
Ein Leben über den Wolken
Es ist ein sonniger Oktobertag, der erste Schnee ist gefallen und der Wind bläst über die Loferer Steinberge, als Katharina Filzer die Tür der Schmidt-Zabierow Hütte ein letztes Mal schließt. Die Stille ist fast greifbar – nur ihr Mann Wilfried und einige enge Freunde begleiten diesen Moment, in dem 26 Jahre voller Geschichten, Begegnungen und gelebter Bergleidenschaft zu Ende gehen. „Alles hat seine Zeit“, meint Katharina. „Und meine Zeit hier oben war ein Geschenk.“

Aufgewachsen am Fuße der Loferer Steinberge, war der Berg für Katharina nie nur Kulisse – er war Heimat, Lehrmeister und Sehnsuchtsort zugleich. Schon als Kind verbrachte sie ihre Sommer auf der Hütte, half mit, hörte den Geschichten der Bergsteiger zu und träumte davon, eines Tages selbst Hüttenwirtin zu werden. 1999 erfüllte sich dieser Traum. „Das einfache Hüttenleben, die Geschichten mit und über den Berg, die Menschen sowie die schier grenzenlose Freiheit erweckten in mir den Traum irgendwann selbst – und nur auf dieser Hütte – Wirtin sein zu können.“
Hüttenwirtin ist kein Beruf, sondern Lebenseinstellung
Katharina war mehr als nur Wirtin. Sie war Gastgeberin, Köchin, Wetterbeobachterin, Technikerin und Zuhörerin. „Eine Hütte zu führen, das ist kein Beruf – das ist eine Lebenseinstellung“, sagt sie mit einem Lächeln. „Man muss alles können: von der Wartung der Kläranlage bis zum Kaiserschmarrn.“
„Ich bin hier heroben so fest verwurzelt, weil ich schon als Kind da war. Ich kenne jede Kletterroute, jeden Gipfel, jeden Stein und konnte den Gästen fast immer eine gute Auskunft geben – auch das gehört zu den Aufgaben eine Hüttenwirtin.“
Katharina Filzer
Und Katharinas Kaiserschmarrn hatte Kultstatus – ebenso wie ihre Küche mit regionalen Zutaten, die per Heli hinaufgeflogen oder mühevoll zu Fuß über die fast 1.200 Höhenmeter hinauf getragen werden mussten. „Wir haben großen Wert auf heimische Qualität und liebevolle Zubereitung gelegt. Im Laufe der Zeit haben wir unsere Küche angepasst und neben traditionellen Gerichten auch vegetarisch und vegan gekocht.“
Hauptsache es schmeckt! Und das tat es auf der Schmidt-Zabierow Hütte eigentlich immer. Ab und zu tischte Katharina echte Raritäten auf – wie etwa Rohrnudeln oder ihren Grenadiermarsch. „Viele Rezepte haben schon meine Mama und Oma gekocht. Da werden Erinnerungen an die eigene Kindheit wach, nicht nur bei mir, auch bei den Gästen. Und vieles davon bekommt man heute nirgends mehr.“
Miteinander reden statt Social Media
Weggeschmissen wurde in den 26 Jahren fast nie etwas, zu wertvoll sind die Zutaten. „Wir haben immer geschaut, dass wir alles verarbeiten. Eigentlich kann man ja aus fast allem was Gutes machen.“

Wer die Schmidt-Zabierow-Hütte besucht hat, spürte sofort diesen besonderen Geist. Kein WLAN, kein Handyempfang, kein übertriebener Luxus – dafür echtes Leben. „Die Leute haben ihren Alltag hinter sich gelassen und wieder miteinander gesprochen, gelacht und auch gesungen.“
Oft hatte auch dabei Katharina ihre Hände im Spiel. „Ich hab auch immer versucht, die richtigen Leute am Tisch zusammenzusitzen. Das ist schon fast ein bisschen eine Kunst. Oft haben sie sich bei mir auf der Hütte kennengelernt, sind dann zusammen auf einen Gipfel gegangen und sind glücklich und entspannt wieder gekommen. Ab und zu sind auch Bekanntschaften fürs Leben entstanden.“
Die Anfänge waren alles andere als leicht. Die Vorgänger hatten schwierige Jahre erlebt, und so kamen anfangs kaum Gäste. „Ein befreundeter Journalist hat dann geschrieben, dass eine neue Wirtin mit Herzblut hier ist. Ab da ging’s bergauf.“

