15.05.2020
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„Region mit voller Wucht getroffen“

Manfred Dag, Leiter des AMS Kitzbühel, zieht im Anzeiger-Interview eine Zwischenbilanz nach den ersten Lockerungsschritten hinsichtlich Corona. Am Arbeitsmarkt ist die Lage nach wie vor sehr angespannt.

Kitzbühel  | Wie entwickelt sich der Trend: Steigt die Arbeitslosigkeit von Monat zu Monat weiter oder ist bereits ein erster positiver Effekt durch die Öffnung des Handels spürbar?
Der Lockdown hat die Saisonregionen mit voller Wucht getroffen. Die Wintersaison endete vorzeitig und abrupt. Ab Mitte März meldeten sich binnen zwei Wochen mehr als 4.100 Personen beim AMS Kitzbühel arbeitslos. Einen derartigen Anstieg der Arbeitslosigkeit in so kurzer Zeit, gab es bisher noch nie (s. Grafik). Den bisherigen Höchststand mit 4.664 Arbeitslosen (höchster Wert seit dem Ende des zweiten Weltkriegs) haben wir Ende März erreicht. Im Laufe des Monats April gab es vor allem aus dem Bau- und Baunebengewerbe, Verkehr und Handel immerhin 666 Arbeitsaufnahmen. Prognosen sind im Moment sehr schwierig. Die weiteren Öffnungen werden zwar dazu beitragen, dass die Zahl der Arbeitslosen im Mai, Juni und Juli zurückgehen wird, die Arbeitslosigkeit wird aber weiterhin sehr hoch sein.

Kurzarbeit als Mittel gegen Arbeitslosigkeit: Greift diese Strategie?
Österreichweit sind mehr als 1,25 Millionen ArbeitnehmerInnen in Kurzarbeit. An dieser dramatischen Zahl kann man erkennen, dass die Zahl der Arbeitslosen deutlich höher wäre, gäbe es diese Kurzarbeitsregelung nicht.
Welche Branchen sind besonders von Arbeitslosigkeit betroffen?
Die Krise hat den Tourismus, die Reisebranche bzw. alle Bereiche, die direkt oder indirekt stark vom Tourismus abhängig sind, besonders stark getroffen. Der Großteil der Arbeitslosen kommt aus diesen Branchen.

Wie verhält es sich mit Wiedereinstellungs-Zusagen?  
Etwa 3.000 Arbeitslose können aus heutiger Sicht wieder bei ihrem bisherigen Arbeitgeber anfangen.
Zum Unterschied zu früheren Zwischensaisonen können die wenigsten jedoch ein genaues Beginndatum angeben, da es derzeit noch viele Unsicherheitsfaktoren gibt – Stichwort Grenzöffnungen, wie viel Tourismus ist im Sommer heuer möglich etc.

Der Bau vermeldet einen vermehrten Bedarf an Fachkräften, gleichzeitig gibt es hohe Arbeitslosigkeit. Wie ist dieses Gefälle zu erklären?
Der Fachkräftebedarf bestand auch bereits vor der Corona-Krise. Die derzeitigen Arbeitslosen kommen größtenteils aus anderen Branchen.

Gibt es weitere Branchen, die Leute einstellen würden?
Viele Betriebe sind derzeit doch noch sehr verunsichert bzw. können die weitere Entwicklung noch nicht abschätzen. Daher ist die Arbeitskräftenachfrage insgesamt noch sehr gering. Grundsätzlich sind es die Bereiche, die bereits vor dem Lockdown Arbeitskräfte gesucht haben, wie z.B. in der Pflege. In den letzten zwei Monaten mussten wir unsere Ressourcen komplett auf die Existenzsicherung und auf die Abwicklung der Kurzarbeit bündeln. Derzeit sind wir dabei, die Vermittlung wieder zu forcieren. Weiters planen wir für Juni eine Lehrstellenoffensive.

Wie schaut es mit Schulungen des AMS aus?
Laufende Kurse wurden auf online Unterricht umgestellt.    Im Juni werden wir Jahreskurse unter Einhaltung der Sicherheitsvorgaben wieder starten. Einen besonderen Schwerpunkt werden wir auf Kurse setzen, die auf einen Lehrabschluss vorbereiten.

100 Jahre ArbeitslosenVersicherung
Vor 100 Jahren, genau am 24. März 1920, hat die damalige Nationalversammlung das erste Arbeitslosenversicherungsgesetz beschlossen. Österreich war 1920 eines der ersten Länder, das eine Arbeitslosenversicherung im heutigen Sinn eingeführt hat.  Die aktuelle Situation zeigt, wie wichtig die soziale Absicherung im Falle der Arbeitslosigkeit ist. Es sind derzeit auch viele von Arbeitslosigkeit betroffen, die erstmals arbeitslos sind. Interview: Elisabeth Galehr

Manfred Dag im Interview. Foto: Galehr

 
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