Bitte nicht stören. Ich langweile mich gerade.

Langeweile ist heutzutage ungefähr so beliebt wie Lippenherpes. Niemand will sie haben. Kaum taucht sie auf, wird sie bekämpft. Mit dem Handy. Mit Musik, einem Podcast oder einem Reel. Hauptsache, sie verschwindet wieder.
Dabei ist Langeweile für mich ein Privileg. Eines, das wir uns zwischen Smartphone und Dauerbeschallung aber viel zu selten noch erlauben.
Kaum stehen wir an der roten Ampel, am Bahnübergang oder an der Supermarktkassa – zack, greifen wir zum Handy. In den Wartezimmern dasselbe Bild: gesenkte Köpfe, leuchtende Bildschirme. Und wenn die Verabredung schreibt: „Bin gleich da“, schaffen wir es kaum noch, diese paar Minuten einfach nur ... zu warten. Ständig brauchen wir Input, Unterhaltung oder Ablenkung.
Bloß keine Leere
Als Zweifach-Mama muss ich zum Start der Ferien fast schon ein bisschen schmunzeln: Neun Wochen frei und es wird sicher nicht lange dauern, bis eines meiner Kinder sich langweilt. Früher hätte ich wahrscheinlich sofort nach einer Beschäftigung gesucht. Heute denke ich mir: Wie schön! Denn wenn ich ehrlich bin, können wir Erwachsenen das auch längst nicht mehr. Wir haben die Langeweile nicht besiegt – wir haben sie einfach abgeschafft. Jede freie Minute wird gefüllt. Mit Ablenkung. Mit Nachrichten. Mit E-Mails. Wir schauen beim Fernsehen aufs Handy, hören beim Spazieren Podcasts und beantworten WhatsApp-Nachrichten, während das Teewasser kocht. Selbst beim Zähneputzen brauchen manche schon ein Video. Als könne man zwei Minuten allein mit seinen Gedanken unmöglich überleben.
Ich hab‘ da eine Idee
Denn ich finde ja, die schönsten Ideen entstehen dann, wenn genau gar nix passiert. Aus Langeweile wurden früher Baumhäuser gebaut, Geschichten erfunden oder Wolken so lange beobachtet, bis aus einer plötzlich ein Drache wurde.
Wer jedoch ständig berieselt wird, lässt den eigenen Gedanken kaum noch Platz. Dabei sollten wir Langeweile nicht länger als Feind sehen, sondern als Einladung: Zum Tagträumen, Denken und Beobachten. Oder einfach dazu, ohne Rechtfertigung nix zu tun ...
Ja, meine Kinder werden sich in diesen Ferien langweilen. Hoffentlich. Und vielleicht sollten wir Erwachsenen das auch wieder lernen und die zwei Minuten an der Ampel tatsächlich nur an der Ampel verbringen. Denn vielleicht ist Langeweile gar kein leerer Moment, sondern einer der wenigen, in dem endlich wieder was entstehen kann ...