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Kitzbüheler Anzeiger
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Zurück in die Zukunft: Jethosen und bunte Overalls sind an diesem Tag ein Muss, auch die alten Ski werden wieder aus dem Keller geholt. Foto: Tourismusverband

Auf Kult-Skiern zurück in die Zukunft

Ewig Gestrige oder einfach nur eine Handvoll schräger Vögel? Das dürften sich alle Hightech-ausgerüsteten Wintersportler angesichts der bunten Truppe, die am vergangenen Samstag das St. Johanner Skigebiet bevölkerte, wohl gefragt haben. Warum sonst würde man sich freiwillig in jahrzehntealten Skiklamotten und auf uralten Skiern auf die Piste begeben?

Wer am kultigen Retro-Skitag mittendrin, statt nur dabei war, wurde rasch eines Besseren belehrt. Bei allen Jethosen- und Overall-Trägern, die sich im Bereich der Eichenhoflifte versammelt hatten, waren die leuchtenden Augen selbst durch die älteste verspiegelte Gletscherbrille zu erkennen. Für sie, die ihren ultramodernen Skihelm einen Tag lang mit dem Stirnband vertauschten, geht es am Retro-Skitag nämlich alljährlich um viel mehr, als „nur“ um einen Boom: „An diesem Tag ist jeder relaxed und gut drauf. Wir wollen zusammen eine coole Zeit verbringen“, schildert Nik Niederacher, der die ungewöhnliche Veranstaltung vor rund elf Jahren aus der Taufe gehoben hat – als passionierter Sammler von so genannten „Pommes“ (lange, schmale Ski, Anmerkung der Red.), leidenschaftlicher Skifahrer und Mastermind des St. Johanner Retro-Ski-Club.

„Heute schaust du richtig schiach aus. Das ist am Retro-Skitag das schönste Kompliment.“

Nik Niederacher, Obmann Retro-Ski-Club St. Johann

Für das heurige Highlight hat sich der 44-Jährige sogar neu ausstaffiert: Seine dunkelblaue Jethose mit rot-weiß-wattierten Knien ist ein echtes Relikt aus den Achtzigerjahren – wie auch die Ski, auf die er besonders stolz ist: das legendäre Modell RC4 von Fischer Ski, mit dem Harti Weirather schon in Schladming 1982 zum Weltmeistertitel in der Abfahrt gerast ist.

Vom Carven zum Wedeln – geht das?

Kitzbüheler Anzeiger: Ein Großteil der Teilnehmer holt für diesen Tag die alten Zwei-Meter-Bretteln wieder aus dem Keller, wo sie zugunsten der Carver vor 25 oder 30 Jahren abgestellt wurden. Kann man denn damit heutzutage noch fahren?

Nik Niederacher: Der Umstieg auf die Pommes ist überhaupt kein Problem. Wer schon früher gut skifahren konnte, der beherrscht diese Ski auch jetzt. Das Wedeln geht wie von selbst. Für den Retro-Ski-Tag lassen immer mehr Teilnehmer ihre aktuellen Ski daheim. Es ist ja kein Faschingsfest, sondern wir gehen zusammen skifahren, ganz ohne Programm. Wer kommt, der kommt. Just for fun.

Retro-Boom nur für Senioren?

Durch den Carving-Ski ist das Skifahren wesentlich einfacher geworden. Woher kommt die plötzliche Begeisterung für „Old-School“ auf den Pisten? Warum macht man das?

Die enge Skiführung, der Schwung – es ist ein anderes Skifahren. Beim Wedeln kommt man in einen regelrechten Flow. Das taugt nicht nur mir, sondern vielen anderen auch. Wir sind da richtige Freaks. Der Retro-Tag hat ein ganz spezielles Flair, jeder ist gut drauf, es gibt keine schlechte Laune. Alle freuen sich drauf.

„Wir gehen zusammen wedeln. Die Zahl der Freaks wächst von Jahr zu Jahr.“

Nik Niederacher, Initiator

Retro Skitag St. Johann 2026

Ist der Retro-Skitag nur etwas für die ältere Generation? Oder machen auch die Jungen mit?

Wir sind eine bunte Truppe, quer durch die Berufs- und Altersklassen – vom Lehrbub bis zum Banker. Vorwiegend machen Einheimische mit, aber auch Auswärtige, zum Beispiel aus Obertauern. Ein Bus voll mit Bayern ist auch alle Jahre dabei. Der Retro-Skitag schweißt uns zusammen. Wir sind jedes Jahr schon sehr gespannt, wer kommen wird und vor allem auch in welchem Outfit.

Wer hat noch so ein altes G‘wand daheim?

Wohin das Auge blickt, ist Vintage angesagt. Sogar alte Skilehrer-Dressen und Rennanzüge des ÖSV werden wieder hervorgeholt. Wie kommt man denn an diese Sachen?
Auf Dachböden, auf Flohmärkten und über das Internet. Seit in den letzten Jahren ein Retro-Hype entstanden ist, sind die Preise leider angestiegen. Richtig kultig sind aber die Dinge, die wir schon ganz vergessen haben, die aber zum Retro-Skitag wieder hervorgeholt werden. Zum Beispiel die alten Skifix aus Gummi, die Sunblocker in Neonfarben, Schnupftabak und Latschenkiefer in Dosen, Kaugummi-Tschick und sogar uralte Handys. Für Outfit und Accessoires geben sich alle Teilnehmer immer viel Mühe. Wenn es dann heißt: „Heute schaust du richtig schiach aus“, ist es das größte Kompliment, das man kriegen kann (schmunzelt).

Entstanden aus einem Männer-Skitag

Retro-Skitag – wie kommt man überhaupt auf so eine Idee?

Durch meine Arbeit im Sportgeschäft und Skiverleih. Wer sich vor 20 oder 25 Jahren einen Carver angeschafft hat, ließ die alten Ski bei uns zurück. Ich hab‘ nicht alle entsorgt, sondern teilweise gesammelt. Zum ersten Mal mit den Pommes ausgerückt sind Markus Hirzinger und ich zum Saisonabschluss in St. Anton vor 15 Jahren. Zur Gaudi haben wir uns außerdem das alte Ski-G‘wand und die alten Skischuhe angezogen. Wer uns dort gesehen hat, war geflasht. Plötzlich wurden wir die ganze Zeit fotografiert. Ein Jahr später wurde der Bleib-Retro-Club in Going gegründet, dann folgte ein Herren-Retro-Skitag in Ellmau. Das war unser eigentlicher Beginn.

„Unser größter Wunsch? Dass Hansi Hinterseer einmal mit uns wedeln geht.“

Nik Niederacher, Initiator Retro-Ski-Tag

Worüber freust du dich am meisten?

Dass mit ganz wenig Aufwand und mit null Investitionen so viel Gaudi entsteht. Dass mittlerweile schon an die 150 Leute voll motiviert nach St. Johann kommen, hier einen coolen Tag haben und ihn sogar auf einem Aprés-Ski wie damals ausklingen lassen können, weil der Tourismusverband für das Rahmenprogramm sorgt und die St. Johanner Bergbahn günstigere Tickets ermöglicht. Aus dem Herren-Skitag ist viel entstanden, ohne Budget, ohne Zeitplan, ohne Startgeld.

Was wünschst du dir für die künftigen Retro-Skitage?

Dass sich niemand verletzt und dass Hansi Hinterseer einmal mit uns am Retro-Ski-Tag wedeln geht, wenigstens für eine Abfahrt. Das sind meine größten Wünsche.