03.06.2020
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Wenn zum Sport die Liebe kommt

Mit Leidenschaft carvt die 24-Jährige St. Johannerin durch die Tore, obwohl sie nie ein Skiclubtraining besucht hat.  Mittlerweile ist sie Mitglied im ÖSV und hat auch ihren Freund beim Skifahren kennengelernt. Die romantische Geschichte entspricht aber viel mehr einem Sportlerleben mit großem Enthusiasmus.

St. Johann, Kitzbühel | Die Schule ist abgehakt, ein Job gefunden und die Freiheit kann beginnen. Jedoch fehlte etwas – ein neues Ziel. So entschloss sich Eva-Maria Jöchl nach einer neuen Herausforderung zu suchen. Gar nicht so einfach, mit 19 Jahren sich neu zu orientieren. Die junge Frau mit nur einem Arm entschließt sich fürs Skifahren. Bereits in ihrer Kindheit war sie oft auf den Pisten anzutreffen, jedoch ein Skiclubtraining kam nicht infrage. „Ich und meine Eltern hielten nicht viel vom Rennfahren“, erinnert sich die Studentin zurück.

Überraschende Nominierung
Überrascht zeigte sie sich über die Nominierung als Tiroler Nachwuchssportlerin im Behindertensport. „Es war meine schlechteste Saison“, erklärte Jöchl und ergänzt, dass sie erst spät mit dem Profiskisport begonnen hat. Chancen hätte es aber bereits früher gegeben. Aufgrund ihres fehlenden Arms war sie in ihrer Kindheit immer wieder im Krankenhaus und dort bekam sie auch den Tipp, sich einer Sportgruppe anzuschließen: „Ich habe mich aber nie als behindert gefühlt“, erinnert sich die mittlerweile 24-Jährige zurück. Irgendwann kam aber alles anders: Jöchl hat ein Mail an den ÖSV geschrieben. Über ihren damaligen Mut wundert sie sich noch heute und beschreibt den Brief mittlerweile als peinlich. Aber sie hatte Erfolg und wurde an den Landeskader verwiesen.

Mitgliedschaft beim Kitzbüheler Ski Club
Um jedoch beim ÖSV starten zu können, galt es, Mitglied bei einem Ski Club zu werden. Da sie damals in Kirchberg arbeitete, entschloss sie sich für den Kitzbüheler Ski Club. „Keiner hat mich gekannt und gewusst, wer ich bin“, erklärt Jöchl ihre Anfänge. Nach einer Ehrung wurde sie vom Vorstand angerufen, damit man sich mal kennenlernt. Nun hat man ein herzliches Verhältnis und die Unterstützung ist groß.
In der ersten Saison startete die St. Johannerin im Austria Cup und die Ergebnisse gaben ihr recht, in der zweiten Saison wurde im Europacup gestartet. Und dann hatte sie in der Saison 2018 die Paralympics vor Augen: „Ich hab mir ein Band jeweils in beiden Knien gerissen, also beide Knie auf einen Schlag. Das war echt blöd mit einer Krücke.“ Der Traum einer Teilnahme, vorbei.

Hartes Training und die Arbeit am Comeback füllen die Freizeit der St. Johannerin aus. Derzeit ist Jöchl im C-Kader des ÖSV. Für die ehrgeizige Sportlerin zu wenig: „Ich wollte eigentlich schon weiter sein.“ Zeit dazu bleibt ihr noch, ein Vorteil des Behindertensports. Warum? „Viele haben erst spät einen Unfall oder sind einfach nicht so stark“, erklärt Jöchl den Unterschied.
Großteils muss Jöchl den Sport als ihr Hobby sehen: denn Preisgelder gibt es bei den Veranstaltungen keine. Die Bekleidung wird gestellt und die Trainings werden bezahlt. Die Anreise muss auf eigene Kosten bewältigt werden. Oftmals kein leichtes Unterfangen, nachdem die Studentin mittlerweile kein Auto mehr hat: „Wenn ich auf den Zug warte, mit drei Paar Ski, und ich mit einer Hand alles packeln muss“, schildert sie ihre schweißtreibende Anreise. Daher wird ein Aufstieg in den A Kader als Ziel genannt.  
Ebenso selbst anpacken muss die junge Frau, wenn es um die richtige Ausrüstung geht: „Ich bin auf die Sportmesse gefahren, hab mich dort vorgestellt und versucht, mir Sponsoren zu suchen.“

Ausgleich beim Segeln
Derzeit hält Jöchl sich mit Radfahren und Laufen fit, außerdem ist sie im Segelsport aktiv.  Dazu gebracht hat sie die Liebe: ihr Freund Mario Graus. Beim Skifahren haben sie sich kennengelernt und er wiederum hat sie zum Segelsport gebracht. Beide haben schon an Meisterschaften teilgenommen. Außerdem ist das Regattasegeln eine der einzigen Sportarten weltweit, wo Menschen mit und ohne Behinderung gegeneinander antreten. Im Skifahren wird zwischen nicht behindert und behindert unterschieden, wobei dort noch einmal zwischen stehend, sitzend und blind eingeteilt wird.
Der Segelsport ist nunmehr ein fixer Bestandteil geworden: „Es ist ein taktischer Sport“, sagt  Jöchl. Fürs Skifahren ist Segeln nicht besonders förderlich, aber ein passender Ausgleich. Ziel sind, weitere Teilnahmen bei Europa- und Weltmeisterschaften.
Und die Suche nach Zielen geht weiter: Derzeit studiert sie in Landeck Wirtschaft mit den Schwerpunkten Sport und Tourismus. In einem Jahr will sie fertig sein und dann mit ihrer eigenen Werbeagentur wieder voll durchstarten. Verena Mühlbacher

Eva-Maria Jöchl aus St. Johann. Foto: privat

 
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