26.02.2018
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Handwerk, ganz genau betrachtet

Dem Handwerk wird zusehends der goldene Boden unter den Füßen weggezogen. Das zeigt eine UNESCO-Studie, die vergangene Woche auf Einladung des „Netzwerks Handwerk“ in Hopfgarten präsentiert worden ist.

Hopfgarten  | Handwerk ist mehr als ein Beruf. Handwerk ist aber auch keine Liebhaberei, um der Tradition willen. Vielmehr erfüllt das Handwerk zahlreiche sozial-ökonomische Funktionen, eine der wichtigsten davon ist die Ausbildung der nächsten Generation.

Mag diese Erkenntnis auch vielen der Anwesenden bei der Präsentation bewusst gewesen sein, für etliche Entscheidungsträger in der höheren Politik benötigte es dennoch eine offizielle Studie, um das aufzuzeigen. Autorin Heidrun Bichler-Ripfel fasste die wichtigsten Punkte vergangene Woche in einem Vortrag in Hopfgarten zusammen und kommentierte dazu: „Das Handwerk ist wissenschaftlich bis dato nicht abgebildet worden.“ Ein Versäumnis, das mittlerweile umfangreich nachgeholt worden ist. So wurde unter anderem ein Status quo erhoben: Welche Handwerke gibt es? Welche Funktionen hat das Handwerk und wie funktioniert die Weitergabe an die nächste Generation?  Wichtig ist aber nicht zuletzt die Frage, wie Handwerk nachhaltig gestärkt werden kann.

180 verschiedene Handwerksberufe

Derzeit gibt es in Österreich 180 unterschiedliche Handwerksberufe, die systematisch weitergegeben werden. Im Jahr 1954 waren es 249 Handwerksberufe sowie weitere 63 Fertigkeiten, die ohne Lehre vermittelt wurden (z.B. Korbflechten).

Die Vertreter der Branche zeichnen sich durch hohe Kenntnis ihres jeweiligen Rohstoffes aus. Gleichzeitig zeigt sich das Handwerk regional und in der Tradition stark verwurzelt.  Das gipfelt in einer engen Beziehung sowohl zu den Mitarbeitern als auch zu den Kunden. „70 Prozent der Kunden eines Handwerkers sind Stammkunden“, sagt Bichler-Ripfel.

Lehre als Motor des Wissens

Ein wesentlicher Punkt, der sowohl dem Staat als auch der Gesellschaft zugute kommt, ist das Thema Ausbildung. Die Lehre ist logischerweise immer noch das klassische Mittel, um das handwerkliche Wissen weiterzugeben. „Den Menschen ist oft gar nicht bewusst, was ein Handwerker alles können muss“, ist sich die Studienautorin sicher. Dabei kann grundsätzlich gesagt werden, dass der jeweilige Meister zuerst ein Handwerk gründlich erlernt, es dann im Laufe seiner Tätigkeit weiter entwickelt und schließlich auf höherem Niveau an die Jugend vermittelt.

Trotz der Stärken des Handwerks, ist es in der modernen Zeit unter Druck geraten. Die Studienautorin machte einige Risikofaktoren aus. So sinkt die Attraktivität sowie das soziale Ansehen einer Lehre – vor allem im Osten Österreichs. Gleichzeitig gerät der heimische Markt durch Arbeiter aus Billiglohnländern in‘s Hintertreffen.  Hinzu kommen belastende Rahmenbedingungen, wie etwa eine starke Bürokratie. „Bürokratie legt das Handwerk in Fesseln“, stellte Bichler-Ripfel klar.

Durch diese Faktoren sinkt oftmals das für den Betrieb verfügbare Kapital, die persönliche Arbeitsbelastung des Meisters bzw. der Meisterin steigt. „Je stärker der Wettbewerb, desto schwieriger ist es, die soziale Komponente des Handwerks auszuüben“, ergänzte Bichler-Ripfel.
Sie plädierte dafür, „dem amazonisierten Kaufverhalten des Kunden etwas entgegenzusetzen.“ Denn die Kunden hätten schlichtweg verlernt, zum Handwerker zu gehen.

Wie aber eine Gesellschaft ohne diese Zunft ausschaut, zeigt ein Blick über den Kanal. Denn in England ist eine derartige Kultur mittlerweile fast verschwunden. Dabei kann gerade ein funktionierendes Handwerkswesen wesentlich dazu beitragen, dass ein Markt krisensicher bleibt, wie Bichler-Ripfel ergänzt. Daher plädiert sowohl das Netzwerk Handwerk als auch die Studie dafür, dass man die Leistungen der Branche in der Öffentlichkeit sichtbarer macht. „Handwerk ist mehr als Produkt und Dienstleistung“, sagt Heidrun Bichler-Ripfel.
Die Studie steht in digitaler Form auf www.unesco.at bereit.
Elisabeth Galehr

Bild: Das Handwerk ohne Netz und goldenen Boden? Nicht wenn es nach Studienautorin Heidrun Bichler-Ripfel, Netzwerk-Handwerk-Obmann Rainer Höck und Franz Stöckl von der Wirtschaftskammer Kitzbühel geht (v.r.). Foto: Galehr

 
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