Bild dir deine Meinung – nicht ein.

Noch nie war es so einfach, eine Meinung zu haben. Man muss sie sich ja nicht einmal mehr selber machen. Sie liegt ja überall herum – fertig formuliert, emotional aufgeladen und sofort verfügbar. Irgendwer hat sich die Mühe schon gemacht. Warum also noch selber denken? Ein Klick, ein Nicken, ein „das seh‘ ich genauso“ – und schon fühlt es sich nach eigener Haltung an. – Ist es nur nicht.
Denn jetzt mal ehrlich: Wann hast du das letzte Mal wirklich (nach-)gefragt? Nicht sofort bewertet. Nicht innerlich einsortiert. Sondern kurz gestoppt und gedacht: Warum ist das eigentlich so? – Schon ein Weilchen her, oder? Dabei reden wir doch alle so gern von Meinungsfreiheit, von Selbstbestimmung, von eigenständigem Denken. Nur nutzen tun wir’s erstaunlich selten. Oft reicht schon ein Satz, ein Eindruck oder die Meinung von irgendwem, der gerade überzeugend genug klingt – und zack: schon ist unser Urteil gefällt. Nicht, weil wir es geprüft hätten. Sondern weil’s bequem war.
Bewerten ohne Wert
Noch deutlicher wird das Ganze, wenn‘s um Menschen geht: Jemanden wirklich kennenlernen? – Viel zu aufwendig. Also lieber schnell einsortieren: „So eine/r ist das“ ...
Ein Halbsatz reicht. Vielleicht noch ein Gerücht dazu, der Rest passiert automatisch. Wir ergänzen den Menschen einfach mit Annahmen, Erwartungen und dem, was andere für uns gedacht haben. Über Hintergründe, Motive oder Geschichten wissen wir nichts. Und trotzdem sind wir uns sicher. So sicher, dass wir dieses Urteil sogar weitergeben. Oder verteidigen. Ohne den Menschen je wirklich gesehen zu haben ...
Meinung von der Stange
Vorgefertigte Meinungen sind praktisch. Klar, sie verlangen ja auch nichts: Kein Zuhören. Kein Zweifeln. Keine Reibung. Dafür geben sie uns das gute Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Und wer sich einmal entschieden hat, muss sich wenigstens nicht mehr hinterfragen. Man übernimmt einfach, was im eigenen Umfeld gut klingt – und nennt es dann eigene Meinung. Passt schon ....
Es geht also längst nicht mehr darum, was wir denken, sondern wo wir dazugehören. Und vielleicht ist das Problem auch gar nicht, dass wir urteilen. Sondern wie schnell wir es tun. So schnell, dass wir es mit Denken verwechseln. Doch die eigene Meinung braucht etwas anderes: Zeit. Neugier. Und die unangenehme Möglichkeit, sich auch mal zu irren! So wäre der ehrlichste Anfang also vielleicht der, nicht immer sofort eine Meinung zu haben – sondern erst einmal eine Frage. – Oder?