18.11.2016
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„Wir lassen das unnötige Sterben zu“

Als Gründe warum Sabine Gruber schreibt, nennt sie „Ohnmacht, Wut und Sprachlosigkeit“. Die in Wien lebende Schriftstellerin liest am Mittwoch, 23. November, in St. Johann aus ihrem Bestseller „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“.

Mit dem Kitzbüheler Anzeiger sprach sie vorab über ihre Romanfigur und die Schrecken des Krieges.

Bereits kurz nach Erscheinen rangierte „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ auf Platz 1 der ORF-Bestenliste. Die Presse zeigte sich begeistert. Haben Sie mit so viel Erfolg gerechnet?
Ich war überrascht, dass es auf so viel Interesse stieß. Es ist schließlich auch ein politisches Buch, das unangenehme Fragen aufwirft. Aber es ist eben auch ein Liebesroman...

In dem Roman geht es um den Kriegsfotografen Bruno Daldossi, der viele schreckliche Dinge erlebt hat und versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen. Was gab den Anstoß für das Buch?
Ich war einmal mit einem Kriegsreporter befreundet, wir haben zusammen studiert und waren fast zehn Jahre ein Paar gewesen. Gabriel Grüners Artikel für den „Stern“ hab ich damals alle verfolgt. In meinem Debütroman „Aushäusige“ vor 20 Jahren kommt bereits ein Kriegsreporter vor, eine Nebenfigur. Das Thema hat mich nie mehr losgelassen. Grüner ist 1999 im Kosovo erschossen worden, er war 35. Über ihn zu schreiben, ist mir nicht möglich. Als leidenschaftliche Fotografin hab ich mich mehr und mehr mit den Arbeiten von Kriegsfotografen auseinanderzusetzen begonnen. Mich haben Fotografen interessiert, die ihren gefährlichen Beruf überlebt haben. Im Vordergrund stand die Frage: Wie lebt es sich mit posttraumatischen Belastungsstörungen? Was macht dieser Beruf mit dem privaten Umfeld?

Ein sehr schwieriges Thema. In einem Interview Anfang August haben Sie gesagt, dass dieses Buch Ihr bisher „risikoreichstes“ gewesen sei. Warum?
Ich hab mich in die Rolle eines Mannes versetzen müssen, der ein Draufgänger und einfühlsam gleichermaßen ist. Daldossi ist keine Identifikationsfigur, politisch nicht korrekt und ein notorischer Fremdgeher – ich war mir nicht sicher, ob mir dieser Protagonist gelingen würde.

Sie beschreiben ausführlich Kriegsschauplätze in aller Welt, da fragt man sich wie viel Wahrheit steckt hinter den Erlebnissen von Daldossi?
Ich war mehrmals kurz nach Kriegsende in Bosnien, war 2011 in Kairo. Es bedarf keiner großen Phantasie, um sich Kriegsereignisse zu vergegenwärtigen. Daldossi selbst ist kein Manipulator, er hat zeitlebens mit seiner Kamera zu dokumentieren versucht, was auf dieser Erde schiefläuft, wozu Menschen fähig sind. Selbstverständlich ist visuelles Erzählen – nichts anderes sind Fotos – immer lückenhaft und selektiv.
 
Neben den Kriegsschauplätzen spielt auch die Insel Lampedusa in Ihrem Buch eine Rolle. Waren Sie selber vor Ort, um zu recherchieren?
Ich war zweimal dort, in der kalten und warmen Jahreszeit. Ich muss die Orte kennen, an denen sich der Großteil der Handlung abspielt, sie sind wie Projektionsflächen, auf die ich meine fiktiven Figuren projiziere. Lampedusa werde ich wieder besuchen. Die Inselbewohner haben mich beeindruckt, denn sie hatten immer schon Umgang mit Flüchtlingen und Schiffbrüchigen. Viele von ihnen haben Verwandte, die nach der Einigung Italiens aus Armutsgründen in die andere Richtung, in den Maghreb, auswanderten. Claudia Cardinale z.B. ist in Tunis geboren, ihre Großeltern waren aus Sizilien weggegangen, weil die Armut sie dazu gezwungen hatte.

Obwohl wir alle die schrecklichen Ereignisse aus den Nachrichten kennen, war ich beim Lesen des Buches doch zunehmend bedrückt. Wir wissen von  all dem Leid und tun nichts dagegen – machen wir uns in gewisser Weise  mitschuldig?
Wir sind – nur ein Beispiel –Teil eines politischen Systems, welches das Sterben von Flüchtlingen im Mittelmeer zulässt. Es wird gemordet, ohne dass jemand davon blutige Hände bekäme. Klar machen wir uns schuldig. Daldossi wiederum ist in der Zwickmühle, dass er, wenn er fotografiert, nicht helfen kann. Aber immerhin schaut er nicht weg.

Sehen Sie es als Aufgabe von Schriftstellern auch aufzurütteln?
Ohnmacht, Wut und Sprachlosigkeit sind mitunter Gründe, warum ich schreibe. Aber ich verfolge kein Programm, keinen Zweck. Wenn Texte etwas bewirken, freut mich das natürlich.

Arbeiten Sie wieder an einem neuen Buchprojekt und dürfen Sie uns schon etwas darüber verraten?
Nein, ich habe noch nicht mit dem Schreiben begonnen. Ich hab vor drei Monaten unerwartet meinen langjährigen Lebensgefährten verloren und bin derzeit mit seiner künstlerischen Verlassenschaft beschäftigt. Es wird wohl eine Weile dauern, bis ich wieder an meine Projekte denken kann. Ich habe das Tagebuch eines Großonkels geerbt, das er vom Tag der Einberufung durch die deutsche Wehrmacht bis knapp vor seinem Tod in Weißrussland (Silvester 43/44) geführt hat. Das könnte ein Ausgangspunkt sein...

Sabine Gruber liest am 23. November auf Einladung des Literaturvereins aus ihrem Bestseller „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ in der Alten Gerberei in St. Johann. Beginn ist um 19.30 Uhr.
Infos unter www.literatuverein.at.
Johanna Monitzer

 
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