14.04.2020
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Keuschnigg: „Österreich kann das bewältigen“

Noch während die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus andauern, zeichnen sich massive Folgen für die Wirtschaft ab. Der gebürtige Kirchdorfer und renommierte Nationalökonom Christian Keuschnigg beleuchtet im Kitzbüheler Anzeiger-Interview die Auswirkungen.

Bezirk | Gibt es schon Schätzungen, wie stark die Maßnahmen gegen COVID-19 das Wirtschaftswachstum beeinträchtigen?
Das Corona Virus wird tiefe Spuren in der Wirtschaftsleistung hinterlassen. Der Wirtschaftseinbruch bei einem einmonatigen Stillstand wird gut 5 Prozent des BIP betragen, das sind in Österreich mehr als 20 Mrd. Euro. Das übertrifft die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008. Je länger es dauert, desto schlimmer wird es. Ein reiches Land kann das verkraften, aber die Kosten sind sehr ungleich verteilt. Für viele Betriebe geht es schlicht an die Existenz. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Für die Betroffenen ist es ein schwerer Schlag. Jetzt kommt es darauf an, die Belastung breit zu verteilen und über die Zeit zu strecken, damit sie für alle tragbar bleibt. Die Staatsverschuldung wird hochschnellen. Nachher müssen wir sie wieder langsam abtragen. Die Kurzarbeit ist eine große Erleichterung, aber sie ist teuer für den Staat. Die Wirtschaft muss mit Schulden die Erlösausfälle überbrücken. Auch wenn der Zugang zu Krediten erleichtert und gestützt wird, stehen die Unternehmen nachher mit höheren Schulden da.

Droht nach der Gesundheits- auch eine Wirtschaftskrise?
In Österreich müssen wir uns da weniger fürchten als anderswo. Jetzt zahlt es sich aus, dass vorher die Staatsschulden abgebaut wurden und die Wirtschaft in guter Verfassung ist. Es ist Spielraum da. In anderen Ländern wie in Italien und Spanien mache ich mir da große Sorgen. Eine weitere Eurokrise wäre auch eine Gefahr für Österreich. Um bei uns die Folgen zu lindern, kommt es darauf an, die Lage gesundheitlich rasch in den Griff zu bekommen und schon jetzt das schrittweise Hochfahren der Wirtschaft zu planen.

„Jetzt ist Disziplin gefragt“
Die Einsparungen bei einem schnelleren Ausstieg sind so groß, dass Wirtschaft und Staat viel in die notwendigen Gesundheitsvorkehrungen investieren können, um eine neuerliche Ansteckungswelle zu verhindern. Mit der Wirtschaft würde über kurz oder lang auch das Gesundheitswesen zusammenbrechen. Wir brauchen beides, Gesundheit und Wirtschaft.

Was bedeutet es für den Standort Tirol, dass der Tourismus derzeit zu den am stärksten betroffenen Branchen zählt?
In Tirol hat der Tourismus überdurchschnittliche Bedeutung, da wiegen die Folgen schwerer. Man kann ja noch von Glück reden, dass der Einbruch zu einem guten Teil in die Nebensaison fällt. Umso wichtiger ist, die Ansteckungswelle möglichst rasch in den Griff zu bekommen. Jetzt ist die Disziplin der Bevölkerung gefragt, damit ein neuer Konjunkturaufschwung eher früher wie später möglich wird. Aber selbst dann fürchte ich, dass die kommende Sommersaison von einer geringeren Reiselust in- und ausländischer Gäste geprägt sein wird.

Die vergangenen Wochen zeigten eine Rückbesinnung zur Regionalität: Liegt darin die Chance, die wirtschaftlichen Folgen abzufedern?
Den Menschen ist wohl die eigene Heimat zunächst am Wichtigsten. Eine Rückbesinnung auf Regionalität ist aber nicht die Lösung. Unsere innovativsten Unternehmen schaffen Wohlstand hauptsächlich, indem sie auf der ganzen Welt tätig sind und damit Kaufkraft ins Land holen. Auch der Tourismus lebt stark von ausländischen Gästen. Das kann man nicht ersetzen. Für unseren Wohlstand braucht es eben eine gesunde Mischung aus Internationalität und Regionalität.

