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Kitzbüheler Anzeiger
Schwendt, Lederergut, Ledererkreuz vor der Restaurierung 2024 bis 2025
Schwendt, Lederergut im Kohlental, Ledererkreuz 2024 vor der Restaurierung. Foto: Restaurator Franz Niederhauser

Das Ledererkreuz in Schwendt

Auf Initiative kulturinteressierter Kössener Gemeindebürger und der drei Eigentümer, Johann Dagn (Steger), Egid Reitstätter (Unterbichl) und Sebastian Weindl (Oberbichl) wurde der 1985 letztmalig durch Restaurator Walter Stotter restaurierte Korpus im Herbst 2024 abgenommen und dem in Thaur ansässigen Restaurator Franz Niederhauser zur fachgerechten Restaurierung übergeben. Die notwendigen restauratorischen Maßnahmen am rund drei Meter hohen, über 200 Kilogramm schweren Korpus betrafen die Abnahme der schadhaften Letztfassung, die bildhauerische Ergänzung, Grundierung und befundgerechte Neufassung der Plastik. Die Arbeiten wurden im Sommer 2025 abgeschlossen, der Korpus an seinem ursprünglichen Standort angebracht und am Hohen Frauentag gesegnet.

Nur legendäre Hinweise
Um die ursprüngliche Herkunft des Kruzifixes ranken sich verschiedene Legenden. Eine Überlieferung berichtet davon, der Korpus habe sich ursprünglich in der Pfarrkirche zu den Heiligen Primus und Felizian in Fieberbrunn befunden, für die 1688 ein neues großes Kruzifix eines namentlich nicht bekannten Bildhauers angeschafft wurde. Auf einem Fahnenblatt aus dem Jahre 1767, das den Brand des Pfarrhofs zeigt, sieht man ein großes Kruzifix an der Außenfassade der Kirche, bei dem es sich um den „Lederer-Herrgott“ handeln könnte. Damals wurde auch der Friedhof des Dorfes angelegt. Vorher hatte Fieberbrunn kein Friedhofsrecht und musste die Verstorbenen am Friedhof von St. Jakob in Haus beerdigen.

Über Buchau nach Schwendt
Im Zuge einer Erweiterung der Kirche um 1850 wurde das Kreuz vermutlich abgenommen und beim Bauernhaus „Doisch“ im Weiler Buchau am alten Weg nach Pfaffenschwendt angebracht. Nachdem der Korpus im Laufe der Jahrzehnte unansehnlich geworden war, sollte er entsorgt werden. Ein Viehhändler oder ein Fuhrwerker aber nahm sich des „Buachauer Herrgotts“ an (nach einer anderen Überlieferung handelt es sich bei der Person um einen Knecht aus dem Pinzgau) und brachte ihn nach Schwendt.

Da das Kruzifix im 1904 erschienen Buch von Nikolaus Schweinester „Geschichten und Führer von Kössen und Umgebung“ , das sämtliche Wanderwege und Sehenswürdigkeiten auflistet, nicht erwähnt wird, kann man davon ausgehen, dass der Korpus erst nach 1904 seinen Weg nach Schwendt fand.1) Eine andere Erzählung berichtet davon, dass um 1920 drei Kriegsveteranen aus Schwendt von einer fahrenden Händlerin vom „Großen Herrgott“ erfahren hätten, denselben erworben haben und ihn nach Schwendt überstellten, wo er an der Fassade des Lederergutes angebracht wurde. 2)

Ledererkreuz nach Restaurierung in der Werkstatt von Restaurator Frfanz Niederhauser in Thaur, 2025

Ledererkreuz nach der Restaurierung in der Werkstatt von Restaurator Franz Niederhauser in Thaur, 2025. Foto: Dr. Reinhard Rampold

Gekreuzigter um 1690 im Dreinageltypus
Der zeitlich um 1690/1700 anzusetzende Korpus erweist sich als kraftvoll durchgebildete, dem Dreinageltypus verpflichtete Plastik, die vor allem durch ihre muskulösen Gliedmaßen geprägt wird. Der durch einen leichten Schwung ausgezeichnete, bereits in sich zusammengesunkene Korpus hält die Beine leicht angewinkelt und hat das Haupt, das mit einer geschnitzten Dornenkrone und Strahlenbündeln versehen ist, auf die rechte Seite geneigt. Das expressive Antlitz wird von kraftvollen schulterlangen Locken und einem kurzen Bart umrahmt, die Augen sind halb geschlossen, während der Mund geöffnet ist. Das Lendentuch ist über der rechten Hüfte geknotet, fällt auf beiden Seiten bis zu den Knien herab und wird durch zahlreiche Muldenfalten und Faltenbauschungen strukturiert.
Die Suche nach dem ausführenden Bildhauer führte zum Kitzbüheler Georg Faistenberger, von dem sich nur wenige Arbeiten erhalten haben.

