20.11.2020
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„Man spürt aktuell die Ängste“

Peter Seiwald übernimmt in einem ausgesprochen turbulenten Jahr die Agenden des Bezirksobmanns der Wirtschaftskammer. Der Kitzbüheler Anzeiger sprach mit ihm über die Stimmung unter den Betrieben und die Bildungspolitik für die Region.

Kitzbühel | Wie ist aktuell die Stimmung unter den Unternehmern?
Man muss sagen, dass die Stimmung im Gegensatz zum ersten Lockdown schlechter geworden ist. Beim ersten Mal hat man nicht so sehr gewusst, was uns erwartet. Da nahmen die Unternehmer jeden positiven Keim, der irgendwo aufgekommen ist, an. Die Sommersaison lief eigentlich recht gut. Jetzt spürt man allerdings sehr stark, dass große Ängste in Bezug auf die Wintersaison bestehen.  Denn wenn wir die Zahlen nicht in den Griff bekommen und die Reisewarnung von Deutschland nicht aufgehoben wird, werden wir relativ wenig Touristen haben. Das ist eine ganz einfache Formel.  Die Stimmung im Bau ist hingegen derzeit noch relativ gut. Dort erwarten viele, mit denen ich spreche, dass es erst nach dem Frühjahr Probleme geben wird.   

Die Verzögerungen im Bau hängen teilweise auch an der Bürokratie, bzw. an veralteten Bauverfahrens-Strukturen. Wie sieht es generell mit Digitalisierung von Behördenwegen aus?
Das ist zum Beispiel eine Geschichte, die ich angehen will.  Jeder hat in der Vergangenheit schon viel über Digitalisierung gesprochen. Eigentlich hat die Pandemie gezeigt, gerade was Bürokratie anbelangt, dass digitale Wege noch leichter gemacht werden sollten.
Das fängt schon bei ganz kleinen Einheiten wie den Gemeindeämtern an und hört beim Bund auf.

Funktioniert die Auszahlung der Hilfen besser als beim ersten Lockdown?
Ja, in jedem Fall. Wir müssen jetzt natürlich schauen, dass wir den Härtefallfonds Phase II hinbekommen. Da hakt es noch bei der EU bzw. in Wien.  Aber die Auszahlung ist enorm besser geworden, weil man mit diesen Dingen auch schon Erfahrungen hat. Wir sind besser vorbereitet in die zweite Welle gegangen. Die 80 Prozent z.B. für die Gastronomie werden ganz, ganz schnell abgewickelt.  

Wie kann man in einer derart schwierigen Zeit die Gründerszene forcieren?
Gründerszene: meine Lieblingsfrage. Heutzutage gibt es viel mehr Dynamik in der Gründerszene. Warum? Weil es einfach wieder „cool“ geworden ist, Unternehmer zu sein. In den Nullerjahren war das nicht der Fall. Das war damals dem geschuldet, dass viele Firmenübergaben stattgefunden haben. Da bekamen die Kinder mit, wie viel die Eltern diesbezüglich gearbeitet haben. Da her entschieden viele für sich, lieber angestellt zu sein. Durch die Stimmung und die Digitalisierung ist es jetzt wieder toll geworden. Die Gründerszene lässt sich ihre Geschichte nicht durch Corona vermiesen. Das zeigt sich z.B. daran, dass wir im Bezirk im ersten Halbjahr über 200 Neugründungen verzeichnet haben. Sogar in der höchsten Lockdownphase traten immer wieder Menschen an die Wirtschaftskammer heran, um ein Gewerbe anzumelden.  Momentan ist aus meiner Sicht sogar eine recht gute Zeit, zu gründen. Weil nicht gut aufgestellte Unternehmen sicherlich vom Markt verschwinden werden, dadurch entstehen Lücken für neue Ideen.

Sind Innovation und Digitalisierung die Hebel, um sich aus dem Coronaloch zu hiefen?
Digitalisierung ist kein Allheilmittel. Für ein Unternehmen, das in der Sackgasse steckt, wird sie jetzt auch nicht alle Mauern wegreißen. Aber sie birgt enormes Potenzial, um Zeit zu sparen und die Produktivität zu steigern. Heutzutage muss z.B. nicht jedes Meeting ein Präsenzmeeting sein. So kann man Zeit und Kosten sparen. Es gibt immer noch viele Abläufe, die nicht digital gedacht werden. Das ist einfach nicht mehr zeitgemäß.

Reden wir über das Thema Aus- und Weiterbildung. Welche Schwerpunkte sind aus Sicht der Wirtschaft wünschenswert?
Das wird eines meiner großen Ziele, dass man mehr digitale Ausbildungsstätten oder -zweige in den Bezirk bringt. Die IT-HAK macht z.B. einen ausgezeichneten Job. Ich will nicht unbedingt sagen, dass wir eine HTL brauchen. Natürlich wäre das nicht schlecht, aber man kann auch etwas anders denken. Zum Beispiel einen eher technischen Zweig an die HAK oder etwas in Richtung E-Tourism an die Tourismusschule bringen. Man hat sehr gute Bildungsinstitutionen im Bezirk Kitzbühel. Man sollte nur schauen, dass man in diese noch mehr Digitalisierung bringt bzw. eventuell sogar eigene Zweige macht. Man kann ja auch darüber nachdenken, einen IT-Bereich an die Weitau zu bringen.
Zum Thema Mittelschulen: Grundsätzlich ist es so, dass wir die besten Mittelschulen Österreichs haben. Es sind richtige Vorzeigeeinrichtungen, auch die PTS. Die Mittelschulen sind oft das Sprungbrett für Facharbeiter.

Wie kann man die Lehre weiter nach vorne bringen?
Selbstverständlich ist das wichtig. Ich bin von Klaus Lackner schon als Bildungssprecher eingesetzt worden und habe die Lehrlingsagenden mit begleitet. Da muss man mittlerweile ansetzen, die Ausbildner noch besser auszubilden und zu coachen. Initiativen wie „Mei Bua, mei Madl“ kommen sehr authentisch rüber. Positive Beispiele in den Vordergrund stellen, aber nicht übertreiben. Man sollte hier einen super Mittelweg finden. Elisabeth Galehr

Bild: Peter Seiwald im Anzeiger-Interview. Foto: Galehr

 
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