungen machbar erscheinen. Mit diesem Projekt wurde erstmalig die hydrologisch relevante Landnutzung für den Zeitraum um 1850 rekonstruiert und bewertet.
In einem größeren Folgeprojekt soll auf diesen aussichtsreichen Ergebnissen aufgebaut werden. Dabei wird die historische Recherche, die während des Projektes im Bereich des Tiroler Unterlandes (Gemeinde Ellmau) stattgefunden hat, räumlich ausgedehnt und mit klimatologischen Studien ergänzt.

„Kriminelle“ Handlungen
Solche Studien könnten unter dem Begriff ‚forensische Hydrologie‘ firmieren, einem Arbeitsgebiet, in dem hydrologisch ‚kriminelle‘ Handlungen systematisch untersucht werden. ‚Kriminell‘ mag zwar reichlich überspitzt klingen, jedoch gilt es den Auswirkungen der in den historischen Quellen beschriebenen „Neigung des Unterthans […] zu forstnachtheiligen Uebungen“ (Tiroler Landesarchiv, Handschrift 4393, Waldbeschreibung Forstrevier Ellmau 1839) aus hydrologischer Sicht nachzugehen.

Zudem sollen durch Experimente (u.a. künstliche Beregnungen) Lücken im Prozessverständnis geschlossen werden. An dieser interdisziplinären Schnittstelle zwischen Geschichtswissenschaften sowie Wald-, Wasser- und Bodenexperten wurde bisher kaum gearbeitet; umso aussichtsreicher sind die zu erwartenden Ergebnisse für das Verständnis vergangener und somit auch zukünftiger Hochwässer in den Alpen.
Historische Landnutzung als Grundlage für Klimaschutzmaßnahmen heute, EFRE-Projekt Eurl36 im Rahmen des INTERREG V-A Programms Österreich-Bayern 2014-2020. KA/jomo

Bilder: Besprechung in Ellmau vor der Begehung. Links im Hintergrund der Wilde Kaiser mit dem Untersuchungsgebiet: Kurt Scharr, Bernhard Kohl, Andreas Maier und Gerhard Markart. (v.li.).Foto: Geitne

Schneiteln an der Waldgrenze, Selrain 1949. Foto: Jäger

Ausschnitt der Karte des Waldamtes Kitzbühel von 1839. Die grünen Waldflächen markieren den Staatswald, die orangen waren Flächen, die der Bevölkerung der Nutzung freistanden. Die violetten Waldflächen im Ehrenbachgraben dienten der Versorgung der Bergwerke, von denen es zu jener Zeit noch einige im Bezirk gab (jenes am Luegeck im Sintersbachgraben ist auch eingezeichnet). Foto: TLA, Karten und Pläne, 2329.

Daten & Fakten - Das Forschungs-Team
Andreas Maier (Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie) schloss im März 2019 das Lehramtsstudium in Deutsch und Geschichte ab, er arbeitet seit Herbst 2019 im FWF Forschungsprojekt „Waldnutzung und Management im frühneuzeitlichen Tirol. Maier ist in Kitzbühel geboren. 
Kurt Scharr (Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Institut für Geographie) studierte Geographie und Geschichte. Seit 2016 Professor für Geschichte an der Leopold-Franzens-Universität  Innsbruck.
Clemens Geitner (Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Institut für Geographie) studierte an der Universität München Geographie. Er ist seit 2013 Assoziierter Professor am Institut für Geographie der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.
Bernhard Kohl ist Abteilungsleiter Stellvertreter im Bundesforschungszentrum für Wald.
Gerhard Markart ist Abteilungsleiter, Bundesforschungszentrum für Wald.

 
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Tel.: +43 (0) 5356 6976
Fax: +43 (0) 5356 6976 22
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