08.06.2016
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Wo sollte Gott denn noch wohnen?

Am 9. Juni liest Raoul Schrott aus seinem Buch „Die Kunst an nichts zu glauben“ in St. Johann. Mit dem Kitzbüheler Anzeiger sprach er vorab über seinen Glauben, die Sinnhaftigkeit von Religion, den Stellenwert von Poesie und natürlich über seinen aktuellen Lyrikband.

Ihr aktuelles Buch trägt den Titel „Die Kunst an nichts zu glauben“ - an was glauben Sie?

An keinen Gott, gleich welcher Konfession. Aber an das Menschliche in uns. Nicht im Sinne des Guten – auch das wäre ein Glaube – und wie sich im Umgang mit Kriegsflüchtlingen bei uns zeigt, ein heillos naiver – sondern als Einsicht in das Vorläufige, Vergängliche und Unwiderbringliche unserer Existenz. Was, wenn wir dies nicht beständig verdrängen würden, einen tieferen Humanismus zur Folge hätte.
 
Finden Sie, dass Religion in der heutigen Zeit ein Geschenk oder eher zu einer Last geworden ist?

Religion im herkömmlichen Sinne entstand erst mit der Sesshaftwerdung des Menschen vor rund 10.000 Jahren, als die Idee einer abstrakten, aber alles überblickenden und strafenden Autorität das Zusammenleben zu regeln begann, indem erste moralische Regeln aufgestellt wurden. Heute sind solche Konstruktion von ihrem Gehalt her überholt. Wo sollte Gott denn noch wohnen - hinter dem Urknall? Was sollte er noch sein - die dunkle Materie von Elementarpartikeln? Wir wissen längst, dass da nichts ist, das auf uns wohlmeinend herabsieht, dass es kein Paradies gibt, in dem wir auferstehen werden.
Als Basis menschlichen Zusammenlebens ist Religion heute zur Last geworden: das haben uns die Religionskriege von den Kreuzzügen über den Nordirlandkonflikt bis hinauf zum islamischen oder israelischen Staat vorgeführt. Denn da zeigt sich Religion wieder als jenes Instrument der Unterjochung, für die sie einmal erfunden wurde.

Wovon ließen Sie sich bei dem Lyrikband inspirieren?

Einerseits von den Menschen, die mir begegnen – ob Busfahrer, Straßenbauarbeiter und Supermarktkassiererin oder Richter, Ärztin und Architekt. Von den Berufen, in denen wir uns abarbeiten. Vom Umgang mit dem Scheitern aller hochfliegenden Ambitionen, in denen sich unser wahres Ich zeigt. Andererseits von der kurzen, bei uns unbekannten Geschichte der atheistischen Literatur – den wenigen Schriften, die uns Lebensweisheiten anbieten, die sich nicht auf das Jenseits und Göttliches richten, sondern ganz auf das Hier und Jetzt.
 
Was möchten Sie mit ihren Gedichten vermitteln?

Einen Religionsbegriff in einem ursprünglicheren Sinn. Etymologisch bedeutet Religion ‚Bindung‘: an die Welt und an das Humane. Die Bindung an die Welt, die uns die Wissenschaften in den letzten zwei Jahrhunderten eröffnet hat, müssen wir erst herstellen. Es gibt wenig, das uns in unserem Bewusstsein mit der Natur und dem Universum verbindet. Und die Bindung an das Menschliche – als eine Art von existentiellem Gemeinschaftsgefühl – das fehlt uns leider auch allzu oft.
 
Gedichte sind in letzter Zeit auch bei den Jungen, nicht zuletzt durch die „Poetry Slams“, wieder moderner geworden. Wie finden Sie diese Entwicklung?

Positiv. Aber Poesie an sich ist nie unmodern geworden: Jeder Liedtext ist in einem klassischen Sinn Lyrik. Jeder Werbespruch und jede Politikerrede wird mit den sprachlichen Mitteln der Poesie entworfen – weil ihre musikalische, bildliche und sprachliche Sinnlichkeit am Eindringlichsten auf uns wirkt.

Viele Leser greifen aber nach wie vor lieber zu einem Roman, als zu einem Gedichtband - warum sollte man dennoch ab und zu in einem Gedichtband lesen?

Romane erzählen die uns bekannte Welt, sie verhandeln sie – oder sie lenken uns unterhaltend davon ab. Gedichte dagegen loten ihre Tiefe aus, im Versuch einer Sinnstiftung. Sie bringen uns soweit in die Welt, wie man mit Sprache allein nur gelangen kann. In ihrer Verknüpfung von Musik, Bildern und Worten – die es in diesem ausgewogenen Ineinandergreifen nirgendwo sonst gibt, weder im Film noch im Comicstrip oder der Oper – stellt Poesie die urmenschlichste Art des Denkens dar. Wie lässt sich eine intensive, private Erfahrung wiedergeben? Sie lässt sich nicht fotografieren. In Prosa lässt sie sich bloß schildern. Einzig die Poesie kann sie mit ihren Mitteln wieder wachrufen, in all ihrer Lebendigkeit.
Johanna Monitzer

 
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