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24.06.2019
News  
 

Niedriges Einkommen, hohe Kosten

Die Löhne im Bezirk Kitzbühel liegen wie berichtet weit unter dem Tiroler Durchschnitt. Was bedeutet das konkret für die Arbeitnehmer? Diese Frage erörterte der Kitzbüheler Anzeiger mit dem Leiter der AK Kitzbühel, Christian Pletzer.

Bezirk  | „Man weiß seit Jahren, dass wir mit den Löhnen hinterherhinken. Zusammengefasst läuft es darauf hinaus: Hohe Lebenshaltungskosten und niedriges Einkommen“, skizziert Pletzer. Der Lohn aus Arbeit ist nicht nur für die allermeisten Menschen im Bezirk die Haupteinkommensquelle, er stellt auch volkswirtschaftlich eine Größe dar. Gerade in der Wirtschaftskrise war der private Konsum eine Stütze des Systems.

Bezirk vom Tourismus geprägt

Rund ein Fünftel aller Arbeitnehmer im Bezirk ist im Sektor Beherbung und Gastronomie beschäftigt. Die Branche ist von Saisonarbeit geprägt „Teilzeit wie Vollzeit“, ergänzt Pletzer. Während in Tirol der Anteil der ganzjährigen Vollzeitarbeit bei 46,4 Prozent lag, steht dieser Wert im Bezirk Kitzbühel bei 42,8 Prozent und damit eher niedrig. Übrigens: In der Beherbung und Gastronomie finden sich „nur acht Prozent der ganzjährig Vollzeitbeschäftigten“, wie der AK-Leiter unterstreicht. „So wichtig der Sektor ist – und er ist ein starker Wirtschaftsmotor – so wenig bringt er leider für die Arbeitnehmer“, weist Pletzer darauf hin, dass die Branche im Niedriglohnsegment anzusiedeln ist.

Das Lohnsteueraufkommen beträgt 111 Millionen Euro, acht Prozent davon leistet die Beherbung und Gastronomie. Daher sei zunehmend eine Abwanderung der Fachkräfte in Industriebetriebe zu beobachten.

Die Arbeiterkammer fordert höhere KV-Mindestlöhne – „eine schrittweise Anhebung“, präzisiert der AK-Leiter. Da sich zwischen den Einkommen von Mann und Frau immer noch ein Gefälle von 23 Prozent auftut, ist eine wesentliche Forderung natürlich auch „gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit“. Nicht nur, aber doch auch speziell im Bezirk sieht die AK noch zusätzlichen Bedarf für Ganzjahres-Vollzeitarbeitsplätze. „Da geht es um Standortpolitik“, so Pletzer – etwa durch gezielte Anreize.

Generell, sagt der AK-Leiter sei es ohnehin nicht verboten, über dem Kollektivvertrags-Lohn zu bezahlen. „Die Menschen, die bei uns vorsprechen, werden das überwiegend nicht“. Wenn es doch mehr gibt, als gesetztlich mindestens vorgeschrieben, spielen immer wieder Bestimmungen mit hinein, die den Kuchen wieder verkleinern – beispielsweise „All In“-Klauseln. „Die Niedriglöhne gehören politisch thematisiert“, fordert die AK.

„Working Poor“ auch in Kitzbühel
Denn sie bergen eine besondere Gefahr in sich: „Working Poor“, das heißt Armutsgefährdung trotz Arbeit. Auch im Bezirk ist das ein Thema: „Es gibt auch bei uns Leute, die Ausfälle oder Verzögerungen des Lohnes nur schwer verkraften, bei denen steht es Spitz auf Knopf“, weiß Christian Pletzer. Gerade für solche Arbeitnehmer ist eine starke Beratung vor Ort wichtig. Im vergangenen Jahr musste die Bezirks-AK bei 3.800 persönlichen Beratungen 230 Interventionen tätigen.

Frauen trifft die Thematik von „Working Poor“ am häufigsten. Aber auch Familien mit mehr als drei Kindern bzw. Single-Haushalte sind im Spannungsfeld hoher Lebenshaltungskosten bei gleichzeitig niedrigem Lohn gefangen.
„Tirolweit bemerken wir das an sehr vielen Anfragen beim AK-Unterstützungsfonds“, gibt Christian Pletzer ein Beispiel. Während sich die Realeinkommen kaum nach oben bewegen, steigen die Grundpreise rasant an. „Familien müssen oft mehr als die Hälfte für Wohnen und Heizen ausgeben“, so Pletzer.

Die Zeichen der Zeit will die Arbeiterkammer jetzt nutzen: So wurde eine große Digitalisierungsoffensive gestartet, die bis 2023 läuft. „Es geht darum, unsere Mitglieder auf die neuen Herausforderungen der Arbeitswelt 4.0 vorzubereiten.“ Diese bietet immerhin auch große Chancen – gerade was Einkommen betrifft. Elisabeth Galehr

Daten & Fakten - Eckdaten der AK-Erhebung
Die Tiroler Arbeiterkammer untersuchte wie berichtet auf Basis der Lohnsteuerdaten 2017 die Einkommen in Tirol. Das mittlere Bruttojahreseinkommen im Bezirk lag um 8,6 Prozent unter dem Tiroler Durchschnitt. Das mittlere Jahresbruttoeinkommen in Kitzbühel lag bei 23.140 Euro. Bei den Männern ist das Gefälle zum Tiroler Durchschnitt sogar noch größer: das Brutto-Salär im Bezirk beträgt in dieser Gruppe 30.118 Euro, das bedeutet 8,9 Prozent unter dem Durchschnittsgehalt der Geschlechtsgenossen im gesamten Bundesland. Bei den Frauen beträgt dieser Unterschied 4,4 Prozent, allerdings liegt das durchschnittliche Brutto-Einkommen der Kitzbühelerinnen bei 17.811 Euro.

Foto: Für viele bleibt am Ende des Geldes noch sehr viel Monat übrig.

 
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