25.09.2017
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„Man wird damit alleine gelassen“

Zu viele schauen weg, über Kindesmissbrauch wird nicht gerne gesprochen. Betroffene Eltern erzählen dem Kitzbüheler Anzeiger ihre Geschichte.

Bezirk | 2015 wurden in Österreich laut Statistik des Bundesinnenministeriums alleine 616 Fälle von Kindesmissbrauch zur Anzeige gebracht, die Dunkelziffer ist laut Experten und Polizei aber wohl weitaus höher. Vor kurzem wurde auch ein Fall von Kindesmissbrauch im Bezirk bekannt. Der darauffolgende Bericht darüber im Kitzbüheler Anzeiger schlug hohe Wellen. Betroffene Eltern (Namen der Redaktion bekannt) wollen nun aufrütteln und erzählen ihre Geschichte. Der Missbrauch ihres Kindes veränderte ihr Leben komplett. Es war ein schwerer Weg. Sie wurden isoliert. Aus eigener Kraft haben sie es geschafft, mit der Situation umzugehen, ohne dass die Partnerschaft zerbrach.

Wie haben Sie bemerkt, dass Ihr Kind Opfer sexueller Gewalt wurde?
Unser Kind hatte sich von einen Tag auf den anderen verändert. Es hat sich selbst verletzt, begann zu bettnässen und hatte Schlafprobleme. Wir haben lange gerätselt, was mit unserem Kind los ist. Zuerst denkt man natürlich an alles andere, als an sexuelle Gewalt.
Mit der Zeit ist uns aber bewusst geworden, dass diese körperlichen Symptome auftreten, wenn unser Kind Kontakt zu einer gewissen Person hatte. Immer wenn es Kontakt mit dieser Person aus dem Familienkreis hatte, kamen die Anzeichen. Das war ein Erkenntnis-Prozess über Jahre. Jahre, gefüllt mit Hilflosigkeit und Verzweiflung.

Haben Sie versucht Ihr Kind danach zu fragen, ob etwas vorgefallen ist?
Es hat uns gesagt, dass es davon nichts weiß und alles in Ordnung sei. Für Kinder ist es schwer, sich in solchen Situationen zu erklären, da es sich ja um eine Bezugsperson handelt. Die körperlichen Symptome und das Verhalten nach den Zusammentreffen waren aber nicht zu leugnen. Unser Kind wollte mit besagter Person auch nicht mehr alleine sein.
Unsere Psychologin hat uns erklärt, dass Kinder solch schlimme Erlebnisse in eine imaginäre Schublade im Kopf sperren, die sich dann nur schwer öffnen lässt. Deshalb erzählen Opfer oft erst Jahrzehnte danach von einem Missbrauch.

Macht man sich als Eltern Vorwürfe, dass man sein Kind nicht schützen konnte?
Vorwürfe haben  wir uns am Anfang natürlich gemacht, aber wie kann man so etwas verhindern? Im Familienkreis denkt man an so etwas nicht. Eher, dass ein Außenstehender zum Täter wird, aber doch nicht in der Familie.

Wie ist es dann weitergegangen? Haben Sie den Täter mit Ihrem Verdacht konfrontiert?
Ja, wir haben ihn offensiv damit konfrontiert. Er hat alles bestritten, aber diese körperlichen Anzeichen unseres Kindes kann man nicht abstreiten. Wenn Kinder Pro-bleme haben, dann zeigt das der Körper und der Körper lügt nicht.
Für uns ist das Schlimmste, dass die restliche Familie nach wie vor auf Seiten des Täters steht. Uns wird nicht geglaubt, weil sich keiner vorstellen kann, dass so etwas in der eigenen Familie passieren kann. Die Reaktion der Gesellschaft auf Kindesmissbrauch ist fürchterlich. Das Umfeld will davon nichts wissen, nicht hinschauen. Man wird damit alleine gelassen.
Das Miterleben von sexuellem Missbrauch in der Familie ist für Eltern und Geschwister  gleichermaßen traumatisierend, wie für das Opfer selbst.

Haben Sie sich Hilfe von Außenstehenden geholt?
Ja, wir haben Beratungen in Anspruch genommen und haben bei einer auf sexuellen Missbrauch spezialisierten Psychologin Hilfe bekommen. Die emotionale Belastung für das Kind und auch für die Eltern sowie Geschwister ist enorm.
Uns war wichtig, dass unserem Kind geholfen wird. Wir haben zusammen mit unserem Kind eine Therapie gemacht.

Angezeigt haben Sie den Täter aber nicht - warum?
Wir haben lange darüber nachgedacht. Unser Kind hätte die ganzen behördlichen Instanzen über sich ergehen lassen müssen. Ein Prozess könnte Jahre dauern.
Wir sind dann zum Entschluss gekommen, dass wir unserem Kind das nicht auch noch zumuten wollen. Was bringt es uns und vor allem unserem Kind im Endeffekt, wenn der Täter vorübergehend weggesperrt wird?

Wäre es denn keine Genugtuung gewesen, wenn der Täter eine Strafe erhalten hätte?
Eine persönliche Genugtuung für uns als Eltern, aber nicht für das Kind. Das Wichtigste ist für uns das Wohl unseres Kindes.

Sind die Gesetze zu lasch, wenn es um Kindesmissbrauch geht?
Wir finden, dass es in erster Linie ein gesellschaftliches Problem ist. Die Gesellschaft will es nicht wahrhaben, dass sexueller Missbrauch tagtäglich und meist im Familienkreis passiert.
Das Problem ist nicht das Gesetz, sondern die Reaktion der Gesellschaft auf Kindesmissbrauch. Man muss sich als Opfer rechtfertigen, man wird regelrecht bekämpft, anstatt Unterstützung zu erhalten. Wenn man nicht selber betroffen ist, glaubt man es einfach nicht, dass so etwas passieren kann.

