25.02.2018
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„Wer kann, läuft vom Krieg davon“

Arno Geiger nimmt sich in seinem jüngsten Roman „Unter der Drachwand“ dem Zweiten Weltkrieg an. Vor seiner Lesung in St. Johann sprach er mit dem Kitzbüheler Anzeiger über das abhandengekommene Gefühl für die Unmittelbarkeit des Krieges und die österreichische Tradition des Verächtlichmachens.

Ich habe gelesen, Sie haben sich, wenn auch mit großen Unterbrechungen, zehn Jahre lang mit dem Roman beschäftigt.
Das erste Konzept zu „Unter der Drachenwand“ stammt aus dem Sommer 2005, unmittelbar vor dem Erscheinen von „Es geht uns gut“. Sonderlich viel hat der erste Entwurf mit dem Roman nicht mehr zu tun. Aber das Projekt hat mich nie losgelassen. Ich wusste, irgendwann habe ich das nötige Gefühl dafür und werde es schreiben. Was dann kam, war ein jahrelanger Prozess der Annäherung an den Stoff, an die Figuren. Ausdauer war bei „Unter der Drachenwand“ ein wichtiger Faktor. Entscheidend ist aber vermutlich das, was ich Hingabe nennen würde, ganz im Sinne von Leo Tolstoi: ohne Liebe kein Talent. Hingabe im Sinne von Neugier: Ich wüsste gerne mehr über diese Menschen und darüber, wie es sich anfühlt, im fünften, sechsten Kriegsjahr zu leben.

Ein Satz Ihrer Hauptfigur Veit hat mich sehr berührt „Als Kind dachte ich, wenn ich groß bin… nun: wenn ich den Krieg überlebe.“ Können wir uns heute zu schwer vorstellen, was Krieg bedeutet?
Ja, uns ist ganz allgemein das Gefühl für die Unmittelbarkeit des Krieges abhandengekommen. Die Jahrzehnte haben hier vieles abgeschliffen. Dabei ist es für uns nach wie vor wichtig, zu vergegenwärtigen, wie sehr Krieg alles Stabile zerstört, auch im Privaten, wie sehr die Ungewissheit von heute auf morgen auch das Private langsam aushöhlt. Krieg ist ein alles beschädigender, permanenter Ausnahmezustand – wer kann, läuft davon. Und wer das nicht nachempfinden kann ...mein Gott! Veit Kolbe sagt: „Der Krieg nimmt einen mit wie Geröll im Fluss.“

Haben wir den Zweiten Weltkrieg noch nicht verarbeitet?
Verarbeiten ist ein seltsames Wort in diesem Zusammenhang. Mit Sicherheit sind wir alle kraft unserer Geburt mit dem Zweiten Weltkrieg verdrahtet. Und selbst Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg wurden vererbt. Die Wissenschaft sagt,  dass sich Traumata in die Genspirale einschreiben. Das heißt: Schreckliche Erfahrungen unserer Vorfahren stecken instinkthaft auch in uns.

Junge Menschen frönen in Burschenschaften dem Deutschtum. Warum glauben Sie, ist das ist immer noch so?
Ich habe keine Ahnung.

„Der kleine Mann trat hervor und spuckte an, wen er anspucken wollte, vor einigen Wochen hatte er das nicht getan und schien auch kein Bedürfnis gehabt zu haben“ beschreiben Sie den Einzug des Rassenwahns in Budapest – wäre das heute auch denkbar?
Das Verächtlichmachen derjenigen, die anders oder anderer Meinung sind als man selbst, hat in Österreich eine lange Tradition. Im Grunde betrifft es das ganze Land, die politischen Hauptakteure machen einander verächtlich. Und darin sehe ich ein Hauptproblem der österreichischen Befindlichkeit. Das Verächtlichmachen wird von der Politik salonfähig gemacht, und dann wundern sich alle, dass es auch in der Bevölkerung gang und gäbe ist.

Am Ende des Buches schildern Sie, was aus den Figuren geworden ist. Die beschriebenen Schicksale sind also real?
Der Roman hat seine eigene Tatsächlichkeit. Kraft seiner selbst. Und es geht in der Literatur ja ohnehin nicht um wahr oder unwahr, sondern um Wahrhaftigkeit, darum, ob Figuren Atem und Pulsschlag haben oder nicht. Und wenn sie Atem und Pulsschlag haben, haben die Romanfiguren auch Anrecht auf ein Leben. Veit Kolbe und Margot Neff sind real kraft der Literatur – wie man ja auch Anna Karenina die Existenz nicht gut absprechen kann.

Auf Einladung des Literaturvereins St. Johann liest Arno Geiger am 26. Februar um 19.30 Uhr  in der Alten Gerberei. Johanna Monitzer

 
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