Vier Generationen einer Künstlerfamilie
Im 17. und 18. Jahrhundert entwickelte sich Kitzbühel zu dem Zentrum der Barockkunst im Tiroler Unterland. Zahlreiche Baumeister und Künstler ließen sich in der Stadt nieder und waren im Bezirk und den angrenzenden Regionen künstlerisch tätig. Über vier Generationen hindurch prägten 18 Mitglieder der Familie Faistenberger als Altarbauer, Bildhauer oder Maler das künstlerische Leben der Stadt. Am Beginn steht der in Innsbruck geborene Maler Andreas Faistenberger, der sich Anfang des 17. Jahrhunderts in Kitzbühel niederließ und stilistisch noch dem Manierismus verpflichtet war. Sein als Bildhauer tätiger Sohn Benedikt, der seine künstlerische Ausbildung in Rosenheim erhielt und von der Münchner Schule bzw. von der venezianischen Kunst beeinflusst war, gilt hingegen bereits als typischer Vertreter des Frühbarocks und schuf gemeinsam mit seinem Schwager Veit Rabl zahlreiche Altäre.

Von den neun Söhnen Benedikts, von denen einer Gastwirt wurde, blieben nur der Maler Ignaz und der Bildhauer Georg, deren Werke durch den Hochbarock geprägt sind, in Kitzbühel. Georg Faistenberger wurde am 23. Juli 1656 in Kitzbühel geboren und trat als einziger von neun Söhnen die Nachfolge seines Vaters als Bildhauer in seiner Heimatstadt an.3) Bereits im Alter von 22 Jahren wurde er gemeinsam mit seinem älteren Bruder Franz als Bürger aufgenommen. Seine Lehrzeit verbrachte Georg Faistenberger, der Familientradition folgend, möglicherweise im bayerischen oder salzburgisch-oberösterreichischen Raum, worauf stilistische Ähnlichkeiten mit den Werken Thomas Schwanthalers oder Meinrad Guggenbichlers (z. B. der gratige Faltenwurf) hinweisen. Als Bildhauer arbeitete Georg hauptsächlich mit seinem Bruder Ignaz zusammen, der als Tafelbild- und Fassmaler tätig war.

Auftragsvergabe trotz Schmachschrift
Die Künstlergemeinschaft der Brüder fand jedoch nicht überall Anklang. Als sich die Brüder gemeinsam mit dem Tischler Wolfgang Klausner um die Ausführung des Hochaltares der Pfarrkirche Hopfgarten im Brixental bewarben, war die Bürgerschaft dagegen, weil „nit allain kein hoffnung (bestand), dass sie einen dergleichen Altar form- und zierlich machten, weill der Maler und Bildhauer im Gesicht nicht perfekt und der Tischler nur ein Bauer“. 4) Der zuständige Pfarrer erklärte, dass die Gebrüder Faistenberger „vil Altär, sowohl in als auch außer Landts“ aufgerichtet hätten. Die Künstler selbst stellten fest, dass sie von dieser „ehrenrührigen Schmachschrift nit ohne hechste Verwunderung vernommen hätten“ und erhielten schließlich den Auftrag für den Hochaltar. Erst im Alter von über 40 Jahren, am 6. Mai 1697, vermählte sich Georg Faistenberger mit Maria Prenner, was mit der Tatsache zusammenhängen dürfte, dass er erst ab 1693 die Werkstatt seines Vaters übernehmen konnte. Der Bildhauer starb am 30. November 1718 in Kitzbühel.5)

Kopf der Ledererkreuzes nach der Restaurierung, 2025

Kopf des Ledererkreuzes nach der Restaurierung, 2025. Foto: Dr. Reinhard Rampold

Viele Werke sind verloren gegangen
Stilistisch wird das Werk Georg Faistenbergers durch das Vorbild Thomas Schwanthalers bzw. Meinrad Guggenbichlers geprägt, worauf z. Bsp. der gratige Faltenwurf hinweist. In ihrer Haltung, den verzückten Gebärden und Gesichtszügen weisen insbesondere die beiden die Heiligen Markus und Marcellinus darstellenden Hochaltarfiguren von St. Jakob in Haus auf das Vorbild Schwanthalers, während die auffallende Bauschung der Mantelfalten auch an den Oberinntaler Bildhauer Andreas Thamasch denken lässt. Dennoch gibt es auch gewisse Ähnlichkeiten mit den Arbeiten des aus Wasserburg gebürtigen Bildhauers Michael Zürn des Jüngeren, der die hochbarocke Kunst im Sinne Berninis am konsequentesten vertrat und die Statuen in ein Spiel aus Licht und Schatten auflöste. „Allen Statuen ist aber das echt hochbarocke Pathos und Gebärde und Gesichtsausdruck gemeinsam“. 6) Seit 1692 traten die Brüder Ignaz und Georg erstmals gemeinsam künstlerisch auf, als ihnen der Vater den Auftrag für den Hochaltar der Pfarrkirche von Kirchberg überließ.

