28.01.2019
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Kämpfen für ein starkes „Ja zur AK“

Aktuell läuft die Arbeiterkammer-Wahl noch bis zum 7. Februar. Schwerpunkte der Beratung, aber auch Herausforderungen besprach der Kitzbüheler Anzeiger in großer Runde mit den Kammerräten Siegfried Dellemann, Helmut Deutinger, Heribert Mariacher und Gerald Sturm sowie mit Bezirksstellenleiter Christian Pletzer.

Kitzbühel  | Wie war die Resonanz im Bezirk auf den 12-Stunden-Tag?
Pletzer: Zum 12-Stunden-Tag waren die Anfragen im Bezirk sehr gering. Die Arbeitgeber sind sehr vorsichtig geworden. Arbeitskräfte sind eine knappe Ressource, Arbeitgeber sind interessiert daran, sie zu halten.
Dellemann: Ein Beispiel für das gute Meiteinander war auch die Kitzintensiv-Veranstaltung.
Pletzer: Man wird aber mehr sehen, wenn die Saison vorbei ist ...
Deutinger: ...wenn die Stundenkontingente aufgebraucht sind.
Mariacher: Im Kollektivvertrag sind die Regelungen ohnehin drin. Wenn man das konsequent ausgeschöpft hätte, was laut KV möglich ist, hätte man die Erweiterung gar nicht gebraucht und sich vieles erspart.
Dellemann: Als Arbeitnehmervertretung sind wir interessiert daran, eingebunden zu werden. Im Tourismus gibt es relativ wenig Möglichkeiten.

Wie will man das lösen, dass man die Betriebsräte in den Betrieben nach vorne bringt? Ist das überhaupt notwendig?
Dellemann: Niemand weiß genauer, was los ist, als die, die in den Betrieben drin sind. Das sind die Betriebsräte.
Pletzer: Wir bieten das Betriebsrätekolleg an. Betriebsräte sind ganz wichtig, weil sie als Verstärker gelten.
Dellemann: Die Menschen gehen bei Problemen im Unternehmen lieber zu jemandem, den sie kennen ...
Deutinger: ... und Fakt ist, wo es einen Betriebsrat gibt, sind die Löhne und Bedingungen für die Arbeitnehmer besser.
Mariacher: Man kann mit der Geschäftsführung auf Augenhöhe reden. Von der Arbeiterkammer wird das sehr forciert, es braucht aber auch ein Umdenken in den Betrieben.
Pletzer: Es ist ja auch ein Gewinn für die Unternehmen.
Mariacher: Es gibt keinen „Ärger“ dadurch. In das operative Geschäft kann ein normaler Betriebsrat nicht eingreifen. Ein Betriebsrat sollte kein Feindbild sein oder als Störfaktor in der Geschäftsführung gesehen werden.  
Dellemann: Ein Arbeitgeber, der schon mit Betriebsrat umgeht, weiß, dass es leichter ist mit einer kleinen Gruppe zu verhandeln als mit jedem einzelnen Mitarbeiter. Es gibt Statistiken über Jahre, dass Unternehmen, die Betriebsräte haben, langfristig erfolgreicher sind.

Wie steht die AK zu den verkürzten Ruhe- bzw. neuen Wochenendregelungen, z.B. im Handel und Tourismus?
Dellemann: Das ist ein Familienkiller-Argument.
Pletzer: Es geht natürlich auch auf die Gesundheit.
Deutinger: Dieses arbeitsmedizinische Argument geht immer wieder unter. Man darf nicht vergessen, dass es darum geht, die Lebensarbeitszeit zu verlängern. Wie sollen die Leute das mit dieser Belastung bis 70 machen? Man muss das nicht nur im Akutfall sehen, schließlich muss man 40-50 Jahre arbeiten und daher mit den Belastungen haushalten.
Pletzer: Mit der Dauer der Arbeitszeit steigt natürlich das Risiko, dass ein Arbeitsunfall passiert.
Mariacher: Und der wesentliche Punkt ist die Kinderbetreuung. Am Land sind wir schlecht aufgestellt und den Kommunen fehlt dafür oft das Geld. Wenn ich schon so etwas einführe, müssen die Rahmenbedingungen auch gegeben sein. Wir haben Seitentäler und da erwischt es die Leute.
Deutinger: ... nicht zuletzt in der Verkehrsfrage.
Mariacher: Wie sollen die Leute denn pünktlich zur Arbeit kommen? Die Gesetzgebung ist toll, das klingt gut, aber über alles darüber gezogen ist das ein Wahnsinn. Es hat noch keiner über die Begleiterscheinungen gesprochen: Infrastruktur, Gesundheit etc. Und das muss ja auch gezahlt werden.
Dellemann: Interessant ist ja: Europaweit sind wir in Österreich, was die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden anbelangt, mit an der Spitze.

