04.02.2019
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Suche nach dem Gesamtkunstwerk

„Ich male seit ich denken kann.“ Henning von Gierkes Schaffen ist nicht nur im künstlerischen Sinne facettenreich. Sein Oeuvre besticht und überzeugt vor allem durch die vielfältigen Themen aus Religion, Fabel- und Märchenwelt, Philosophie und Mythologie. Von Gierke ist das, was viele einen „Tausendkünstler“ nennen würden. Die Galerie Aaartfoundation von Mieke & Theo Jongen in Kirchberg zeigt derzeit eine faszinierende Ausstellung des Künstlers.

Kirchberg | Steht man vor den Bildern von Henning von Gierke, stellen sich augenblicklich mehrere Fragen: Was ist real? Was ist Fiktion? Was ist möglich und machbar? Und was bleibt ein Wunschtraum?

Mit diesen Denkaufgaben geht der Künstler stets ans Werk und er stellt sie dem Betrachter mit jedem Bild aufs Neue. Die Frage nach dem Realen kommt nicht von ungefähr, denn von Gierke malt seine Bilder in einer sog. fotorealistischen Malweise. Er ist ein Meister seines Handwerks, malt Körper und Porträts, die sich erst auf den zweiten Blick als Malerei entpuppen. Er versucht, nicht nur das Äußere abzubilden, er richtet ebenso den Fokus auf seine innere Dimension der Wahrnehmung. Seine Themen der Mythologie und der Märchenwelt interagieren zwischen den Qualitäten des Möglichen und des Unmöglichen. Er entführt den Betrachter in eine Welt der Wunder, die sich wahrhaftig als „wunderlich“ präsentiert.

Mythologie neu betrachtet

Dabei geht es dem Künstler nicht darum, Märchen und Mythen erzählerisch wiederzugeben. Er interpretiert Bekanntes neu, fügt Gegenstände bei oder lässt Teile weg und stiftet damit Irritation, die dem Betrachter bewusst wird.  Der Künstler ist fasziniert vom mythisch-magischen Moment, der in seinen Bildern dargestellt und in eigener Sprache erzählt wird. Er bedient sich einer romantischen Malweise und versucht, seine Bilder seelenvoll, gedankenversunken, verletzlich wirken zu lassen. Die Themen seiner Arbeiten sind aber keineswegs romantisch. Er greift – wie viele bedeutende Künstler der Kunstgeschichte – vertraute Motive der Mythologie auf, löst sie aus ihrem gewohnten Umfeld heraus und interpretiert sie neu mit dem sensiblen Blick von Innen.

Spiegel oder Spiegelungen zum Beispiel unterstreichen diesen irritierenden Moment. Dabei geht es dem Künstler nicht darum, im perfekten malerischen Handwerk die Szene der Spiegelung wiederzugeben. Eine Wasseroberfläche, eine Vase, eine Kugel, eine Glasscheibe – sie zeigen Unerwartetes oder das, was der Künstler vor seinem geistigen Auge sieht. Sie sind Sinnbild für Selbstwahrnehmung und Fremdwirkung, für Selbstverliebtheit und Selbstüberhebung und Kritik von außen. Damit verbunden ist das Motiv des Narzissten – ausschließlich auf sich und seine Selbstbewunderung fokussiert, dem der direkte Bezug zur Realität fehlt. Von Gierke versucht diese Muster zu durchbrechen und erzielt mit neuen Arrangements an Bildelementen ein wacheres und verändertes Sehen. So präsentiert er einen reichlich, mit weißem Tischtuch gedeckten Tisch. Bei näherer Betrachtung scheint das Möbel allerdings zu fehlen. Der Künstler gibt damit der Szenerie eine unerwartete Richtung. Die Bilder von Henning von Gierke stellen sich als Projektionsfläche für den Betrachter zur Verfügung. Sie sind Sparring-Partner, die sowohl eine innerliche Gefühlswelt wie ein äußeres Erscheinungsbild reflektieren und sie werfen genau jene Themen dem Gegenüber auf, die in der Vergangenheit oder aktuellen Gegenwart unbearbeitet blieben. Die Suche nach dem richtigen Objekt ist ein ebenso inspirierender wie künstlerischer Moment und im Schaffen von Henning von Gierke eine wesentliche Komponente.

Als Bühnenbildner und Filmausstatter arbeitet er auch mit Requisiten, die er fallweise immer wieder in seine Bilder integriert. Dabei entsteht oftmals die Wirkung eines szenischen Filmsettings, die nicht nur eine Fülle vermitteln, sondern den Betrachter auch in eine emotionale Ebene entführen. Dieser Zugang von Gierke ist nicht von ungefähr – bereits zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn entwickelte er gemeinsam mit dem berühmten deutschen Filmemacher Werner Herzog einige bedeutende Filme mit opulenten Bildern und emotionalen Szenen. Die Filmausstattung für „Kasper Hauser“ (1975), „Woyzeck“ oder der düstere Film „Nosferatu“ (1978) mit Klaus Kinski in der Hauptrolle sind nur einige Filme, die die Handschrift von Gierkes tragen. Für letzteren erhielt der Künstler den Silbernen Bären auf der Berlinale 1978.  Aktuell inszeniert der Künstler zahlreiche Wagner-Opern von Bayreuth bis Tokio und schafft hier jene geniale Verbindung seiner Kunst – der Malerei – mit der Kunst der Inszenierung und schafft eine ideale Verbindung von Musik, Schauspiel und Bühnenbild. Er schließt mit seiner Arbeit – vielleicht auch unbewusst – an eine alles vereinende Kunst an und begibt sich indirekt auf eine Suche nach dem Gesamtkunstwerk.

Daten & Fakten
Infos zur Ausstellung
Kirchberg | Die Ausstellung ist noch bis zum 1. April geöffnet. Besichtigung und Verkauf nur nach telefonischer Anmeldung. Aaartfoundation, Stöcklfeld 37,  Telefon: 05357 35 59 3, E-Mail: info@aaartfoundation.com.

KunstBlicke: Mag. Martina Dorner-Bauer ist Kunsthistorikerin, Ausstellungskuratorin, Autorin, Betreuerin div. Kunstsammlungen und Gründerin der Agentur DieKunstagenten.
martina@diekunstagenten.at     

 
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