
Ein Konzert ganz nah bei der Heimat
Ein Abend, wie er nur zwischen den Jahren gelingen kann: festlich, humorvoll, zutiefst menschlich und musikalisch auf höchstem Niveau. Im bis auf den letzten Platz ausverkauften Veranstaltungszentrum Kössen gastierte Matthias Georg Kendlinger mit seinen Kendlinger’s K&K Philharmonikern in seiner Heimatregion Kaiserwinkl. Rund 50 Musikerinnen und Musiker, viele davon bemerkenswert jung, sorgten für ein Konzerterlebnis, das dem Publikum noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Schon beim Betreten der Musiker in den Saal brandete großer Applaus auf, der sich nochmals steigerte, als der Dirigent selbst die Bühne betrat. Ein herzlicher Empfang, der die besondere Beziehung zwischen Kendlinger und seinem heimischen Publikum widerspiegelte.
Jährlicher Auftritt und viele Geschichten
Eröffnet wurde der Abend mit der selten gespielten Kaiser Wilhelm Polonaise von Johann Strauß II, die später als Fest-Polonaise bekannt wurde. Ein seltener, aber höchst passender Einstieg. Anschließend griff Kendlinger zum Mikrofon, begrüßte das Publikum bewusst im Dialekt und scherzte: „Grias enk! Wieder ist ein Jahr vorbei. Seit ich 60 bin, geht alles noch viel schneller. Wie wird das erst mit 70?“ Gelächter erfüllte den Saal.
Seit nunmehr 30 Jahren ist Kendlinger in Kössen zu Gast, um die Musik der Strauß-Dynastie in seine Heimat zu bringen. Möglich gemacht wird dies durch die Unterstützung der Gemeinde Kössen, des TVB Kaiserwinkl und der Sparkasse Kufstein, wofür es großen Applaus gab.
Ein Marsch namens Benedek, von Kendlinger selbst für Sinfonieorchester arrangiert, leitete über zur Polka "Wer tanzt mit?" von Eduard Strauß, jenem der drei Brüder, den Kendlinger augenzwinkernd als den „schönsten“ bezeichnete. Dass Eduard einst alle Noten der Familie vernichten wollte, entlockte dem Publikum ein hörbares Aufatmen. Zum Glück ist es nicht dazu gekommen.
Sympathie, Dialekt und große Musik
Matthias G. Kendlinger zeigte sich einmal mehr als überaus sympathischer und authentischer Dirigent. Er füllt Konzerthäuser in ganz Europa, doch seine Heimat lässt er nie aus. Seine bewegten Augen, markanten Haare, ausladenden Gesten und sein ständiges Strahlen machen das Zuschauen zu einem Erlebnis für sich.
Bei der Ouvertüre zur Operette Cagliostro in Wien erzählte er, dass dieses Werk, anders als „Die Fledermaus“, zunächst sehr erfolgreich war und später in Vergessenheit geriet. Die Fledermaus hingegen sei anfangs ein regelrechter Reinfall gewesen. Solche Anekdoten, gepaart mit ironischen Kommentaren, zogen sich durch den gesamten Abend.
Die Radlpolka Vélocipède sorgte für Staunen. Früher, so Matthias Kendlinger, habe nur der Pfarrer den Titel übersetzen können, weil er der Einzige war, der diese Sprache sprach. Die Dynamik des Orchesters war über den gesamten Abend hinweg beeindruckend, die Solisten wurden vom Dirigenten nach jedem Stück bewusst hervorgehoben.
Von Maskenball bis Florentiner Marsch
Für einen heiteren Moment sorgte die Erklärung, dass Tubist Michailo eine Tiroler Kuh nachahmen sollte, heraus kam jedoch eher ein Stier. „Aber Maskenball haben wir ja eh das ganze Jahr“, kommentierte der Dirigent trocken, passend zum Stück "Un ballo in maschera" vor der Pause.
Nach der Pause ging es schwungvoll mit einem Galopp weiter. Erstmals waren auch Werke von Carl Michael Ziehrer und Julius Fučík im Programm vertreten, die hervorragend zu den Strauß-Kompositionen passten. Besonders der Florentiner Marsch wurde mit begeistertem Applaus bedacht. Zum offiziellen Abschluss erklang die Orpheus-Quadrille, in der Johann Strauß Sohn bekannte Melodien anderer Komponisten verarbeitet, darunter der weltberühmte Cancan. Das Publikum erhob sich zu Standing Ovations.
Ein Abend, der nachhallt
Mit drei Zugaben, darunter „An der schönen blauen Donau“ und dem Radetzky-Marsch, der fast lauter mitgeklatscht wurde als beim Neujahrskonzert in Wien, fand dieser bewegende Abend seinen Höhepunkt.
Musik ist für Matthias Georg Kendlinger die Sprache der Menschlichkeit. An diesem Abend war sie zugleich ein Bekenntnis zur Heimat und ein Geschenk an ein Publikum, das diese Verbundenheit spürbar erwiderte.
