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01.09.2019
News  
 

Vom Ursprung der Sünde

Der Ausstellungstitel „SIN“ erweckt auf den ersten Blick mehrere Assoziationen. Meint der Künstler Peter Raneburger bei seiner Schau eine Abkürzung für etwas oder ist es ein Werkrückblick im Sinne der italienischen Präposition „bisher“ oder eine erlesene Zusammenstellung, die sich im Spanischen mit „ausgenommen“ umschreiben lässt? Die Zeitkunstgalerie Kitzbühel widmet dem Künstler ab 30. August eine Ausstellung. Kontrovers, provokant und vor allem zeitaktuell.

Kitzbühel | Schon der erste Raum der Ausstellung liefert die Erklärung: „SIN“ bedeutete im Englischen „Verstoß, Vergehen, Sünde“ und ist für den Künstler Peter Raneburger (*1964) eine kritische Auseinandersetzung mit dem Ursprung der Sünde.

Raneburger analysiert in seinen Werken die Wurzel des „Übels“. Die körperliche Konstruktion jedes Lebewesens ist in der Grundstruktur gleich. Der Mensch unterscheidet sich im organischen Aufbau nicht wesentlich von anderen Säugetieren. Die Natur bedachte allerdings den Homo Sapiens mit vielen Eigenschaften und Fähigkeiten, im Besonderen mit der Vernunftbegabung und mit dem Vermögen, zwischen mehreren Möglichkeiten abzuwägen und letztlich Entscheidungen aus freiem Willen zu treffen. Diese Entscheidungen können Steuerungsmöglichkeiten des eigenen Lebens sein, aber auch im Sinne einer Gruppe nach deren Zielen getroffen werden.

Komplexe soziale Verbindungen

Weil der Mensch in hohem Maße ein sozialisations- und kulturabhängiges Wesen ist, geht er auch komplexe soziale Verbindungen ein. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe initiiert Ideologien, religiöse Dogmen und politische Doktrinen und beeinflusst ihn in seinem Urteilsvermögen.

Provokant

Peter Raneburger thematisiert genau diese persönlich geleiteten oder durch Gruppen herbei geführten Entscheidungen und widmet sich den Ausdrucksformen der Sünde auf sehr provokante Art und Weise.

Das Schaufenster der Galerie präsentiert eine bewusst nicht zugängliche Installation zu Tötungspraktiken der radikalen Gruppe IS. Raumfüllend präsentiert er einen 8 m3 großen, aus Eisen gefertigten Käfig, in dem Menschen unterschiedlicher Ansichten und Herkunft gefoltert und getötet werden. Die begleitende Fotodokumentationen der Fotografin Miriam Raneburger vermitteln nur ansatzweise einen Eindruck dieser brutalen Verbrechen an der Humanität, zu denen nur die Gattung Mensch fähig ist. In der Hauptgalerie (Hammerschmiedgasse) analysiert der Künstler den „Weg der Sünde“.

Die gezeigten Arbeiten der Serie „halo“ stellen die Sünde in einen religiös-anmutenden Kontext. Bildaufbau sowie Titel der Bildwerke suggerieren eine Assoziation von Heiligen und Märtyrern. Bei näherer Betrachtung wirkt das sakral anmutende Bild verstörend. Das Gesicht des „Saint Sebastian“ oder der „Maria Magdalena“ – jeweils ein Bild des bekannten Transgender Models Hari Nef – zeigt sich zwar als ein und dieselbe Person, allerdings in unterschiedlichen Rollen – einmal als Märtyrer und dann als Sünderin. Der Künstler nivelliert durch die androgyne Erscheinung Herkunft, Abstammung, Geschlecht und soziale Stellung. Auch über Generationen überlieferte Ansichten werden in diesen Bildern ad absurdum geführt. So wirft Raneburger nicht nur die Frage nach den Wurzeln eines Menschen auf, er begibt sich auf die Suche nach dem Ziel, nach dem „Wohin werden wir gehen“ und stellt damit eine der zentralen Fragen der Menschheit überhaupt in den Mittelpunkt. Als Charles Darwin mit der Evolutionstheorie Gott als Schöpfer in Frage stellte und den Erdenbürger als Weiterentwicklung des Affen definierte, legte er das damalige Weltbild der Menschen in Trümmer. Es ist vielleicht ein Stück weit mit dem Urknall vergleichbar, wo erst durch die Entladung von enormen Energien und durch Zerstörung, Neues entstehen konnte.

Hier dockt für mein Empfinden die künstlerische Intervention Raneburgers an. Er analysiert soziale, menschliche, politische und historische Zusammenhänge, thematisiert in seinen Arbeiten zwangsläufig die großen Fragen der Menschheit und die essenziellen Themen wie Religion, Sexualität, Geschlecht, Geburt und Tod. Er spürt die Wurzeln unserer Zivilisation auf, bricht Tabus ohne oberflächlich zu provozieren und bearbeitet ausdauernd sozialkritische und moralische Themen, bis er den vermeintlich gordischen Knoten für sich persönlich endgültig durchschlägt.

Die präsentierte Schau ist wahrlich keine leichte Kost. Umso wichtiger erscheint sie als zeithistorische künstlerische Intervention, die uns vor Augen führen soll, worauf es wirklich im Leben ankommt: Geld und Macht waren bereits in der Evolution nicht wichtig. Wir alle sind gleich und am Ende des Tages wird jeder Mensch auf knapp 2 m2 Platz sein Auslangen finden müssen.

Ausstellung ist bis zum 5. Oktober zu sehen

Bis zum 5.Oktober ist die Schau zu sehen – im Rahmen der Langen Nacht findet eine Buchpräsentation und die Uraufführung von Raneburgers „im Biergarten“ – mit Paul Renner statt.

KunstBlicke Mag. Martina Dorner-Bauer ist Kunsthistorikerin, Ausstellungskuratorin, Autorin, Betreuerin div. Kunstsammlungen und Gründerin der Agentur DieKunstagenten.
martina@diekunstagenten.at    

Bild: Peter Raneburger vor der Bilderserie Relations. Foto: Dorner-Bauer

 
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