Begegnen Sie dem Täter heute noch?
Wir haben den Kontakt komplett abgebrochen. Das hat uns auch die Psychologin geraten.

Wie geht es Ihrem Kind heute?
Als wir den Kontakt abgebrochen haben, ging es unserem Kind auffallend besser. Es hat sich gut entwickelt. Mit Mitmenschen hat unser Kind aber immer noch Probleme. Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen ist für unser Kind oft noch schwierig, aber es wird besser.

Was würden Sie betroffenen Eltern raten, wenn sie einen Verdacht oder eine Vermutung haben, dass ihr Kind missbraucht wird?
Jeder muss aufstehen und den Mund aufmachen. Obwohl wir mit vielen Anfeindungen konfrontiert waren und sind, würden wir immer wieder den gleichen Weg gehen. Geschützt gehört das Kind, nicht der Täter.
Als Eltern spürt man, wenn mit dem Kind etwas nicht stimmt. Man muss hinschauen und nicht des lieben Familienfriedens wegen schweigen. Das ist ein schwerer Weg, aber wir würden es wieder gleich machen. Unser Kind kann auf uns zählen, egal was passiert ist, wir stehen zu ihm. Weil, wenn die Eltern nicht zum Kind stehen, wer denn dann?

Wird über Kindesmissbrauch zu wenig gesprochen?
Ja, es ist ein großes Tabuthema in unserer Gesellschaft, über das wir mehr sprechen müssen. Vielleicht bewirkt das auch bei den Tätern etwas und sie lassen sich helfen. Ebenso sollten Mitwisser, die nichts sagen, in die Verantwortung gezogen werden.
Es sollte auch mehr präventive Maßnahme für Kinder geben – wie mache ich mein Kind stark genug, um Nein zu sagen?
Es muss ein Bewusstsein geschaffen werden, dass es Kindesmissbrauch auch bei uns gibt. Die Erwachsenen sind verantwortlich für die Kinder. Wenn die Erwachsenen wegschauen, ist das Kind verloren.
Das Interview führte Johanna Monitzer

Tabuthema Missbrauch
Je mehr Menschen sich mit sexuellem Kindesmissbrauch auseinandersetzen und erfahren, wie sie im Falle eines Missbrauchs reagieren können, desto leichter kann eine Missbrauchssituation unterbrochen werden. Auch Täterstrategien zu kennen und Kinder präventiv zu erziehen, trägt dazu bei, dass Missbrauch weniger häufig passieren kann, sagt der Verein „Selbstbewusst – Sexualpädagogik und Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch“.

Kinder sprechen nicht über Missbrauch

In Beratungsstellen und im Internet z.B. unter www.gewaltinfo.at findet man zahlreiche Informationen zu Kindesmissbrauch.

Kinder sprechen nicht über sexuellen Missbrauch. Missbrauchstäter versuchen die Kinder zum Schweigen zu bringen und die Kinder haben Angst vor den Folgen, wenn sie sich jemandem anvertrauen, da sie sich oft schuldig und verantwortlich für das Geschehene fühlen und Zweifel haben, ob ihnen geglaubt wird.

Hat der Missbrauch sehr früh begonnen, verstehen sie noch nicht, was mit ihnen passiert. Selbst wenn sie schon etwas älter sind, fehlt es ihnen meist an den Ausdrucksmöglichkeiten, um zu erklären, was mit ihnen geschieht.

Es gibt verschiedene mögliche Anzeichen

Obwohl jedes Kind anders auf sexualisierte Gewalt reagiert, ist es möglich, zu erkennen, dass ein Kind sexuell missbraucht wird, da es durchaus Reaktionen zeigt, die als offene oder verdeckte Hilferufe auf Gewalterfahrungen hinweisen können. Zum Beispiel zeigen Kinder  plötzliche Verhaltensänderungen, haben Schlafstörungen, wollen nicht mehr alleine bleiben, nässen ein und waschen sich oft oder gar nicht mehr.

Jedes Kind reagiert anders

Die Schwierigkeit, sexuellen Missbrauch zu „erkennen“, liegt darin, dass es kein so genanntes „Missbrauchs-Syndrom“, d.h. eine Mindestanzahl bestimmter Symptome oder eindeutige Auffälligkeiten gibt, die bei allen betroffenen Kindern auftreten, heißt es auf gewaltinfo.at.

Die Täter sind meist Bezugspersonen

Bei den Tätern handelt es sich meist um Bezugspersonen, wie Martin Schölzhorn, Fachbereichsleiter der Tiroler Kinderschutzzentren, erklärt: „Das macht es den Kindern noch schwerer darüber zu sprechen, denn die Täter sind meist im Familienverband oder vertraute Personen.“

In seltensten Fällen ist ein komplett Fremder der Täter. Deshalb sei es umso wichtiger, dass Erwachsene die Bereitschaft haben, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und offen darüber mit Kindern sprechen.

Wo gibt es Hilfe und Beratung?

Hilfe und Beratung für Opfer und Angehörige gibt es u.a. unter www.kinderschutz-tirol.at, bei der Familienberatung in den örtlichen Sozialsprengeln oder bei der Kinder- und Jugendhilfe (Bezirkshauptmannschaft Kitzbühel).

 
Kontakt
Tel.: +43 (0) 5356 6976
Fax: +43 (0) 5356 6976 22
E-Mail: info@kitzanzeiger.at
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