Gemeinsam mit der Sektion Passau und dem Alpenverein entstand in den folgenden Jahren ein wahres Kleinod: neue Kletterrouten, modernisierte Infrastruktur, eine Terrasse mit Panoramablick – und doch blieb der ursprüngliche Charakter erhalten. „Wir wollten nie ein Bergrestaurant sein, sondern eine klassische Schutzhütte. Einfach ein Ort mit Seele.“
Zwischen Himmel und Erde - eine Lebensschule
26 Sommer lang lebte Katharina zwischen Himmel und Erde. Der Alltag dort oben war einfach – und gleichzeitig reich an Momenten, die in Erinnerung bleiben: Sonnenaufgänge über den Gipfeln, stille Abende nach einem Gewitter, freundliche Gäste, aber auch Schicksalsschläge. „Der Berg hat mich Demut gelehrt“, sagt sie. „Und Dankbarkeit. Für das, was man hat. Für jeden Tag, an dem man gesund ist und diesen Blick genießen darf. Ich konnte meinen Traum leben, aber ohne die tatkräftige Unterstützung von meinen Kindern und meinem Mann Wilfried wäre das nicht möglich gewesen. Meine Familie musste mich im Sommer oft entbehren.
„In all den Jahren ist es mir (uns) gelungen‚ den ursprünglichen und bezaubernden Charme einer einfachen Berghütte zu erhalten. Wir haben unser Herzblut gegeben, das erfüllt mich mit Stolz.“
Katharina Filzer
Die Jahre auf der Hütte vergingen wie im Flug
Rückblickend sind die 26 Jahre wie im Flug vergangen. „Ich habe nie gedacht, dass ich so lange bleibe. Ich wollte bleiben, so lange es Spaß macht, aber die Zeit lief dahin.“
In den Jahren sind viele Mitarbeiter gekommen und wieder gegangen. Viele hatten sich das (Arbeits-)Leben auf der Hütte anders vorgestellt. „Spätestens nach drei Tagen merkst du, ob es funktioniert. Man muss die Arbeit mit Herzblut machen und sich zwischenmenschlich gut verstehen. sonst wird das auf so engem Raum schwierig.“
Nun, mit 64 Jahren, zieht es Katharina in einen neuen Lebensabschnitt – unten im Tal, bei ihrer Familie und den bald vier Enkelkindern. „Ich bin dankbar, dass ich gesund bin. Nun möchte ich die Berge von unten sehen, – und vielleicht mit den Enkeln wieder hinaufsteigen.“
Geeignete Nachfolgerin ist bereits gefunden
Ganz Abschied nehmen von den Bergen und der Schmidt-Zabierow Hütte wird sie aber nicht: „Die Hütte bleibt immer ein Teil von mir. Ich stehe meiner Nachfolgerin mit Rat und Tat zur Seite – nur ab jetzt sitze ich auf der Terrasse und stehe nicht in der Küche.“
Am letzten Tag stand die Sonne strahlend über den Gipfeln. „Meine Tochter hat gesagt: Mama, heute scheint sie für dich“, erzählt Katharina mit einem Lächeln. Ein Kreis hat sich geschlossen. Für heuer ist die Hüttensaison vorbei, im Sommer wird Magdalena Kirchmaier aus Kirchdorf in ihre Fußstapfen treten und die Hüttentradition weiterführen, wie sie das vor 26 Jahren getan hat.

Die Schmidt-Zabierow Hütte
Im Jahr 1888 übernahm die Sektion Passau von der Sektion Prag die Steinbergalm in ihrem Arbeitsgebiet dem Loferer Steinberg, die allerdings für die Besteigung der Gipfel dieser Bergregion wegen ihrer niedrigen Höhenlage recht ungünstig gelegen war. Die damalige Vorstandschaft begann deshalb unverzüglich mit den Planungen für eine höher gelegene Unterkunftshütte in der großen Wehrgrube am Falzköpfl. Die Hütte wurde am 9. September 1899 nach nur zweimonatiger Bauzeit eröffnet. Die Bergsteigerunterkunft erhielt zu Ehren des Sektionsgründers den Namen „von Schmidt-Zabierow Hütte“.
Zur Hütte führen keinerlei Aufstiegshilfen. Keine Materialseilbahn und keine Strasse. Die Versorgung wird mehrmals im Sommer per Hubschrauber sichergestellt. Alle frischen Lebensmittel werden von Freunden, Helfern und natürlich von den Wirten selbst mühevoll mehrmals wöchentlich auf dem Rücken die fast 1.200 Höhenmeter hinauf getragen. Der kürzeste Anstieg führt aus dem Loferer Hochtal auf die Hütte und ist mit ca. 2,5 Stunden angegeben