18.09.2017
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Gefährlichster Ort ist die Familie

Die Zahl der angezeigten Kindesmissbrauchsfälle ist leicht steigend. Da die meisten Täter aus dem engeren Familien- oder Bekanntenkreis stammen, ist die Dunkelziffer aber wohl weitaus höher.

Bezirk | Ein 38-jähriger Mann soll im Bezirk Kitzbühel zwei  unmündige Burschen missbraucht haben. Zudem besteht der Verdacht, dass der Mann sich Zugang zu pornographischen Darstellungen mündiger und unmündiger Jugendlicher verschafft haben soll. Der Mann, der in die Justizanstalt Innsbruck eingeliefert wurde, zeigt sich geständig, heißt es dazu vom Landeskriminalamt Tirol. Durch einen Zufall habe man Hinweise auf die Missbrauchsfälle erhalten und sei dem dann nachgegangen, schildert Ermittlungsbereichsleiter Gottfried Mauracher gegenüber dem Kitzbüheler Anzeiger. „Der Täter war ein Einzeltäter. Weitere Opfer haben sich bis dato nicht gemeldet“, informiert Mauracher. Mehr Details zur Straftat will die Polizei aber aus Opferschutzgründen nicht nennen.

2015 wurden über 600 Fälle angezeigt

Laut Statistik des Bundesinnenministeriums wurden im Jahr 2015 in Österreich 616 strafbare sexuelle Missbrauchsfälle  von unmündigen Kindern angezeigt, 304 davon wurden als „schwer“ beurteilt. In Tirol wurden insgesamt 35 Fälle bekannt, 17 davon wurden als „schwer“ beurteilt. „Die Zahl der angezeigten Missbrauchsfälle bei unmündigen steigt in Tirol leicht an“, berichtet Mauracher.

Die Dunkelziffer ist aber wohl weitaus höher, wie Martin Schölzhorn, Fachbereichsleiter der Tiroler Kinderschutzzentren erklärt. Die Kinderschutzzentren sind Einrichtung der Tiroler Kinder und Jugend GmbH. Sie bieten seit 25 Jahren Beratung und Hilfe bei jeder Art von Gewalt an Kindern an. Die nächstgelegene Außenstelle der tirolweit agierenden Einrichtung befindet sich in Wörgl.

Täter versuchen die Kinder zum Schweigen zu bringen. Kinder halten sich zudem oft für schuldig und hegen Zweifel, ob ihnen geglaubt wird. „Die Scham ist groß. Wenn es zu einer Anzeige kommt, ist das meist die Spitze des Eisberges“, veranschaulicht Schölzhorn.  

In sehr seltenen Fällen ist ein Fremder der Täter

Bei den Tätern handelt es sich meist um Bezugspersonen der Kinder. „Das macht es den Kindern noch schwerer darüber zu sprechen, denn die Täter sind meist im Familienverband, wie Stiefväter oder Onkel, oder Bezugspersonen, wie z.B. Trainer, denen die Kinder vertrauen“, erklärt Schölzhorn. Sehr selten gäbe es Fälle, wo komplett Fremde Kinder missbrauchen. „Der gefährlichste Ort für Kinder ist die Familie. Im Familienkreis wird die meiste Gewalt ausgeübt“, sagt Schölzhorn.

Hat der Missbrauch sehr früh begonnen, verstehen Kinder oft noch nicht, was mit ihnen passiert oder es fehlt ihnen an Ausdrucksmöglichkeiten, um zu erklären, was mit ihnen geschieht. Wie kann man Kinder stärken, damit sie sich wehren können? „Es geht hier vor allem um die Bereitschaft der  Erwachsenen sich mit dem Thema Missbrauch auseinanderzusetzen und offen darüber mit den Kindern zu sprechen“, erklärt Schölzhorn. Es gibt diverse Literatur, die die Eltern dabei kindgerecht unterstützt. Auch werden vom Kinderschutz Tirol und von der Polizei immer wieder Präventionsprojekte an Schulen und Kindergärten angeboten.

Was tun bei einem Verdacht?

Obwohl jedes Kind auf sexuelle Gewalt anders reagiert, gibt es verdeckte Hilferufe, die auf Gewalterfahrungen hinweisen können. So treten oft Schlafstörungen und Alpträume auf. Die Kinder verändern ihr Verhalten, die Leistungen in der Schule werden schlechter, sie entwickeln eine Essstörung oder waschen sich oft bzw. gar nicht mehr. Auch bei einem Verdacht bietet der Kinderschutz Tirol Beratungen an. „Besorgte Eltern, Lehrer, Freunde, Bekannte etc. können sich an uns wenden. Wir besprechen dann weitere Schritte“, erklärt Schölzhorn.

Kinder werden nicht alleine gelassen

Wenn es zu einer Anzeige und einem  Prozess kommen sollte, bieten die Experten der Kinderschutzzentren Begleitung und Unterstützung an. „So ein Prozess ist eine enorme seelische Belastung für die Kinder und Angehörigen. Darüber hinaus bieten wir für Missbrauchsopfer psychologische Therapien an“, informiert Schölzhorn.

Der Fachbereichsleiter ortet keinen Rückgang der Gewalt an Kindern. „Die Gewalt ändert sich durch die Digitalisierung. So sind die Auswirkungen der umfassenden Sexualisierung unserer Gesellschaft, z.B. durch für jeden zugängliche Pornographie im Internet, vielen noch gar nicht bewusst“, so Schölzhorn.

Informationen und anonyme kostenlose Hilfe unter www.kinderschutz-tirol.at und www.gewaltinfo.at oder bei der Familienberatung der  örtlichen Sozialsprengel.
Johanna Monitzer, Foto: Symbolfoto: angieconscious  / pixelio.de - www.pixelio.de

 
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