28.09.2016
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Schlafende Hunde filmisch erweckt

„Hannas schlafende Hunde“ steht am 29. September auf dem Spielplan des Kino Monoplexx in St. Johann. Regisseur Andreas Gruber wird persönlich anwesend sein und über die Entstehung seines brisanten Werks sprechen. Vorab bat ihn der Kitzbüheler Anzeiger zum Interview.

Wie haben Sie sich der Romanvorlage angenähert – Wels im Jahr 1967, in dem die alte Nazi-Ideologie hinter der heimeligen Stubentür noch fröhliche Urstände feiert?

Ich bin mit der Autorin der Romanvorlage, Elisabeth Escher, seit jungen Tagen sehr gut bekannt. Wir sind im selben Milieu groß geworden, das war ein Stück weit meine Kindheit. Deshalb war es mir total wichtig, dieses Milieu genau zu treffen. Ich behaupte, von der historischen Faktenlage ist es absolut stimmig. Sowohl was die politische als auch die religiöse Dimension betrifft.

Es scheint sich jeder ein Stück weit als ein Opfer des Nationalsozialismus zu betrachten. Welche Wege gibt es, da auszubrechen?

Meine Intention war, auf Seite der Opfer, die wirklich Opfer waren, zu schauen, wie sie aus dieser Rolle heraus kommen. Insbesondere die Mutter im Film, auch mit der unfreiwilligen Unterstützung der Kleinen, das ist für mich der wichtigste Punkt. Ich habe das Buch von Ruth Klüger gelesen: „Weiterleben“. Sie beschäftigt sich mit der Opferfrage. Das zu überwinden bedeutet nämlich nicht, der Täter zu werden. Das wäre die blödeste aller Varianten. Es heißt vielmehr, sich von der Opferrolle zu befreien. Das fand ich extrem schön. Es gibt in der Psychologie eine Reihe von Erkenntnissen, z.B. dass die Opferrolle ein Schutzmechanismus ist. Herauszutreten ist ein wenig auch, diesen Schutz zu verlieren.

Wels im Jahre 1967 - Österreich im Jahre 2016: Ist dieser Sprung ein großer?

1967 ist schon eine andere Welt gewesen.  Was allerdings die Mechanismen betrifft, die zur Anwendung kommen, sind wir 2016 nicht viel weiter. Es gibt in der Literatur auch das Phänomen des sekundären Antisemitismus. Da heißt es, ihr seid ja gar nicht die Opfer, wir sind die Opfer. Das gibt es auch heute immer noch.

Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek u.v.m. wurden und werden nicht müde, diese kleinkarierte Braunwelt anzuprangern. Wie ist Elisabeth Eschers Ansatz dazu?

Elisabeth Escher prangert nicht an, ich habe ebenso versucht, nicht anzuprangern, sondern möglichst präzise wiederzugeben. Da geht es eher um das milieuhafte Abgeschlossen-Sein im Druckkessel. Draußen ist die böse Welt.

Ein Kind, das gegen gesellschaftliche Mauern anrennt und Tabus antrifft: Fiel es damals schwerer, auszubrechen, als das heute der Fall ist?

Es hat natürlich von jemandem wie der Hanna einen Mut gebraucht, so auf den Fragen zu insistieren. Es war im Roman so angelegt und auch bei mir. Eine gewisse Naivität des Kindes, solche Fragen zu stellen. Da schlummert eine Vitalität in dem Kind, die raus will. Das ist ein starkes Mädchen.

Haben Kinder es heute, bedenkt man die ganzen Anlaufstellen, leichter, sich zu wehren, wenn wir z.B. Cybermobbing anschauen?

Die Schwierigkeit damals war, dass es in wenigen Fällen wirklich eine Öffentlichkeit gab. Natürlich ist Cybermobbing eine schlimme Angelegenheit. Aber es ist sofort eine Öffentlichkeit da. Damals war es möglich, ganz ganz vieles unter dem Teppich zu halten. Damals, wenn ein Kind neugierig war, zum Beispiel wenn der Pfarrer ganz plötzlich aus dem Ort wegversetzt wurde, und man gefragt hat wieso. Wenn man die Antwort bekam: „Frag nicht so blöd“  dann wusste man, da ist was dahinter. Dieses „Frag nicht so blöd“ war immer ein Indizsignal.
Elisabeth Galehr

Bild: Hannelore Elsner verkörpert in „Hannas schlafende Hunde“ die blinde Großmutter. Regisseur Andreas Gruber hat den Roman von Elisabeth Escher zu einem atmosphärischen Film verdichtet. Foto: Diagonale/Pelekanos

 
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