07.05.2019
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Wunden der „Lieben Frau von Paris“

Wien ohne Stephansdom, Rom ohne Petersdom oder Kitzbühel ohne Liebfrauenkirche wäre nicht vorstellbar. Gebäude stiften nationale und internationale Identität. Katastrophen, wie der Brand in Notre Dame, erschüttern die ganze Welt. Der verheerende Anblick der Zerstörung motiviert sogleich zur Aktion. Pläne zu Restaurierungen und sogar Rekonstruierungen werden laut. Was ist heute im Bereich des Machbaren? Was ist vor allem aber auch vertretbar?

Paris, Kitzbühel | In einer halben Nacht wurde eine der wichtigsten Kirchen Frankreichs zerstört. Und ebenso in einer halben Nacht wurden Spendengelder von angeblich einer Milliarde Euro (!) durch Mäzene, Unternehmen und Privatpersonen aufgetrieben. Warum eine Katastrophe dieses Ausmaßes die Gemüter auf der ganzen Welt so tief bewegt, liegt in der identitätsstiftenden Bedeutung, die dieses Kulturdenkmal „Unsere Liebe Frau von Paris“ hat.

Kirchen bilden den Mittelpunkt eines Ortes

Kirchen bilden oft den Mittelpunkt eines Ortes. Sie werden zum Treffpunkt der Bevölkerung, zum Fixpunkt für Touristen, zum Ort der kulturellen Begegnung. Jeder, der Paris schon einmal besucht hat, legte auch einen Zwischenstopp bei diesem Juwel gotischer Baukunst ein.

Ihre Vergangenheit war nicht immer nur rosig. Der heutigen Notre Dame gehen vier religiöse Bauten voran. Bereits ab dem 4. Jahrhundert stand dort eine frühchristliche Kirche, eine merowingische Basilika, eine karolingische und später eine romanische Kathedrale. Teile des Bauwerkes wurden im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verwendet, sodass die ältesten Teile der Notre Dame aus 1140-1150 stammen. Nicht alle Teile der Kirche sind über 800 Jahre alt, sie ist ein Produkt ihrer Zeit und der Ereignisse. Im 19. Jahrhundert wäre nämlich die Kathedrale fast um ein Haar verschwunden. Während der Französischen Revolution wurde das Bauwerk derart verwüstet, dass man sie abreißen wollte. Niemand Minderem als Napoleon I und Victor Hugo ist es zu verdanken, dass die Kirche stattdessen durch den Architekten Eugène Violet-le-Duc renoviert wurde. 1804 ließ sich Napoleon nämlich zum Kaiser krönen und 1831 veröffentlichte Victor Hugo seinen Roman „Der Glöckner von Notre-Dame“ und setzte damit der Kathedrale ein literarisches Denkmal.

All diese Schicksalsschläge hatte die Notre Dame schon gemeistert und vermittelt damit den Eindruck eines Felsen in der Brandung. Verwüstung oder Zerstörung konfrontieren die Menschen mit der eigenen Vergänglichkeit und mit dem drohenden Untergang ihrer Kultur. Umso mehr ist der Ehrgeiz verständlich, diese „klaffende Wunde“ im Stadtbild vom Paris zu schließen.

Die Meinungen der Restauratoren sind vielfältig und doch gibt es einen einstimmigen Tenor: Die Notre Dame muss wiederhergestellt werden, egal was es kosten und wie lange es auch dauern wird. Bei der Frage nach dem „Wie“ gehen die Meinungen jedoch auseinander. Es ist nämlich eine Frage der Bewertung des Originalitätsbegriffes. Für manche kommt ausschließlich eine Rekonstruktion mit alten historischen Materialien und Techniken in Frage, andere treten dafür ein, beim Wiederaufbau zeitgenössisches Material zu wenden, die Rekonstruktion sichtbar zu machen und den Brandschutz und Sicherheit in den Vordergrund zu stellen.

M. Pescoller restaurierte die Liebfrauenkirche

Beim Wiener Steffel hat man sich nach 1945 zum Beispiel aus letzteren Gründen für einen Dachstuhl aus Stahl entschieden. Der Restaurator Marcus Pescoller, der auch die Kitzbüheler Liebfrauenkirche vor einigen Jahren restauriert hat, sieht das etwas diffiziler. Er vertritt die Ansicht, dass die Stofflichkeit der verwendeten Materialien perfekt aufeinander abgestimmt werden müssen. Holz war jener Rohstoff, der den Baumeistern Mitte des 18. Jahrhunderts zur Verfügung stand. Es ist ein lebendiges und vor allem flexibles Material, ist leichter, besitzt eine hohe Anpassungsfähigkeit und bewegt sich mit der Spannung des Gesteins und des Gewölbes mit. Auch federt es die Schwingungen einer läutenden Kirchenglocke ganz anders ab.

In der Restaurierung geht es um drei Fragen

In der Restaurierung geht es grundsätzlich um drei Fragen: Gehören die Teile zur optischen Erscheinung? Haben sie einen bestimmten Zweck zu erfüllen und stehen damit unter der Thematik des Gebrauchs? Und welche Geschichte will man den Menschen erzählen?

Für die Notre Dame bedeutet das, ob man die Tragödie, die nun auch Teil der Geschichte dieser Kathedrale ist, sichtbar machen und alle verlorenen Bereiche in einer zeitgenössischen Interpretation anders aufbauen wird, oder ob man den Bau soweit wiederherstellt und die Schäden nahezu unsichtbar werden.

Bei Notre Dame wird sich vermutlich Letzteres durchsetzen, so die Einschätzung des Restaurators. Angesichts der heutigen technischen Möglichkeiten liegt vieles im Bereich des Machbaren. Auf die Fachkräfte wartet die fordernde Suche nach verfügbaren Materialien und alten Handwerkskünsten, um dem Original wieder nahe zu kommen.

Trotz der Tragödie gibt es einen Lichtblick: Die Kathedrale wurde für ihre Aufnahme zum UNESCO Weltkulturerbe mit Hilfe von 3-D Scanning genauestens dokumentiert und vermessen, sodass eine optische Rekonstruktion des Bauwerks grundsätzlich möglich ist. Das Kunstwerk mit all seinen historischen Bauschritten und seiner über Jahrhunderte entstandenen Patina wird allerdings nicht mehr wiederholbar sein. Das kann nur die Zeit. Foto: Dorner-Bauer

KunstBlicke
Mag. Martina Dorner-Bauer ist Kunsthistorikerin, Ausstellungskuratorin, Autorin, Betreuerin div. Kunstsammlungen und Gründerin der Agentur DieKunstagenten. martina@diekunstagenten.at    

 
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