21.05.2018
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Jubel im Bezirk Kitzbühel war groß

80 Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, beleuchtet das Buch „Der Anschluss in den Bezirken Tirols“ auf anschauliche Weise die Geschehnisse von 1938. Im Bezirk Kitzbühel war der Jubel groß.

Bezirk, Tirol | Wie konnte es den Nationalsozialisten gelingen, Fuß zu fassen? Wie konnte es sein, dass Juden, Behinderte, Homosexuelle, Gläubige und Andersdenkende bedroht, verfolgt und ermordet wurden? Und ja, das geschah auch bei uns im Bezirk. Lange Zeit blieb in Tirol eine Auseinandersetzung mit der NS-Zeit auf wissenschaftlicher Grundlage weitgehend aus. Aus Anlass des 80. Jahrestages des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich beleuchten nun Historiker in dem Buch „Der Anschluss in den Bezirken Tirols“ die Ereignisse in unserer Region aus verschiedenen Blickrichtungen.

Buchtipp

Sabine Pitscheider dokumentierte die Aufstiegsphase der Nationalsozialisten im Bezirk Kitzbühel. Die Stadt Kitzbühel war neben Kufstein und Innsbruck der Mittelpunkt der NS-Bewegung. Die Wirtschaftskrise und die nachfolgenden Sparprogramme ließen die Menschen im Bezirk, wie allerorts in Tirol, verarmen und weckten Zweifel an der Lösungskompetenz der österreichischen Regierung, veranschaulicht Pitscheider. Als das Deutsche Reich die 1.000 Mark-Sperre verhängte, brach auch der Tourismus ein. Unruhen folgten.

Einer der Ersten: Bürgermeister Reisch

Hotelier und Bürgermeister Ernst Reisch bekannte sich bereits 1933 offen zum Nationalsozialismus. „Man muss sich nur mit der nötigen Lebhaftigkeit das zerrissene zwiespältige Herz des Herrn Ernst Reisch vorstellen, der einerseits während der Saison Tag und Nacht jüdischen Damen die Hände küssen, gleichzeitig aber in den Chor der Rache: ‚Juda, verrecke!‘ pflichtgemäß einstimmen muss“, wird der Tiroler Anzeiger zitiert. Auch sein Nachfolger Josef Herold war politisch dem deutschnationalen Lager zuzurechnen, erklärt Pitscheider.

100 Prozent Zustimmung in vielen Gemeinden

Bei der Volksabstimmung am 10. April 1938 stimmten lediglich 48 Wahlberechtigte im Bezirk gegen den Anschluss an Deutschland. In Going, St. Jakob, Jochberg, Oberndorf, Schwendt, St. Ulrich, Itter und Hopfgarten Land stimmten alle für den Anschluss, wofür sie mit einer „Hitler-Eiche“ belohnt wurden.

Kitzbüheler Skilehrer im Visier der Nazis

Wer nicht oder in den Augen des Regimes zu wenig arbeitet, galt schnell als asozial – das betraf auch unsere Skilehrer, wie aus einem Schreiben der BH Kitzbühel hervorgeht: „In der verhältnismässigen kleinen Stadt Kitzbühel sind eine große Anzahl von Skilehrern, die nur im Winter einen ganz ausgiebigen Verdienst haben, der aber manchmal weniger aus der Skilehrertätigkeit als aus der ‘sexuellen Überstundenbeschäftigung‘ erfliesst. Im Sommer lungern diese Leute herum, dünken sich etwas Besseres zu sein und schauen auf jene, die durch anständige Arbeit weniger Geld verdienen mit Überhebung herab. (...) Mit Rücksicht darauf, dass in dieser Sache nicht rasch genug durchgegriffen werden kann, bitte ich nötigenfalls einem Antrag auf Abschiebung in das KZ stattzugeben.“

Hetzjagd in Imst: „Freikarte nach Dachau“

Interessante Details auch aus den anderen Bezirken: So war Imst die erste österreichische Bezirkshauptstadt, die 1933 Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft verlieh. Die beiden Historiker Rainer Hofmann und Astrid Schuchter berichten auch von einer „Schreckensnacht“ progromähnlichen Charakters. 1938 wurde etwa Straßenwärter Johann A. verprügelt und mit einer Tafel „Freikarte nach Dachau“ durch die Stadt getrieben.

Am 20. Juli 1934 setzten Nationalsozialisten mit der Sprengung der Hochdruckleitung des Elektrizitätswerks Reutte einen der größten und aufsehenerregendesten Sabotageakte in Österreich. Ein Auftakt zu Terrormaßnahmen, die mit der Ermordung von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß endeten.

Alle Betriebe wurden arisiert. Die Juden in Tirol fanden sich innerhalb kürzester Zeit in einer unausweichlichen Lage wieder, wie der Briefverkehr zwischen der Familie Krieser aus Innsbruck zeigt. Nur Tochter Erna gelang die (illegale) Flucht nach Palästina. Die restliche Familie kehrt aus den Konzentrationslagern nicht mehr heim.

Allgemeiner Tenor: „Wir haben nichts gewusst“

In ganz Tirol wurden Menschen, die zuvor Nachbarn, Bekannte oder Freunde waren, verfolgt und bedroht. Viele „verschwanden“ einfach. Ob die Tiroler die Geschehnisse verdrängt oder einfach nicht sehen wollten, versuchen Horst Schreiber und Claudia Rauchegger-Fischer im Bezirk Schwaz zu beleuchten. Sie berichten von Tätern, Mitwissern, Mitläufern und Nutznießern. So führte Lotte M. zusammen mit einem SS-Arzt im Gesundheitsamt Schwaz biologische Erbgutnachweise durch. Auch sie gibt an, nicht davon gewusst zu haben, welche Auswirkungen ihre Untersuchungen gehabt haben. Eine glatte Lüge, sagen die Historiker.

„Der Anschluss in den Bezirken Tirols“ (Herausgeber Horst  Schreiber, ISBN 978-3-7065-5660-6) ist im Studienverlag erschienen. Lesenswert. 
Johanna Monitzer

 
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