04.03.2018
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„Gegen wen soll ich kämpfen?“

Bei Meinhard Feichter wurde Knochenmarkskrebs im dritten Stadium diagnostiziert. Der Familienvater vereinbarte mit der lebensbedrohenden, unheilbaren Krankheit ein „Gentlemen‘s Agreement“. Seine Gedanken hält er in dem Buch „Gezählte Tage sind kostbare Tage “ fest – ein Erfahrungs- und Mutmachbuch.

Was hat Sie dazu bewegt, ein Buch über Ihre Krankheit zu schreiben?
Das ist eine gute Frage an mich als Buchhändler. Ich könnte ja auf die vielen Bücher verweisen, die es zu diesem Thema schon gibt. Der Urgedanke war auch nicht ein Buch zu schreiben, sondern ich wollte meinen Kindern meine Gedanken in Form von Texten hinterlassen. Mein Freund und Co-Autor Ulrich Schaffer hat mich darin bestärkt, dass meine Texte auch andere Menschen interessieren könnten. Mein Anspruch war, dass jemand, der das Buch liest, auch einen Nutzen daraus ziehen kann.

Sie haben ein „Gentlemen’s Agreement“ mit dem Krebs getroffen?
Wenn Krankheiten in ein Leben hereinbrechen, dann herrscht der allgemeine Tenor, dass man kämpfen soll, die Waffen ziehen muss und nicht aufgeben darf... Ich wusste aber nicht, gegen wen ich kämpfen soll. Ich kam mit dem Bild des ‚in den Kampfziehens‘ nicht klar, stattdessen hab ich versucht den Tumor anzunehmen und mit ihm auf Augenhöhe zu kommen.
Ich habe den Tumor ein Stück weit personalisiert und zu ihm gedanklich gesagt: ‚Kollege du bist jetzt da, du hast mich zwar ganz schön umgehauen, wir wollen jetzt aber gemeinsam versuchen  ein Auskommen zu haben.‘ Und jetzt haben wir zwei schon über der medizinisch vorhergesagten Zeit ein Auskommen miteinander gefunden – mal besser, mal schlechter.

Sollten wir uns das Zitat am Beginn ihre Buches „Wir können das Leben nicht verlängern, aber wir können es verdichten“ (Roger Willemsen) öfter vor Augen halten?
Ich denke, dieses Zitat sollte sich jeder einprägen, der bewusster leben möchte. Es verspricht die konkrete Aussicht auf eine qualitative Verbesserung unseres Lebens. Wir sollten achtsamer sein und mehr im Jetzt leben. Wenn man die  Kraft der Gegenwart aktiv nutzt, verdichtet sich der Moment, der Tag und auch das Leben. Unser Wunsch,  länger oder gar  ewig zu leben ist eigentlich zweitrangig – was zählt, ist der Augenblick.

Welche Rolle spielt Glaube in Ihrem Leben?
Ich hatte das Glück, in eine gläubige Familie hineingeboren zu sein. Ich habe Gott schon früh als Kind, als einen liebenden Vater kennengelernt und dieses Bild trage ich immer noch in mir. Der Glaube bewirkt bei mir, dass ich das Leben anders betrachte – eben auch spirituell, nicht rational. Die Tiefe und Kraft der Spiritualität liegt in jedem Menschen, egal in welche Kultur er hineingeboren wird.

Sie schreiben, drei wichtige Dinge sind: Dankbarkeit, Vergebung und Annahme.
Diese drei Begriffe gehören zum sogenannten ‚gesunden Denken‘, geprägt von Viktor Philippi. Er geht davon aus, dass diese drei Eckpfeiler positive Energie in ein Leben bringen und auch körperliche Folgen haben.
Dankbarkeit klingt vielleicht banal, hat aber eine ganz große Kraft. Es ist eine generelle Haltung des Beschenktwerdens. Man kann über fast alles dankbar sein.
Das Annehmen ist oft ein schwieriger Prozess, aber auch ganz wichtig. Es geht um das Zurechtkommen mit einer Situation, anstatt sich zu beklagen. Sich darauf zu konzentrieren, was noch gut ist. Man sollte nicht zu viel Energie an Fragen verschwenden. Warum ist mir das passiert? Was habe ich falsch gemacht? Warum ich? – Das  sind Fragen, die zulässig sind, einen aber nicht weiterbringen.
Das Vergeben ist ein zentraler Aspekt, der uns immer wieder begegnet. Vergeben ist eine Herausforderung. Wir treffen jeden Tag Entscheidungen, die falsch sein können, die Menschen verletzten – auch wenn wir es nicht so meinen. Es geht darum, wie kann ich mir selbst und auch anderen vergeben. Wie werde ich nicht zu einem nachtragenden Menschen.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Ich habe nicht mehr Angst vor dem Tod. Ich vermute, der Tod ist zu dem gnädiger, den er holt, als zu denen, die zurückbleiben. Es gibt auch Momente, wo ich neugierig bin, was mir der Tod zu bieten hat. Wovor ich jedoch Angst habe, sind Schmerzen. Das Schlimmste was passieren könnte, wäre wenn ich meine Schmerzen nicht mehr zu kommunizieren vermöchte.

Für Familie und Freunde ist die Erkrankung eines geliebten Menschen schwer zu ertragen, wie wünschen Sie sich, dass man Ihnen begegnet?
Ich kann mit Mitleid wenig anfangen, wie viele andere Kranke auch. Ich habe das große Glück, dass man mir die Krankheit im Moment nicht ansieht – das macht es für andere Menschen leichter, auf mich zuzugehen. Ich freue mich, wenn jemand Mitgefühl zeigt, wenn man sich auf Augenhöhe austauschen kann – Mitleid möchte ich aber nicht.
Ich wünsche mir viel Normalität. Ich möchte so lange es geht, weitgehend selbstbestimmt leben. Je mehr Alltag ich haben darf, umso schöner und besser.
Johanna Monitzer

 
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