Wenn wir von der Arbeitszeit reden: Es gibt auch Fraktionen, die drastisch verkürzte Arbeitszeiten fordern. Ist das in Hinsicht auf Leistung und Lebensverdienst zukunftsfähig?
Dellemann: Das ist jetzt ein langes Thema. Zunächst gibt es ja bei uns im Bezirk sehr viele Teilzeitbeschäftigte, insbesondere im Tourismus. Aber auch die Industrie nutzt die Schichtmodelle.
Pletzer: Im Bezirk liegt die ganzjährige Vollzeitbeschäftigung bei 43 Prozent, also weniger als die Hälfte. In Tirol ist dieser Wert generell niedrig.
Deutinger: Das ist natürlich eine politische Frage. Wir sind z.B. für eine generelle Arbeitszeitverkürzung. Die Produktivität steigt. Da muss man die Arbeitzszeiten verkürzen. Das geht natürlich nicht ganz schnell, aber man muss bedenken, die 40-Stunden-Woche ist in den Siebzigerjahren eingeführt worden.
Dellemann: Der Mensch wird von der Digitalisierung voll erfasst und vieles ist auch in Heimarbeit möglich. Immer mehr kommt das herein in die Arbeitswelt, die Produktivität steigt horrend. Der Mensch braucht aber natürlich Geld: Wer zahlt denn die Arbeitszeitverkürzung?  Der Mensch von 35 bis 50 kann sich das nicht leisten, weniger zu arbeiten. Aber wenn die Arbeitnehmer von dem Einkommen leben können, sind wir voll dabei. Das ist  ein wichtiger Zusammenhang.
Pletzer: Im Bezirk liegt das mittlere Nettoeinkommen bei 1.277 Euro. Damit sind wir gegenüber dem Tiroler Durchschnitt um acht Prozent gefallen und gegenüber dem Österreichschnitt um 12 Prozent.
Dellemann: Wir sind damit im letzten Drittel und das trotz hoher Beschäftigungsquote oder gerade deswegen.
Pletzer: Die Zahl der Beschäftigungsverhältnisse ist von 2012 bis 2017 um 8,1 Prozent gestiegen. Die Bevölkerung ist auch um drei Prozent gestiegen. Wobei man da sagen muss, dass vor allem die älteren Menschen mehr geworden sind und die jungen weniger. Von 2012 bis 2017 wurden die Über-65-Jährigen um 26 Prozent mehr und bei den Unter-15-Jährigen sind es um 11 Prozent weniger.
Dellemann: Dazwischen ist darüber hinaus spürbar, dass sich junge Arbeitskräfte woanders umschauen.

Wie kann man diesem „Working poor“ entgegen wirken?
Dellemann: Hart gesagt, man hat den Tourismus in dieser einen Beziehung als kleinen Klotz am Bein. Man braucht mehr Industrie und Gewerbe wobei das Gewerbe im Bezirk sehr gut funktioniert.
Pletzer: Von den ganzjährig Vollzeitbeschäftigten im Bezirk sind nur 8 Prozent in Beherbungs- und Gastronomiebetrieben tätig.
Deutinger: Und da sind wir wieder beim Thema Betriebsrat. Es gibt ja im Bezirk relativ große Unternehmen ohne dieses Instrument. Aber mit Betriebsrat wird generell besser gezahlt.

Wie ist das Bewusstsein der AK-Mitglieder über das Service der Kammer?
Pletzer: Es wird schon sehr gut angenommen, 70 Prozent sind arbeitsrechtliche Anfragen. Und die Beratungsleistungen werden konstant nachgefragt. 2018 haben wir 3.800 persönliche Beratungen durchgeführt und 6.400 telefonische. Und die anhängigen Fälle wurden zu 90 Prozent außergerichtlich bereinigt.  
Dellemann: Wir haben als Kammerräte viel Kontakt zu den Mitgliedern. Nicht nur der Betroffene ist positiv von der Kammer überzeugt, sondern auch sein Umfeld.
Mariacher: Oder auch Konsumentenschutz: ein ganz wichtiges Thema. Wenn die Arbeiterkammer das nicht machen würde – wo sollen die Leute denn hingehen?  
Sturm: Ich sitze selber im Konsumentenschutz. Es ist die einzige Anlaufstelle, wo sich unsere Mitglieder hinwenden können. Ich wüsste jetzt auch keine andere, wo ich hingehen kann, ohne dass ich etwas zahlen muss.
Mariacher: Ich spreche mich daher gegen die geforderte Reduzierung (die FPÖ forderte u.a. eine Reduktion der Kammerbeiträge, Anm. d. Red) aus. Das ist ein No-Go, da habe ich  auch kein Verständnis. Die Arbeitnehmer bekommen hier ein Rundum-Service, das am freien Markt ein Vielfaches kosten würde.  
Pletzer:  Ergänzend zu den Beratungsleistungen haben wir ja diverse Angebote wie Betriebskostencheck, Vorträge wie Erben und Schenken, etc. – das sind ganz gut besuchte Angebote.  
Sturm: Was ich noch ganz gerne loswerden will: Nahezu 70 Prozent sind gegen die Abschaffung der AK. Die Beratungen wären früher oder später nicht mehr zu leisten. Die Fraktionen sind daher gegen die Reduktion.
Dellemann: Das plakative Argument der Werbekosten, das hier angeführt wird: Was ist das denn? Die Arbeiterzeitung, die für alle Mitglieder angeboten wird, selbst für Pensionisten.  Diese allgemeine Information ist so viel wert. Das ist keine Werbung, das ist Wissen. Das ist es uns wert. Thema Sozialpartnerschaft: Informierte Wirtschaftstreibende sind genauso an einer Sozialpartnerschaft interessiert wie wir. Wenn wir aber geschwächt werden, geht das in die falsche Richtung. Dann haben wir den Arbeitskampf auf der Straße.
Pletzer: Wir bieten ja auch Leistungen für Menschen, die keine Umlage zahlen, wie etwa Schüler oder Pensionisten. Beispiel Wirtschaftsplanspiele.
Deutinger: Immer ein Highlight sind auch die Schülerferienaktionen.
Mariacher: Die Institution Arbeiterkammer ist wichtig und wird immer wichtiger werden.
Elisabeth Galehr

Bild: AK-Leiter Christian Pletzer (2.v.r.) und die Kammerräte Gerald Sturm, Helmut Deutinger Siegfried Dellemann sowie Heribert Mariacher diskutierten mit dem Kitzbüheler Anzeiger über die Zukunft der Arbeiterkammer. Alle richten einen Appell an die Mitglieder: „Wählen gehen!“ Foto: Galehr

 
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