Von Georg Faistenberger sind bislang sieben Statuen für den Hochaltar der Pfarrkirche Kirchberg (1692/93), der Altar der Pfarrkirche Aurach (um 1692), der Hochaltar der Pfarrkirche Hopfgarten im Brixental (1696/96/97), ein Kanzelkruzifix der Pfarrkirche Kössen (1700), der Sebastianaltar der Pfarrkirche Brixen im Thale (1701-1705) und eine unbekannte Arbeit für die Pfarrkirche Kirchdorf (1710/12) bekannt, die allesamt nicht erhalten sind. Da auf Grund der Aktenlage davon ausgegangen werden kann, das zu jener Zeit kein anderer Bildhauer in Kitzbühel künstlerisch tätig war, können dem Bildhauer auf Grund stilistischer Vergleiche noch weitere erhaltene Plastiken zugeschrieben werden. Zu diesen zählen die Schmerzensmutter der Pfarrkirche Kirchberg (um 1695), der Hochaltar und die Seitenaltäre der Pfarrkirche St. Jakob in Haus (um 1695), der Hochaltar der Liebfrauenkirche in Kitzbühel (1700/01) sowie der Rosenkranzaltar (1701) und der Johannesaltar (1710) in der Pfarrkirche Kitzbühel (1710). 7) Georg Faistenberger zugeschrieben werden auch die aus Aurach stammenden Hochaltarfiguren der Pfarrkirche Reith bei Kitzbühel (um 1715) 8)

Wenn es sich bei dem „Ledererkreuz“ wirklich um den 1688 vom Vikariat Fieberbrunn erworbenen Korpus handelt, stimmt dieses Datum auch mit dem Wirkungszeitraum von Georg Benedikt Faistenberger überein. Auch in der Detailausführung zeigt das „Ledererkreuz“ deutliche Ähnlichkeiten mit den bekannten Werken des Meisters, insbesondere den Heiligen Marcellinus und Markus vom Hochaltar der Pfarrkirche St. Jakob in Haus, was in der Gesichtsform, der klassischen Profilnase, den geöffneten Mündern (mit den sichtbaren oberen Schneidezähnen), den gelockten Haaren und der überaus muskulösen Ausformung der Waden zum Ausdruck kommt, weshalb der Korpus aus stilistischen Gründen eindeutig Georg Faistenberger zugeschrieben werden kann.

1) Schweinester Nikolaus, Geschichten und Führer von Kössen und Umgebung, Kössen 1904. Nachdruck durch Frauenbewegung Kössen
2) Wie der Lederer Herrgott seinen Weg nach Schwendt fand. In „ Mein Bezirk“ (August 2025). Der Hinweis auf „Doisch“ ist von Thomas Wörgötter, Obing in Buchau, unter Berufung auf die Familienüberlieferung (September 2025).
3) Faistenberger Andreas, Die Faistenberger, Eine Tiroler (Künstler)familie der frühen Neuzeit, Schlern Schriften 338 (2007), S. 312
4) Egg Erich, Kunst in Kitzbühel, in Stadtbuch Kitzbühel, Band 3, S. 264
5) Faistenberger, S.315
6) Barock in Kitzbühel, Katalog zur Ausstellung „Kunst in Kitzbühel“, im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Juni bis September 1971, unpag.
7) Barock in Kitzbühel, Katalog 1971 unpag.
8) Egg Erich, Kunst in Kitzbühel, in Kitzbühel Stadtbuch 3. Band, S. 264.

Autor: Der Kunsthistoriker Dr. Reinhard Rampold, langjähriger Mitarbeiter im Denkmalamt und Landeskonservator in Ruhe, veröffentlichte viele Beiträge zur Kunstgeschichte Tirols.

Fahnenblatt
Fahnenblatt aus dem Jahre 1767 mit Ansicht der Kirche von Fieberbrunn (mit großem Kreuz an der Außenwand) und Darstellung des Widumbrandes, Privatbesitz. Foto: Alois Siorpaes
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