Welche Rolle spielt Digitalisierung in dem Ganzen: Ist Corona der Treiber, um den lokalen Handel und Gewerbebetriebe bzw. Dienstleister fit für die Globalisierung zu machen?
Das glaube ich auch, aus eigener Erfahrung. Wir haben an der Uni St. Gallen den ganzen Unterricht auf online umgestellt. Die Uni ist menschenleer, aber es geht alles weiter. Viele digitale Anwendungen werden bleiben, die sich sonst nicht so schnell durchgesetzt hätten. Wenn aus gesundheitlichen Gründen soziale Distanz notwendig ist, ist Digitalisierung eine gewaltige Erleichterung, aber nicht überall. Im Gesundheitswesen und im Tourismus kann man schwer den Kontakt digitalisieren, da braucht es andere Lösungen, das Virus unter Kontrolle zu bringen.

„Krisenrobustheit stärken“

Braucht es post Corona ein „neues“ Wirtschaftssystem, das weniger auf Wachstum fokussiert ist, sondern auf Nachhaltigkeit (z.B. Stichwort Gemeinwohlökonomie)?
Nein. Nachhaltigkeit ist Teil des klassischen Wirtschaftens. Es dreht sich in der Wirtschaftspolitik zwar vieles um das BIP und den materiellen Wohlstand, aber eben auch um Gesundheit, Umweltqualität und Sicherheit. Der ganze Sozialstaat ist der wirtschaftlichen Sicherheit der Menschen gewidmet. Da braucht man nichts neu erfinden.
Was aber schon notwendig ist, ist die Krisenrobustheit und Nachhaltigkeit der Wirtschaft zu stärken. Wir brauchen mehr Risikokapital und weniger Überschuldung. So können die Unternehmen das Risiko tragen, das andere nicht wollen, und ermöglichen Sicherheit für die Arbeitenden. Wir brauchen eine niedrige Staatsschuld, um in der Not Spielraum zu haben. Die Wirtschaft muss ein kräftiges Bollwerk sein, das auch dem stärksten Sturm standhält, und nicht eine Strohhütte, die beim ersten Windstoß umfällt.

Wie wichtig ist es künftig für lokale Unternehmen, stärker zusammen zu arbeiten, um z.B. Innovations- und Knowhow-Cluster zu bilden?
Die Unternehmen sind über ihre Zulieferer und Kunden so stark verflochten wie nie zuvor. An Zusammenarbeit mangelt es nicht. Die stark verflochtenen Wertschöpfungsketten sind aber auch eine Quelle der Verwundbarkeit. Deshalb darf man nicht vergessen, Puffer und eine gewisse Lagerhaltung einzubauen. Auf Innovation zu setzen, ist immer richtig. Damit erarbeiten sich die Unternehmen ein gutes Geschäftsmodell und einen Qualitätsvorsprung. Qualität ist immer gefragt, auch in der Krise. Eine wettbewerbsfähige Wirtschaft ist auch krisenrobust.
Das Interview führte Elisabeth Galehr

Daten&Fakten - Über Christian Keuschnigg
Christian Keuschnigg ist Professor für Nationalökonomie an der Universität St. Gallen und leitet das Wirtschaftspolitische Zentrum (WPZ) in Wien. Kernaufgabe des WPZ ist der Wissenstransfer von der Grundlagenforschung in die wirtschaftspolitische Praxis. Es betreibt Forschung und Kommunikation auf Spitzenniveau für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Mehr Informationen auf www.wpz-fgn.com.

Foto: Christian Keuschnigg ist Professor für Nationalökonomie an der Universität St. Gallen und leitet das Wirtschaftspolitische Zentrum in Wien. Für den Kitzbüheler Anzeiger fasste er Anfang der Woche im Interview die wichtigsten Auswirkungen der Coronakrise zusammen.

 
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