Der Tourist in uns

Gerade im Sommer passiert in unserer Region etwas Kurioses – Wir wechseln unsere Identität: Zu Hause sind wir Einheimische. Im Urlaub Touristen. Und zwischen diesen beiden Rollen liegen ein paar Hundert Kilometer Autobahn und sämtliche Prinzipien, die wir sonst vehement verteufeln. Daheim genügt ein kostenpflichtiger Parkplatz am See und wir schnappen kollektiv nach Luft. Sieben Euro fürs Parken – Wo soll das noch hinführen? Früher brauchte man halt Glück und Geduld, heute offenbar einen Kredit ...
Zwei Wochen später stehen wir irgendwo in Italien vor einem Strandparkplatz: Zehn, zwölf, fünfzehn Euro. Wir zücken kommentarlos die Kreditkarte und sagen Dinge wie: „Ist halt Hauptsaison.“ Dasselbe Spiel im Restaurant. Zu Hause kostet das Wiener Schnitzel 26 Euro und wir wundern uns.
Der Wucher wohnt immer woanders
Im Urlaub bestellen wir Pasta für 21 Euro, Wasser für fünf und einen Aperol für neun – und nennen es „Dolce Vita“.
Und auch über die Touristen wissen wir erstaunlich viel: Sie stehen immer im Weg, fahren immer zu langsam, fotografieren alles und jeden und spazieren in Flippis auf den Berg. Wir erkennen sie sofort. Vor allem daran, dass sie genau das tun, was wir zwei Wochen später selber tun ... Dann stehen wir nämlich mit Sonnenhut, Sandalen und Google Maps mitten auf einem Gehweg und fotografieren einen Kirchturm, eine Gasse oder einen Ausblick, den die Bewohner seit 37 Jahren nicht mehr bewusst wahrgenommen haben.
Vielleicht haben wir‘s einfach schön
Natürlich sind volle Orte anstrengend. Niemand steht freiwillig im Stau Richtung Badesee. Und ja, vieles ist teurer als anderswo. Aber vielleicht lohnt sich dennoch mal ein kleiner Perspektivenwechsel: Denn die Menschen kommen ja nicht, weil‘s bei uns so schrecklich ist. Sie kommen, weil wir’s unglaublich schön haben. Während wir über Parkplatzgebühren diskutieren, fotografieren die anderen den See. Während wir über Restaurantpreise schimpfen, schwärmen die anderen vom Blick auf die Berge.
Wir können nach Feierabend auf den Berg, an den See oder ins Schwimmbad. Andere nehmen dafür Urlaubstage, Mautgebühren, stundenlange Autofahrten und Hotelkosten in Kauf ...
Doch keine Sorge: Diese Erkenntnis verpflichtet zu gar nichts. Man darf sich weiterhin über Touristen aufregen. Man sollte nur daran denken, dass irgendwo gerade jemand dasselbe über uns sagt – während wir versuchen, das perfekte Foto vom Sonnenuntergang zu machen und uns wundern, warum hier so viele Leute sind ...