Meinungstitel

Früher hat man in den Himmel geschaut und gesagt: „Es ziag zua“. Heute schauen wir aufs Handy und sagen: „Na, erst um 16.20 Uhr.“
Wir haben Wetter-Apps, Regenradare und Niederschlagsprognosen. Und wenn’s um 15.34 Uhr trotzdem schüttet, während am Display die Sonne scheint, stehen wir halt nass im Garten und denken: Hää? Soll sich der Regen jetzt aber gefälligst mal rechtfertigen, warum er sich nicht an die Vorhersage hält.
Dabei ist das Wetter nur der Anfang: Google Maps weiß, wann ich ankomme. Die Paket-App weiß, wann der Postler klingelt. Die Wander-App weiß, welche Tour zu mir passt. Und irgendein Algorithmus weiß vermutlich auch, welche Jacke ich mir als Nächstes kaufe. Nur ich weiß es noch nicht.
Gefühlt keine Ahnung
Dabei hatten wir mal was ziemlich Praktisches: ein Gefühl.
Wir wussten, dass es rechts nach Innsbruck geht. Heute fahren wir trotzdem links, wenn’s uns das Navi so sagt.
Wir wussten, dass ein Lokal gut ist, wenn uns das Essen dort schmeckt. Heute schauen wir lieber nach, ob das 432 andere Menschen eh auch so sehen ...
Schon klar. Prognosen sind praktisch. Auch ich mag meine Wetter-App. Google Maps sogar noch mehr. Denn nicht alles war früher besser. Manches auch nur schlecht beschildert. Interessant wird’s nur, wenn wir der Berechnung mehr vertrauen als der eigenen Wahrnehmung.
Nur keine Überraschungen
Vielleicht liegt genau darin der Reiz. Vorhersagen geben uns das Gefühl, die Dinge im Griff zu haben: Ankunft in 14 Minuten. Paket zwischen 15:10 und 15:40 Uhr. Regen ab 16:20 Uhr. Restaurant: 4,7 Sterne.
Alles feinsäuberlich berechnet. Blöd nur, dass sich das Leben nicht immer dranhält. Menschen kommen zu spät, Pakete auch. Restaurants mit 4,7 Sternen servieren auch schlechtes Essen. Und gelegentlich regnet‘s bei 10 % Wahrscheinlichkeit genau da, wo du gerade stehst.
Keine Sorge, wir müssen deshalb nicht gleich alle Apps löschen oder den Wetterfrosch von der Leiter holen.
Aber wenn der Himmel schwarz ist, die Nachbarin ihre Sitzauflagen reinräumt und es nach Regen riecht, könnten wir dem eigenen Gefühl auch mal eine Chance geben: „Es ziag zua!“
Auch ohne Push-Nachricht.