22.04.2020
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Hoffen auf Impfstoff Ende des Jahres

Die Forschung in Sachen COVID-19 läuft auf Hochtouren. Wie genau vorgegangen wird, fragte der Kitzbüheler Anzeiger Stefan Kähler, Vorsitzender des PHARMIG Standing Committees Klinische Forschung. Die PHARMIG ist die freiwillige Interessenvertretung der österreichischen Pharmaindustrie.

BezirkWie können bereits bestehende Medikamente zur Behandlung von Coronapatienten eingesetzt werden?
Es gibt zwei Möglichkeiten. Was momentan passiert ist ein „Heilversuch“, der sogenannte Off-Label-Use. Wenn ich keine Therapien zur Verfügung habe, kann ich ein Medikament, das zugelassen ist, bei einer anderen Indikation einsetzen, wenn ich glaube, dass es einen Nutzen hat. Genau das ist jetzt auch passiert, mit verschiedenen Produkten. Was man noch machen kann – und das ist relativ neu – ist das „Compassionate Use“-Programm (Compassionate Use bietet die Möglichkeit, Patienten noch nicht zugelassene Arzneimittel zur Verfügung zu stellen, für deren Krankheit keine adäquaten Behandlungsmöglichkeiten existieren und die für den Einschluss in einer klinischen Prüfung nicht in Frage kommen, Anm.d.Red.).

Das ist eine spezielle Gesetzgebung. Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA lässt Compassionate Use zu, wenn einer der Mitgliedsstaaten das verlangt. Unter kontrollierten Bedingungen darf man das Produkt dann verwenden. Hier müssen verschiedene Daten gesammelt bzw. generiert werden, um zu zeigen, dass das Produkt einen Nutzen hat und die Sicherheit gewährleistet ist. Was noch machbar ist, ist eine klinische Prüfung. Das sind die ersten Ansätze. Es gibt momentan über 220 Studien. Das geht auch schneller. Man hat quasi Glück im Unglück: Man kennt schon Substanzen, die bereits bei SARS gewirkt haben. Deswegen hat man sofort versucht, diese off-label einzusetzen. Das ist der schnellste Weg. Wenn man ein komplett neues Arzneimittel entwickeln muss, dauert das 13 Jahre. Der Vorteil ist, dass man von SARS und MERS schon mehr über Coronaviren weiß.

Wie sieht es mit dem Forschungsstand für Coronamedikation aus?
Dabei geht es vornehmlich um Impfstoffe, oder darum, entsprechende Antikörper aus Plasmaspenden nachzubauen. Die klinischen Studien dazu starten schon. Es gibt zwei Ansätze: protektiv vor der Viren-Exposition, d.h. das gebe ich einem Gesunden. Da muss die Sicherheit des Produkts gegeben sein, weil ich einen großen Teil exponiere. Dann gibt es die andere  Schiene – ich immunisiere einen Kranken mit Antikörpern.

Wann kann man mit einem Impfstoff rechnen?
Die Studien laufen jetzt, bis man die Daten ausgewertet hat, wird es vermutlich im Frühherbst so weit sein. Die EMA wird die ganzen Sicherheitsdaten begleiten. Dann muss das Zulassungsverfahren laufen. Ich gehe davon aus, dass, wenn alles gut funktioniert, es im vierten Quartal dieses oder dem ersten Quartal des kommenden Jahres einen Imfpstoff geben wird. Man muss optimistisch sein. Es ist gut, dass es verschiedene Ansätze gibt, weil einer ja danebengehen kann. Am Schluss bleibt einer hoffentlich als vielversprechend übrig. Das muss man dann im gr0ßen Maßstab einsetzen. Zunächst muss man eingrenzen: Das heißt, es kriegen die, die es am nötigsten brauchen, und dann die, die wir besonders schützen wollen. Was hier wichtig ist, ist dass sich diese Personen auch impfen lassen, weil so eine Impfung ja freiwillig ist. Ähnlich wie bei Influenza und Pneumokokken. Wir brauchen eine gute Durchimpfrate. Die Situation macht den Menschen vielleicht ein bisschen klarer, wie wichtig es ist, dass man sich impfen lässt – auch die Kinder – z.B. gegen Masern oder FSME. Jetzt wird einem vielleicht bewusst, dass man das wirklich nützen sollte. Denn wenn ich die Krankheit erst habe, wird es schwierig.

Welche Rolle kann Österreich hier spielen?
International haben alle Pharmaunternehmen ihr Portfolio durchgeschaut, welcher ihrer „Kandidaten“ am besten bei COVID-19 wirken könnte. Die Cluster in Österreich und Deutschland haben irres Knowhow. In Österreich arbeiten z.B. viele Startups daran, Impfstoffe zu generieren. Es wird breit geforscht.

Bleibt Corona ein Begleiter unseres Lebens, der immer wiederkehrt oder kann dem Virus mit entsprechendem Arsenal „der Garaus“ gemacht werden?
COVID-19 ist ein Coronavirus wie andere auch. Sie werden immer mit uns leben. Wenn wir uns durchimpfen lassen, wird es nicht mehr in so großem Maße auftreten. Wir leben damit, wir können uns nur schützen und Epidemien und Pandemien künftig verhindern. Aber das Virus können wir nicht ausrotten, er ist immer wieder da. Deswegen hofft auch jeder auf eine Impfung. Es gibt darüber hinaus ein großes Interesse an der Geschwindigkeit – einen Impfstoff kann ich nur testen, wenn ich Infizierte habe. Das ist jetzt die Chance, zu sehen, ob das Serum wirklich wirkt. Deswegen nutzt man jetzt dieses Fenster.  Stefan Kähler war zehn Jahre lang im Bezirk Kitzbühel tätig. Interview: Elisabeth Galehr

Stefan Kähler im Interview. Foto: privat

 
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