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Kitzbüheler Anzeiger

Wenn alle wieder „narrisch“ wer’n

Margret Klausner

Es gibt in Österreich genau drei Dinge, bei denen plötzlich jeder zum Experten wird: Pandemie, Politik — und Fußball ...

Sobald eine WM beginnt, übernimmt das ganze Land kollektiv den Posten des Teamchefs. Menschen, die sonst glauben, David Alaba verstehe kein Wienerisch, erklären dir dann mit ernster Miene und voller Überzeugung, warum die Aufstellung der Startelf ein Fehler war und der Schiedsrichter sowieso nichts taugt ... Im Büro werden Spielzüge diskutiert wie sonst nur Gehaltserhöhungen. Und Männer, die ihre Gefühle sonst gerne verheimlichen, springen nach den Gruppenspielen von der Couch, als hätten sie gerade den Lotto-Jackpot geknackt.


Aus 9 Millionen wird eins
Ausgerechnet Fußball schafft etwas, was abseits des Rasens immer seltener wird: Er bringt Menschen zusammen. Während wir uns sonst über nahezu jedes Thema in Lager aufteilen, erleben wir bei einer Fußball-WM plötzlich das Gegenteil: Da jubeln Menschen miteinander, die politisch völlig unterschiedlicher Meinung sind. Da sitzen Akademiker neben Handwerkern, Pensionisten neben Jugendlichen, Stadtmenschen neben Landbewohnern. Und es ist jedem piepschnurzegal. Zumindest für die nächsten 90 Minuten.

Ein Ball, sonst nix
Normalerweise schaut jeder was anderes, hört jeder was anderes und regt sich jeder über was anderes auf. Bis zu diesem einen Moment: Dem Elfmeter. Dann wird’s plötzlich still und Millionen Augenpaare richten sich auf dieselbe Stelle. Für zwei Sekunden existiert nix anderes mehr. Kein Alltag. Keine Sorgen. Keine Ängste. Nur der Ball am Elferpunkt ...

Und wenn er reingeht, entfacht etwas, was in unserer Gesellschaft selten geworden ist – kollektive Freude: Menschen springen auf. Fremde fallen sich in die Arme. Das Bier spritzt. Die Stimmen überschlagen sich und der sonst so zurückhaltende Nachbar brüllt mit einer Leidenschaft vom Balkon, als hätte er höchstpersönlich das entscheidende Tor geschossen. Und für einen kurzen Moment sind wir nicht links oder rechts. Nicht arm oder reich. Nicht Stadt oder Land. Sondern einfach nur wir.

Der eigentliche Sieg
Klar: Fußball löst keine gesellschaftlichen Probleme. Aber er erinnert uns an etwas, das wir sonst leider immer öfter vergessen: Gemeinsamkeit kann sich verdammt gut anfühlen! Und vielleicht ist genau das der wahre Zauber einer Fußball-WM: Dass sie aus Millionen Einzelnen wieder ein großes „Wir“ macht. – Tor! Tor! Tor! “I wer’ narrisch!”

Das ist meine Meinung zu diesem Thema:

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