
Verbandspräsident auf Werbetour
Ging es um die Mitgliedschaft beim Tiroler Gemeindeverband, war die Stimmung im St. Johanner Gemeindeparlament bereits vor rund einem Jahr am Nullpunkt. Die Entscheidung, den Verband mit 1. Jänner 2026 zu verlassen, fiel im Dezember 2024 einstimmig. Die St. Johanner Gemeindemandatare hatten die Mitgliedschaft schon seit Längerem kritisch hinterfragt. Rund 32.500 Euro zahlte die Gemeinde im Jahr 2023 an den Verband, im Vorjahr waren es immer noch über 20.000 Euro. „Dieses Geld können wir dringend für andere Projekte in der Gemeinde einsetzen“, lautete damals der einhellige Tenor aus dem Gemeinderat.
„Es kann sein, dass uns die ´hohen Herren`, den Austritt als unsolidarisch auslegen und uns noch weniger Zuweisungen zukommen lassen.“
Stefan Seiwald, Bürgermeister
Doch kampflos will man beim Gemeindeverband die St. Johanner nicht ziehen lassen – in der jüngsten Gemeinderatssitzung war Präsident Karl-Josef Schubert zu Gast, um die St. Johanner zu überzeugen, doch dabeizubleiben. Diesen Besuch dürfte er sich einfacher vorgestellt haben, blies ihm doch ein kühler Wind entgegen.
In einem fast einstündigen Vortrag samt anschließender Fragerunde versuchte er, den Gemeinderat davon zu überzeugen, dass auch eine große Gemeinde wie St. Johann vom Gemeindeverband profitieren kann.
Schubert räumte ein, dass die St. Johanner keinen einfachen Stand hätten. Dass die Marktgemeinde etwa genauso hohe Mitgliedsbeiträge zahlen müsse, wie Kufstein, obwohl es sich dabei um die zweitgrößte Stadt Tirols handelt, war nur ein Punkt, der die St. Johanner verärgert. Ab 10.000 Einwohnern steigt der Beitrag nicht mehr.
„Juristen haben wir in der Gemeinde selbst“
Die Werbung Schuberts für die Juristen des Verbandes, die ja auch St. Johann unterstützen könnten, kostete die Mandatare nur ein müdes Lächeln. „Wir haben selbst zwei Juristen im Haus. Wir brauchen das nicht“, stellte Bürgermeister Stefan Seiwald klar.
„Ich bin wegen des Ortsbuses bereits für euch zum Landeshauptmann gepilgert.“
Karl Josef Schubert, Gemeindeverbandspräsident
Dass jede Gemeinde – auch die kleinste wie etwa Kaisers im Außerfern – das gleiche Stimmgewicht hat wie ein Ort wie St. Johann, stößt ebenfalls sauer auf. Schuberts Appell an die Solidarität blieb ungehört. Im Gegenteil: Die St. Johanner fühlen sich von der Politik in Innsbruck im Stich gelassen und haben oft das Gefühl, gar nicht mehr zu Tirol zu gehören.
Seinen Unmut tat Bürgermeister Seiwald dann auch beim Thema Ortsbus kund. Wie der Anzeiger berichtete, kämpft die Gemeinde seit zehn Jahren um einen Ortsbus. Ein fixfertiges Projekt liegt vor, scheitert bislang aber an der Finanzierung. Der Verkehrsverbund Tirol (VVT) verschiebt die Realisierung seit Jahren. St. Johann ist die einzige der 20 größten Gemeinden des Landes, die noch kein solches System hat. Schubert erklärte, er sei – nach Hinweis von Seiwald – zum Landeshauptmann gepilgert und habe eine gemeinsame Ausschreibung mit dem Pillerseetal für das kommende Jahr ausgehandelt. „Das hat mir der Landeshauptmann schon vor einem Jahr gesagt“, entgegnete Seiwald trocken. Zudem stößt es Seiwald sauer auf, „dass es etwa im Stubaital einen 15-Minuten-Takt gibt und wir gar nichts haben.“ Auch das Tiroler Oberland würde bei der Finanzierung von solchen notwendigen Einrichtungen weit besser bedient.
Strafe des Landes wird befürchtet
Nachdem Karl-Josef Schubert sich verabschiedet hatte, diskutierten die Gemeinderäte intensiv weiter. Bliebe man beim Austrittsbeschluss, könne es sehr gut sein, so Seiwald, „dass die ‚Hohen Herren in Innsbruck‘ uns das als unsolidarisch auslegen und uns deshalb dann noch einmal weniger an vielleicht frei gestaltbaren Zuwendungen zukommen lassen.“ Quasi als Strafe, warnte er. Die rege Diskussion zeigte überdies, dass der Schritt nicht leichtfällt. Während sich die Mehrheit der Gemeinderäte dafür aussprach, am bestehenden Beschluss festzuhalten, sind einige der Meinung, die Situation noch ein weiteres Jahr beobachten zu wollen.
Eine endgültige Entscheidung darüber, ob man deAustrittsbeschluss beibehält oder dem Gemeindeverband doch noch eine letzte Chance gibt, wurde noch nicht getroffen – es dürfte aber heuer noch einmal darüber abgestimmt werden.