01.03.2020
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Kälbertransporte rütteln auf

Für blankes Entsetzen sorgte vor Kurzem das Videomaterial, mit dem der „Verein gegen Tierfabriken“ (VGT) das qualvolle Ende österreichischer Kälber im Libanon aufzeigte. Eines der Tiere stammte ursprünglich aus dem Bezirk.

Bezirk  | Es sind Bilder, die ihre Wirkung nicht verfehlen: Das vom VGT dokumentierte Tierleid schlug in Österreich hohe Wellen. Die Tierschutzaktivisten hatten den Weg dreier heimischer Kälber – eines davon aus dem Bezirk Kitzbühel – über den tausende Kilometer langen Transport nach Spanien bis hin zur barbarischen Schlachtung im Libanon aufgezeigt. Tobias Giesinger vom VGT macht die Struktur der heutigen Milchwirtschaft für die dramatischen Folgen verantwortlich: „Der Import von Futtermitteln, der Export von Milchprodukten und das Schicksal der Milchkälber zeigt klar, dass sich die kleinbäuerliche Landwirtschaft in Österreich zu einer globalisierten Industrie entwickelt hat. Je mehr Milch produziert wird, desto mehr Kälber müssen geboren werden. Eine konsequente Systemänderung ist deshalb dringend notwendig, um diese Transporte zu beenden.“

„Heimischen Markt stärken“
Tirols Landwirtschaftskammerpräsident und Unterländer NR-Abgeordneter Josef Hechenberger betont gegenüber dem Kitzbüheler Anzeiger: „Jedem Bauern geht es sehr schlecht damit, wenn er diese Bilder sieht – es läuft einem kalt über den Buckel. Denn wenn du kein Herz für Tiere hast, beschäftigst du dich schließlich nicht mit ihrer Aufzucht.“ Die Praxis sehe so aus, dass der einzelne Landwirt seine Tiere an einen Zwischenhändler verkauft, der sie wiederum weiter vermarktet.
Hechenberger setzt sich dafür ein, dass der heimische Absatzmarkt gestärkt wird. So könne man verhindern, dass die Kälber überhaupt woandershin gehen. „Über 70 Prozent des in Tirol konsumierten Kalbfleisches kommt aus dem Ausland“, beklagt er. Heimische Landwirte müssen auf dem Markt gegen Fleisch aus industrialisierter Mast bestehen. Die Aufzucht unter hohen Standards in den hiesigen Kleinstrukturen „schaffen wir zu diesem Preis nicht und damit wollen wir auch gar nicht konkurrieren.“ Dieses Gefälle bedingt eine groteske Schieflage am Markt. Daher wolle man in Tirol sichtbar machen, woher das Fleisch stammt und das Bewusstsein stärken. „Mich ärgert es, dass wir diese Importe nicht abstellen: wir wollen in Tirol veredeln und in Tirol servieren.“ Die Nachfrage sei durchaus gegeben, wie Hechenberger betont. Gerade hier zeige sich auch wieder die Macht des Konsumenten: „Wichtig ist, dass ich im Geschäft heimisch einkaufe und in der Gastronomie kritisch hinterfrage“, ergänzt der LK-Präsident. In diesem Zusammenhang verweist er einmal mehr auf ein wichtiges Anliegen der Tiroler Landwirtschaft, die transparente Herkunftskennzeichnung.

In Bezug auf die derzeit bestehende Problematik fordert  Hechenberger – im Einklang mit Ministerin Elisabeth Köstinger – ein Verbot des Transports von Lebendschlachtrindern in Drittstaaten. Sozialminister Rudi Anschober hat in einer ersten Reaktion auf die jüngsten Veröffentlichungen von Berichten über Milchkälber-Exporte über Spanien in den Libanon einen „Tierschutz-Gipfel“ angekündigt. Dieser wurde nun für den 17. März fixiert. Anschober dazu: „Tierschutz darf nicht an Österreichs Außengrenzen enden. Daher muss auch das EU-Recht dringend überprüft und reformiert werden.“ Gemeinsam wolle man sich auf EU-Ebene für verbesserte Regelungen einsetzen. Das Anliegen des VGT fasst Tobias Giesinger nochmals zusammen: „Wir fordern, dass die EU-Verordnung konsequent eingehalten wird, was direkte Transporte in Drittstaaten von heute auf morgen beenden würde. Zusätzlich kein Transport von nicht-entwöhnten Tieren, so wären die drei Rinder aus Österreich gar nicht erst im Libanon gelandet.“ Elisabeth Galehr

Aus meiner Sicht - Höchste Zeit zum Umdenken
Es erschüttert und macht traurig: das Video des Vereins gegen Tierfabriken (VGT), das den Weg von heimischen Kälbern in den Libanon und dort ihren Tod zeigt. Mehr als 21 Stunden sind die zwei bis vier Wochen alten Kälber im Transporter zusammengepfercht – eine Versorgung der Tiere gibt es nicht, denn ein entsprechendes Tränke­system fehlt. Für einige der Kälber ist Spanien die Endstation, viele werden aber verschifft und kommen in den Libanon, wo sie bei vollem Bewusstsein geschächtet werden.  

Es ist ein kurzes, aber vor allem trauriges Leben, das diese Kälber haben. Nach der Geburt gleich von ihrer Mutter getrennt, geht es in den sicheren, qualvollen Tod.
Woher die Kälber kommen, ist zweitrangig. Schockierend ist der Umgang der Menschheit mit anderen Lebewesen. Tiere werden nur als Ware gesehen, dementsprechend grob wird oft mit ihnen umgegangen. Es ist höchste Zeit, dass auch Tiere, die auf unseren Tellern landen, vom Gesetz her als Lebenwesen eingestuft und auch wie solche behandelt werden. Art- und tiergerechte Haltung sowie ein Abschied von den Tierfabriken mehr als wünschenswert. Ein positiver Nebeneffekt dabei wäre, dass es keinen Etikettenschwindel bei Eiern wie in Oberösterreich mehr geben würde und der Konsument den Aufschriften auf den Verpackungen mehr trauen könnte. Apropos Beschriftungen: Vielleicht bräuchte es Schockbilder über die Tierhaltung auf den Verpackungen von Billigfleisch, um die Menschheit für ein mehr an Tierwohl zu sensibilisieren. Billig ist nicht immer gut – einen Verlierer gibt es dabei immer.
Elisabeth M. Pöll - poell@kitzanzeiger.at

27 Millionen Tiere wurden im Jahr 2017 zur Mast oder zur Schlachtung aus dem Ursprungsland Österreich lebend exportiert. Foto: VGT

 
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